In der Ruhe liegt die Kraft

Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis am 22.10.2017

Predigttext: Markus 1,32-39

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Der heutige Predigttext erzählt von Kranken und von Jesus. Ich lese ihn aus dem Markusevangelium Kapitel 1, 32-39: lesen

 

Die Leute brachten Kranke zu Jesus.  Sie liefen nicht selber zu Jesus. Sie wurden gebracht.

Schon dieser erste Satz kann uns zum Nachdenken bringen: Wo haben wir uns um Kranke gekümmert? In der eigenen Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft? Ich weiß, dass schon Kinder und Jugendliche mit kranken Geschwistern und Eltern aufwachsen und für sie sorgen. Manchmal haben sie selber zuhause so viel Verantwortung, dass sie nicht locker und frei ihr junges Leben leben können.

Ich denke an die Eltern, die sich um die Gesundheit ihrer Kinder sorgen. Wie große Kümmernisse haben manche Eltern um ihre Kinder. Einige haben schon viele Arztbesuche oder Krankenhausbesuche mit ihren Kindern hinter sich. Da haben schon Jugendliche Herzprobleme oder Allergien, die das Leben komplett beeinträchtigen. Und auch wenn die Kinder erwachsen sind, tauchen plötzlich Krankheiten auf, die die Eltern mit Sorge erfüllen.

Ich denke auch an die Erwachsenen, die sich um ihre alten Eltern kümmern. Die hin und her pendeln müssen zwischen ihren Kindern und den Eltern und dabei noch ihren Beruf auf gute Weise erfüllen wollen.

 

Bei den Kranken, die zu Jesus gebracht werden, sind auch Menschen, die von Dämonen befallen sind. So heißt es im Griechischen. So würden wir heute niemals reden. Auf keinen Fall sind solche Geister gemeint, die bei Halloween auftauchen, kein Hokuspokus und kein Gruselkabinett, sondern Belastendes, das die Seele beschwert: Depressionen zum Beispiel. Dunkle Gedanken, die nicht einfach so wieder verschwinden.

Die Aufzählung meint, dass Jesus aufgesucht wurde für körperliche und psychische Krankheiten.

 

Im Predigttext steht: Sie trugen die Kranken zu Jesus.

Das Wort „tragen“ ist ein starkes Wort. Es beinhaltet so viel! Nicht nur das Transportieren, sondern auch im übertragenen Sinne das Mittragen der Lasten, die Fürsorge und auch das Gebet. Wenn wir heute Menschen zu Jesus tragen wollen, dann können wir das im Gebet tun. Wenn wir für Kranke beten, tragen wir sie sozusagen zu Jesus.

Im Markusevangelium heißt es: Jesus heilte viele. Im griechischen Text steht das Wort „therapeuein“, pflegen, behandeln, heilen. Jesus therapierte sie. Er wirkte daraufhin, dass es ihnen besser ging.  Die Dämonen vertrieb er. Er warf sie hinaus. Auch das steckt im griechischen Text. Ein anschauliches Bild. Er verbot ihnen zu reden. Was für eine Sprache!

Er nimmt den schwermütigen Gedanken die Macht. An diesen sprachlichen Bildern kann ich mich erfreuen. Sie enthalten soviel Kraft. Denn sie bedeuten, dass Jesus Heilung und Hoffnung geben kann.

 

Die Realität lässt sich nicht wegreden. Die biblische Erzählung ist kein Rezept, kein Ratgeber und kein Wundermittel. Aber es kann uns inspirieren, wie wir mit dem Erleben von Krankheit umgehen können. Dass wir nämlich unseren Blick auf Jesus richten. Dass wir ihn um Hilfe bitten für uns selber und für andere.

Den Wochenspruch für diese Woche habe ich selber schon häufiger als ein Gebet gesprochen: Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf mir, so ist mir geholfen. Das habe ich für mich selber gebetet und auch für andere. Heile du sie, Herr. Heile du ihn, Herr. So wird sie heil. So wird er heil. Hilf ihnen! So ist ihnen geholfen.

 

Neulich war ich bei einem Vortrag von Henning Scherf und Anneli Keil anlässlich des Jubiläums des Ambulanten Hospizdienstes in Westerstede. Henning Scherf sagte etwas, was mich sehr beeindruckt hat: Es wäre wichtig, seine Freundschaften zu pflegen,  auch aus dem Grund, damit man in Zeiten, in denen man Hilfe braucht, Menschen hat, die einem helfen. Die einen sozusagen auch mittragen. Das fand ich einen guten Gedanken.

 

Als Jesus so vielen Menschen begegnet, macht er etwas Interessantes: Er zieht sich auch mal zurück. Am Morgen sucht er sich einen einsamen Ort zum Beten. Simon, einer von seinen Jüngern und noch einige andere laufen ihm hinterher und sagen vorwurfsvoll: Jedermann sucht dich. Aber Jesus will nicht mehr da weitermachen, wo er am Tage vorher angefangen hat, sondern er will weitergehen.

Jesus zieht sich zurück. Selbst er, der aus Gottes Kraft lebt, braucht mal Abstand, Ruhe und Gebet. Einen Ort der Stille.

Selbst Jesus kann nicht ununterbrochen heilen und predigen. Auch ihm entzieht das Kraft. Er muss auftanken, die Verbindung zu Gott suchen.

Auch er braucht Zeit, in der er für niemanden anderen da sein muss.

 

Zeiten, in denen wir für niemanden anderen da sein müssen- Haben Sie solche Zeiten? Habt Ihr solche Zeiten? Wir sollten sie uns bewahren und für sie eintreten, wenn andere sie uns nehmen wollen-so, wie bei Jesus. Mit guten Gründen kommen sie. Sie meinen es ja nur gut. Und trotzdem müssen solche Aus-Zeiten sein. Nur in solchen Zeiten kommen wir vielleicht auch zum Beten.

 

Jesus sagt NEIN zu seinen Jüngern. Nicht wörtlich, aber dem Sinne nach. Er lässt sich nicht vor ihren Karren spannen. Er sucht seinen eigenen Weg.

Ich kenne viele Leute, die Schwierigkeiten haben, NEIN zu sagen, vor allem Frauen. Deswegen gibt es Ratgeber und Coaching-Angebote zum Thema „Wie lerne ich, NEIN zu sagen?“ Vor vielen Jahren habe ich auch mal ein Seminar der Frauenarbeit dazu besucht.

Dabei wird man angeleitet, sich selbst erstmal auf die Schliche zu kommen, warum einem das NEIN-Sagen so schwer fällt. Hat man Angst, abgelehnt zu werden oder nicht gemocht zu werden? Will man nicht egoistisch oder herzlos sein? Die Botschaft ist: Du bist kein schlechter Mensch, wenn du NEIN sagst. Jesus macht es uns vor. In seiner Ruhezeit hat er für sich erkannt, was seine nächste Aufgabe ist. „Lasst uns in die nächsten Städte gehen“ sagt er zu seinen Jüngern. “Auch dort muss ich predigen. Dazu bin ich gekommen.“ Jesus hat so eine Klarheit für sich. Das finde ich vorbildlich.

 

Haben Sie gemerkt, habt Ihr gemerkt, wie wir uns dem Predigttext angenähert haben? Wir sind in die Rolle der Beteiligten geschlüpft, von denen im Markusevangelium erzählt wird: in die Rolle derjenigen, die Kranke begleiten und für sie beten. Nur kurz haben wir uns in die Rolle der Kranken hineingedacht, die selber Hilfe von anderen brauchen, Freundinnen und Freunde an der Seite und auch ihre Fürbitte. Und dann haben wir uns Jesus zum Vorbild genommen- Jesus, der nicht das macht, was andere von ihm erwarten, sondern der sich auch Zeiten der Ruhe und des Betens nimmt, der NEIN sagt und seinen Weg geht.

Ich hoffe, dass wir mit diesen drei Positionsangeboten unseren eigenen Weg finden. Amen.

-Predigttext noch einmal aus der Basis-Bibel lesen

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