Wenn das Dunkel der Nacht sich breit macht (Markus 1, 32-29)

Dunkelheit macht etwas mit den Menschen.
Jetzt kommen die Tage, die sich anfühlen, als gäbe es kein Licht mehr. Ich stehe morgens im Dunkel auf, bei meinem Tagwerk bekomme ich nicht viel mit von Wind und Wetter, Sturm, Regen, Schnee oder Sonnenschein und wenn ich mich auf den Heimweg mache, ist die Sonne längst schon untergegangen. Die Dunkelheit aber will vertrieben werden. Wir zünden Lichter an, und ist die Dunkelheit am stärksten, kündet mit dem neuen Kirchenjahr, schon in wenigen Wochen, das Licht des Advents und der Weihnacht davon, dass Gott der Dunkelheit im Leben und in der Welt ein Ende setzen will.
Wir wissen längst vom Einfluss des Lichtes auf unsere Seele. Und Menschen, die unter Winterdepressionen leiden, bekommen (künstliches) Licht verordnet. Mit dem Licht blüht unsere Seele auf, sie richtet sich aus auf das Licht, so wie die Blüten sich hinstrecken zur Sonne, um jeden Lichtstrahl einzufangen.
Wir genießen im Sommer die langen Sommerabende nicht nur wegen der milden Temperaturen, die nach der Hitze des Tages Kühlung verschaffen, sondern auch, weil das Licht so ungleich stärker ist und länger ausgekostet werden möchte, ehe die Ruhe der Nacht die Oberhand gewinnt.
Und zugleich kennen wir gar keine richtige Dunkelheit mehr. Tier- und Naturforscher sprechen schon vom Lichtsmog, der uns umgibt und der insbesondere die Vogelwelt völlig aus der Fassung bringt. Sie kennen sich nicht mehr mit den Tageszeiten, in den Städten aber auch nicht mehr mit den Jahreszeiten aus, weil ständig Licht um sie ist. Welches Großstadtkind kennt das überwältigende Gefühl, einen klaren Sternenhimmel über sich zu sehen, dieses Funkeln und Leuchten unzähliger Lichtpunkte am Firmament? Das künstliche Licht der Städte, dieser Lichtdom am Horizont, lässt das Licht der Sterne häufig gar nicht mehr durchdringen.
Senkt sich dennoch langsam die Dunkelheit über Stadt und Land, hält der Abend Einzug, dann kommen wir hoffentlich zur Ruhe. Der Körper verlangt nach Nachtschlaf. Die Lasten eines Tages fallen ab. Der Feierabend weckt Vorfreude angesichts des Wechsels von Anspannung und Entspannung. Ich kann mein Tagwerk beenden. In der Mitte der Nacht wird der Beginn eines neuen, hoffentlich guten Tages liegen. So kann ich die Ruhe der Nacht und das Licht des anbrechenden Tages fröhlich und gelassen aus Gottes Hand nehmen.
Das Licht vertreibt die Nacht, die Ordnung besiegt das Chaos, aus dem Dunkel des Nichts ruft Gott die Welt und alles, was lebt, ins Dasein. Deshalb beginnt für die Menschen des biblischen Kulturkreises der Tag mit dem Abend und der Nacht und nicht wie bei uns mit dem Morgen.
Auch in Kapernaum ist es Abend geworden. Ein Tag ist zu Ende gegangen, ein neuer Tag wird kommen, das ist gewiss, aber ebenso hartnäckig fragen sich manche Tag für Tag aufs Neue: was wird er bringen? Was wird sich wieder einmal im Leben der Menschen nicht ändern, womit müssen sie lernen, zu leben, wo ist also Realismus statt Illusion angesagt, weil die Dinge so bleiben, wie sie sind?
Die Kranken hören oft, dass sie lernen müssen mit ihrem Schicksal zu leben, den Hinterbliebenen bringt auch der neue Tag die Toten nicht zurück und die Dämonen der Angst und der Sorge oder der Einsamkeit lassen sich oft nur für wenige Augenblicke vertreiben, wenn einen wirklich einmal der Schlaf so übermannt, dass Traumlosigkeit sich wie ein großes Dunkel im Bewusstsein breit macht.
Es ist wie es ist. Daran wird sich nichts ändern – heißt es nicht nur hinter vorgehaltener Hand, sondern unverhohlen deutlich aus dem Mund derer, die nicht wissen, wie in der Dunkelheit böse Geister, die in den Gedanken herumspuken, die Seele und irgendwann auch den Körper plagen können.
Es ist wie es ist ?
Da war den ganzen Tag dieser Mann aus Nazareth unterwegs. In der Synagoge haben sie ihn erlebt und an seinen Lippen gehangen. Er konnte mit seinen Worten fesseln und sie glaubten ihm jedes Wort. So etwas haben sie schon lange nicht mehr erlebt. Und jetzt hoffen sie, dass er mehr als nur ein Blender und ein Verführer ist!
Da haben Menschen wie besessen rebelliert. „Lass uns in Ruhe“ schrie es aus ihnen, weil sie sich eingerichtet hatten in ihrer Krankheit, in ihrer Verzweiflung, weil sie ihnen Aufmerksamkeit und Zuwendung verschaffte, oder weil sie zu spüren schienen, dass er die Dämonen, die Menschen beherrschen, vertreiben, der Seele helfen, die Wunden heilen, die Ängste besänftigen kann.
Eine Frau, die Schwiegermutter des Petrus, hat er geheilt, ihr Fieber vertrieben. Der Erfolg gibt ihm recht. Wer weiß, wie er es gemacht hat. Der Glaubenskrieg, ob die Schulmedizin, die Alternativmedizin oder die Gaben eines Einzelnen zu heilen, ursächlich sind, spielt doch keine Rolle, so lange den vielen verzweifelten, gefangenen, leidenden, sich nach dem Licht und der Lebendigkeit sehnenden Menschen geholfen werden kann.
Und so wird der Abend nicht der Beginn der Nachtruhe, sondern der Anfang eines Aufbruches aus der Verzweiflung und Not all derer, die schon keine Hoffnung mehr hatten, wenigstens hier in Kapernaum. Wie könnte Jesus sich verschließen vor den Nöten der Menschen? Was er in der Synagoge am Morgen gepredigt hat, muss er am Abend in der Stadt auch leben und so breitet sich die Botschaft immer weiter aus: siehe das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.
Das Wort streichelt die Seele, seine Hand berührt den wunden und geschlagenen Leib. Wird die Seele heil, will auch der Körper berührt werden. Die inneren und die äußeren Welten gehören zusammen, Seelenheil und Körperwohl sind zwei Seiten der gleichen Wirklichkeit. Hilfe und Heilung kann es nur ganzheitlich geben mit Wort und Tat. So sind Seelsorge und Diakonie Geschwister, Vorboten und Morgenleuchten des Reiches Gottes. Das offene Ohr des Zuhörers im seelsorgerlichen Gespräch ist genauso wertvoll wie die austeilenden Hände in der Bahnhofsmission in der Arbeit mit den Obdachlosen und Heimatlosen oder die Arbeit der Arche, dei Kinder mit Frühstück vor der Schule versorgt. Wer aus einem solchen Gespräch kommt oder am Ende eines Arbeitstages die Klienten anschaut, die durch die Wohnheime oder Essensausgaben gegangen sind, der ahnt, welche Kräfte Zuwendung erfordern und Dankbarkeit wecken, aber auch wie wichtig die Augenblicke der Ruhe und der Einkehr nun sind. Auch wer aufmerksam im Krankenhaus oder hinter dem Verkaufstisch, an der Werkbank oder vor der Schulklasse stand, wer sich um die Enkelkinder oder Flüchtlinge gekümmert hat, wer sich konzentrieren und engagieren musste, um mit den Anforderungen seines Tages und seiner Arbeitswelt zurande zu kommen, der weiß, wie wichtig dann die Augenblicke der Einkehr und des Rückzuges sind.
“Ich habe heute viel zu tun,” sagte Martin Luther in einer seiner Tischreden, “darum muss ich heute viel beten.”
Wie kaum etwas anderes können wir von Jesus lernen, dass die Glaubenspraxis nicht irgendetwas zusätzliches, optionales ist, falls die Zeit und die Kraft dazu noch ausreichen, sondern etwas grundlegendes, fundamentales im besten Sinne desWortes, weil es mein Leben gründet, ein Fundament bietet, Halt und Standsicherheit im Leben gewährt.
Die Ruhe unterbricht die Aktion, das Gebet unterbricht die Gedanken, die ansonsten immer bei mir bleiben. Es öffnet mich für die Ansprache und Anrede Gottes. Ich muss nicht länger nur aus mir schöpfen. Im Alltag bin ich oft selbst im Team Einzelkämpfer, nur für mich verantwortlich und allein auf mich gestellt. Im Gebet bin ich ganz auf Gott bezogen, begreife, dass ich von ihm herkomme, und auf ihn hin orientiert bin. Ich bin, weil er ist. Ich bin, weil er will. Ich bin, weil er liebt. Diese Ermutigung und diese Stärkung erfahre ich vor allem, wenn ich bei ihm bin, mit meinen Gedanken, meinem Herzen, meinen Fragen, meinen Sorgen, meinen Herausforderungen, also mit meinem ganzen Leben, mit Tag und Nacht, Licht und Dunkel, mitten im Gebet.
Der Alltag darf mich dort gerne antreffen und von dort abholen. Es warten dann ja wieder viele neue Aufgaben mit dem Licht eines neuen Tages. So wird Jesus von seinen Jüngern gedrängt weiterzumachen, weiterzugehen.
Und das ist die Situation an jedem Sonntag nach dem Gottesdienst. Wir werden entlassen in den Alltag, der auf den Sonntag folgt.Aber wir gehen nicht aufs Geratewohl los, sondern wir brechen als gesegnete und befriedete Menschen auf. Auch heute. Und dieser Segen ist mir immer ein besonders Licht auf meinem Weg, es geht auf und überstrahlt alles. Ich fürchte nun keine Dunkelheit mehr! Amen

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