Höchste Zeit!

Predigt Markus 1,32-39, 19. Sonntag nach Trinitatis, Predigtreihe III, von Pfarrer Johannes Taig

32 Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.
33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.
34 Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn.
35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.
36 Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach.
37 Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.
38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.


Liebe Gemeinde,

„Gottes Albtraum

Am Abend aber, als die Sonne unterging, brachten sie Kranke und Besessene zu ihm und Jesus heilte sie und gab hinterher ein rauschendes Fest. Seht, was ich kann und feiert mich! Saß in der Mitte, umringt von Erlösten, Geheilten und ließ aufwarten mit dem Applaus.

Ihr dürft kommen und niederknien vor mir. Gott träumt, dass Jesus aufspielen lässt alle Leute, die sich sehnten nach Frieden und Heil. Menschen, die hofften, dass das Wunder bleibt, das Wunder dieser Nacht, das Wunder vom Heil: berührt werden und angesehen sein und leben in Gottes Glanz.

Und Gott träumte und er sah seinen einzigen Sohn: wie er da saß auf einem Menschenthron und sich feiern ließ für seine Tat. Für das rechte Wort zur rechten Zeit, für die Vollmacht, die er ihm gab. Nahm das Lob entgegen und die Huldigung, und die Presse kam. Jesus füllte die Titelseiten, BILD, dpa, epd, Spiegel, ZEIT und STERN. Und am Abend, als die Sonne unterging und der Tag begann, war der Star geboren, der neue Held: Jesus Christus, der alles kann, der mit der Wunderwaffe gegen Krankheit und Tod, er ließ sich feiern von der Welt.

Und Gott wachte auf und Jesus stand auf. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Und Gott sprach zu ihm: Mein Junge, so einer wirst Du mir mal nicht! Lass uns weitergehen, in die nächste Stadt und nicht stehenbleiben bei der gestrigen Tat! Weiter, mein Sohn, immer weiter!“ (Kristin Jahn, GPM 3/2017, Heft 4, S. 452)

Ja bitte, „der Sohn Gottes braucht das nicht: das Stehen auf der Bühne, die Huldigung, das narzisstische Spiel der selbstverliebten Gockel, den Pressespiegel, das Verbleiben am berühmten Ort, das Bad in der Menge, das Gejohle.“ (Kristin Jahn, aaO.)

Wäre das nicht auch Martin Luthers Albtraum gewesen? Eine selbstverliebte und um nichts als ihren Fortbestand besorgte Kirche, die sich verzweifelt ins neue und rechte Licht der Öffentlichkeit rücken will, damit noch irgendjemand mit ihr spielt; die auf jeden Zug des Zeitgeistes aufspringt, wenn nur genug Leute drin sitzen. Martin Luther, der doch wie kein anderer wusste, dass die Kirche sich nicht selbst erhalten kann, wenn der Herr der Kirche Jesus Christus sie nicht erhält? Martin Luther, der wusste und predigte, dass der Christenmensch und mit ihm die Kirche ohne Christus nichts sind und alles und allein von Gottes Gnade und seinem Wort abhängt?

„In einem seiner letzten publizistischen Beiträge hat der frühere CDU-Politiker Heiner Geißler den Kirchen verpasste Chancen vorgeworfen. In einem Beitrag für ein Buch zum Reformationsjubiläum, das am nächsten Montag erscheint, beklagt Geißler, beide Kirchen hätten in ihren ökumenischen Bemühungen auf eine ‚Revolution‘ verzichtet. Zudem beklagte er eine Fokussierung auf das Alte Testament, wodurch die Geschichte und die Lehren Jesu in der Hintergrund geraten seien. ‚Ich habe Jesus auf dem Kirchentag und im Jubiläumsjahr vermisst‘, heißt es im Beitrag des am 12. September (diesen Jahres) gestorbenen früheren CDU-Generalsekretärs.“ (epd, Samstag, 21.10.2017) So meldet es der Evangelische Pressedienst am Samstag.

Da wirkt der Satz, den die Jünger zu Jesus sagen, als er sich dem Rummel entzieht, schon fast unfreiwillig komisch: „Jedermann sucht dich!“ Na ja, wenigstens Heiner Geißler. Aber nicht nur er! Wohin hat Luther sein Leben lang nicht nur mit dem Finger gezeigt? Auf die Heilige Schrift, auf das Evangelium, auf seinen Christus! Von dort her kam das Licht, das Luther seiner damaligen Kirche entgegenhielt und in dem sie lange schwarze Schatten warf. Vom Ablass angefangen bis zum Streben nach Geld, Einfluss und politischer Macht. In diesem Licht wurde sichtbar, wie die damalige Kirche ihrem Herrn Christus in der Sonne stand, indem sie sich als Heilsvermittlerin aufspielte, die den Zugang zu Gott für die Gläubigen regeln wollte. Luther predigte das Priestertum aller Getauften und sagte damit nichts anderes, als dass niemand sich zwischen Gott und die Menschen stellen darf; die Kirche nicht, die Bischöfe nicht und der Papst schon gar nicht.

Warum hat man im Jubiläumsjahr der Reformation das Thema Christus und die Kirche so angestrengt vermieden? Weil es sein kann, dass auch die heutige Kirche der Reformation im Licht des Evangeliums den ein oder anderen langen Schatten wirft? Weil man doch mit den Katholischen und allen anderen christlichen Konfessionen und Gruppierungen eine stressfreie Familienfeier abhalten wollte und weiß, wie Streit solche Feiern gründlich ruinieren kann?

„Der Kardinalfehler bestand darin, die Auswirkungen der reformatorischen Rechtfertigungslehre auf das Kirchenverständnis nicht mitzubedenken. Das jedoch ist entscheidend, (…) denn epochal bedeutsam wurde Luthers Rechtfertigungslehre, weil sie den Grund für eine anders geartete Kirche legte.

Friedrich Schleiermacher hat den Unterschied zwischen evangelischem und römisch-katholischem Kirchenbegriff so auf den Punkt gebracht: Während nach katholischer Lehre das Verhältnis der Glaubenden zu Christus abhängig von ihrem Verhältnis zur Kirche ist, macht der Protestantismus das Verhältnis des Einzelnen zur Kirche von seinem Verhältnis zu Christus abhängig. Diese Beschreibung des Gegensatzes hat ihre Gültigkeit bis heute nicht verloren. Und weil das evangelische Kirchenverständnis mit dem römisch-katholischen nicht vereinbar ist, nimmt es nicht wunder, dass die Gemeinsame Erklärung (zur Rechtfertigungslehre) in der Lehre von der Kirche und kirchenpolitisch folgenlos geblieben ist.“ (Ulrich H.J. Körtner, Getrübtes Urteilsvermögen – Das Reformationsjubiläum als Gradmesser einer theologischen Orientierungskrise, Zeitzeichen Januar 2017/ S. 38ff.)

Denn wenn es um Kirche und Gemeinde geht, hört die Evangelische Kirche 500 Jahre nach der Reformation lieber den Unternehmensberatern, den Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern zu als der Heiligen Schrift. Frech wird behauptet, auf die äußere Gestalt der Kirche käme es ja nicht an. Da habe man freie Hand, wenn nur das Evangelium verkündigt wird. Mit solchen Phrasen immunisiert man im Reformationsjahr die Evangelischen gegen die Tatsache, dass es allererst das Licht des Evangeliums war, in dessen Schein Martin Luther die schwarzen Schatten sah, die seine eigene Kirche zu seiner Zeit warf. Das wollten damals erst nur wenige sehen und wahrhaben. Und heute? Auch heute wollen viele in der Evangelischen Kirche nicht wahrhaben, dass unsere Hände eben nicht frei sind, wenn es um unser Kirchen- und Gemeindeleben geht, sondern dass auch heute die Kirche sich immer wieder den Weg und die Gestalt suchen muss, die ihrem Wesen, die dem Evangelium von Jesus Christus entspricht. Denn wir – die christliche Gemeinde – sind sein Leib! (1. Korinther 12,27)

Am Anfang des Markusevangeliums entzieht sich der Christus dem Rummel, den seine Wunder auslösen. Er wird kein solcher Sohn Gottes werden, der in der Ruhmeshalle der Menschheit landet. Er landet am Kreuz. Wehe einer Kirche, die davon nichts mehr wissen will! Der muss dann der Christus selbst – wie dem Petrus – die Maske vom Gesicht reißen, damit sie ihre Teufelsfratze im Spiegel sehen kann. (Markus 8,33) Ja, auch Petrus, der Fels, auf den der Christus seine Kirche baut, ist vor dem Befall durch Dämonen nicht gefeit. Das ist keiner von uns. Auch in der Kirche gilt: Nicht jeder, der getrieben wird, wird vom Heiligen Geist getrieben. Petrus lernt, dass er den Christus nötig hat, der den Dämonen das Maul stopft.

Wenn in den nächsten Tagen der Rummel um das Reformationsjubiläum seinen Höhepunkt erreicht und Ihr eigentlich all die Faxen dicke habt – dann kann es ein geistlicher Weg sein, die nächste Jubelfeier auszulassen und dem Christus zu folgen, der früh am Tage aufstand und an einen einsamen Ort ging, um zu beten. Beten wir, dass er nicht irgendwann unsere Faxen dicke hat und woanders hingeht, wo Menschen sind, die ihm wirklich zuhören. Höchste Zeit, dass wir ihm nacheilen.

Die Predigt zum Hören

drucken