Böse von Jugend auf !?

Liebe Schwestern und Brüder!

Eine uralte und bekannte Geschichte erzählt der heutige Predigttext. Es ist das Ende der Geschichte von der Sintflut. Noah, seine Familie und die berühmten Tierpärchen werden von Gott durch den Bau der Arche vor der Sintflut, vom Untergang der Welt und der Menschheit gerettet.

Gott verspricht sich selbst und Noah, die Menschen nicht mehr für ihr böses Wesen zu bestrafen. Die Erde samt Menschheit soll weiter existieren im Rhythmus von  Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Bis heute ist dies geschehen, bis heute gilt der Rhythmus von Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht, obwohl es beängstigende Klimaveränderungen und Naturkatastrophen (Erbeben, Tsunamis, sintflutartige Regenfälle und Wirbelstürme, Hurrikane, Trockenheit, Dürre) gibt. In diesem Jahr sind Tausende Menschen durch diese Naturkatastrophen umgekommen. Und auch für weltweite Wanderbewegungen, Migration  sind die Klimaveränderungen mit verantwortlich.

Nicht für alles, aber für vieles sind wir Menschen verantwortlich –zumindest indirekt.

Also scheint es doch zu stimmen: Das Dichten und  Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf!

Und wenn man sich unsere Welt und die Menschheit genauer betrachtet, dann könnte man den Eindruck gewinnen, dass der Mensch vom Grunde seines Wesens schlecht und böse ist.

Diese Erkenntnis hatte sich schon zu Beginn der biblischen Erzählungen durchgesetzt, Adam und Eva und der Abfall von Gott, der Brudermord von Kain und Abel, die Schlechtigkeit der Menschheit bis zur Sintflut und auch die Bösartigkeit, die nach der Sintflut weitergeht (Turmbau zu Babel). Irgendwie klingt das Urteil über die Menschen vernichtend: böse von Jugend auf! Und egal, ob man diese Geschichten als Mythos oder Realität betrachtet, auch heute gibt es viel Schlechtes und Böses in der Welt. Nicht von ungefähr kommt mancher pessimistischer Zeitgenosse zum Resultat, dass die Welt schlecht sei.

Terror, Krieg, Kriminalität, Korruption, Machtmissbrauch, Völkermord, Mord, Diebstahl, Lüge und Intrige scheinen gängige Verhaltensweisen zu sein, die das böse Wesen des Menschen unterstreichen.

Nur darf man dabei nicht vergessen, dass diese Beschreibung und tiefe Erkenntnis des menschlichen Wesens nicht erst ab heute so ist, sondern schon zu allen Zeiten gegolten hat. Das Böse und Schlechte zeigte in jeder Periode der Geschichte seine dämonische Fratze.

Und auch wenn ich mich selber betrachte, wenn wir bei uns selbst nachschauen, dann sehen wir das Böse und Schlechte, was wir erlebt haben, was andere uns angetan haben, aber auch, was wir anderen an Bösem und Schlechtem angetan haben. Niemand von uns ist ohne Sünde, d.h. vor der Veranlagung gefeit, sich von Gottes Gebot und dem Nächsten durch böses Verhalten und menschliche Schlechtigkeit zu entfernen. Das Böse ist immer und überall, sagt das Sprichwort.

Aber: und das ist das Entscheidende! das Gute ist nicht weit davon entfernt. Denn so wie wir Menschen die Anlage zum Bösen und Schlechtem in uns tragen, so wissen wir auch ganz genau um das Gute und Richtige.

Und wenn man das Verhältnis von gut und böse im eigenen Leben ausloten will und dabei nicht auf dem Standpunkt des chronischen Pessimisten verharren will, dann braucht man nur folgendes Experiment auf das bisherige eigene Leben anzuwenden:

Betrachten Sie einmal, was Ihnen in Ihrem bisherigen Leben als wirkliches böses Verhalten oder schlechten Erfahrungen widerfahren ist?

Und lassen sie das viele Gute, Schöne, Erfüllende vor ihren geistigem Auge Revue passieren?

Ich behaupte, bei den meisten von uns überwiegt das Gute, die Liebe, die Zuneigung, die Geborgenheit und das Helfende und nicht die Bösartigkeit und Schlechtigkeit als Grundmuster des Lebens, auch wenn man sich das Schlechte leider gut merken kann. Es geht also im Leben eines Menschen mindestens immer um eine wichtige Grundentscheidung!

Gehe ich den bösen Weg, der mich letztendlich in den Abgrund führt oder folge ich dem guten Weg, der neues Leben, Liebe, Vertrauen und Geborgenheit durch den Glauben schenken.

Und dabei möchte ich auch noch etwas über die ach so schlechte, konsumorientierte und selbstsüchtige Jugend sagen. Ich habe im Laufe meines Dienstes 14-jährigen Dienstes als Schulpfarrer an einer Berufschule einige tausend Schüler unterrichtet und ich kann wirklich behaupten, dass zwar nicht alle Jugendlichen Engel sind, aber einen abgrundtiefen bösartigen Schüler habe ich noch nicht unterrichtet. Die meisten Jugendlichen sind nämlich auf der Suche nach der richtigen Spur, nach dem richtigen Weg ins Leben. Und als Erwachsene kann man sie nur überzeugen, wenn man ihnen bei der Suche behilflich ist und überzeugend in Wort und Tat für das Gute und Gerechte eintritt. Schlechtes, rücksichtsloses und egoistisches Verhalten wird von Kindern und Jugendlichen nachgeahmt. Und Eltern sind immer die ersten Vorbilder für den guten oder schlechten Weg ins Leben.

Noah beschritt den guten Weg, er war um in der biblischen Sprache zu bleiben ein Gerechter, kein Selbstgerechter und Heuchler. Er versuchte nach dem göttlichen Gebot zu leben und Gottes Willen zu tun. Dafür hat ihn Gott gerettet. Und im konkreten und übertragenen Sinn wird auch eine jede, ein jeder im und durch den Glauben gerettet, wenn sie oder er versucht bei aller eigenen menschlichen Unzulänglichkeit den guten Weg im Leben zu gehen.

Nochmals: Es geht immer um die Entscheidung von Gut und Böse, um den Weg in den Abgrund und Untergang oder den Weg in Gottes Herrlichkeit, Freiheit durch seine Liebe und Barmherzigkeit.

Aber wie sieht es konkret aus beim Beschreiten des guten Wegs?

Bei allen Unzulänglichkeiten, Dummheiten, Fehlern, Schwächen, bei aller Sündhaftigkeit, gibt es auch viele Menschen, die versuchen den Willen Gottes zu tun und den guten Weg zu gehen. Auch dies passiert und häufig im Verborgenen. Ich habe vor jeder Familie Hochachtung und Respekt, die versucht ihre Kinder in dieser wertelosen und manchmal schamlosen Zeit christlich zu erziehen. Ich bewundere jede Mutter und jeden Vater, der seinem Kind beibringt, dass jeder Mensch ein Geschöpf Gottes und als solcher Beachtung und Respekt verdienen. Ebenso bewundernswert ist es, wenn Kinder im Geiste der Nächstenliebe erzogen werden und nicht das Recht des Frecheren und Stärkeren als Lebensregel gelehrt bekommen.

Den guten Weg ins Leben schreiten und den Willen Gottes tun im Sinne Jesu ist nicht die Ermahnung zu dieser oder jener Pflicht, sondern im Sinne des Barmherzigen Samariters brüderliche Liebe und Nächstenliebe zu üben.

Gottes Wille wird als Gottes Liebe immer dann konkret und handfest.

Sie wird konkret durch die Gemeindekrankenschwestern, die anderen Menschen in der Diakonie helfen. Sie wird konkret in der Pflege der und durch die eigenen Angehörigen, wenn sie todkrank sind.

Sie wird konkret und handfest in der Liebe vieler Mütter und Väter für ihre Kinder.

Sie wird konkret im Seelsorgegespräch, wenn jemand einem anderen seine seelischen und psychischen Belastungen und Ängste mitteilt und ein offenes Ohr findet. Sie wird auch konkret und anschaulich durch die großen Liebesdienste, die viele Großmütter und Großväter für ihre Enkel erbringen.

Gottes Liebe ereignete sich immer wieder neu im Leben. Und durch diese im Glauben erkannte und zu erkennende Liebe haben sich unzählig viele Menschen aller Zeiten immer für eine handgreifliche und konkrete Form der Gottes- und Nächstenliebe eingesetzt. Sie bemühten sich den guten Weg zu gehen. Und auch die biblische Geschichte, die Geschichte vom Ende der Sintflut hat ja ein versöhnendes und verheißungsvolles Ende:

Gott verspricht den Menschen, verspricht uns, uns hinfort nicht mehr für unsere Bösartigkeit zu strafen.

Und so bleibt uns Menschen die Verheißung und auch die Verantwortung dafür Sorge zu tragen, dass es den Rhythmus von Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht weitergeben wird. Wir tragen Verantwortung dafür, dass der gute Weg ins Leben beschritten wird, ein Weg der dafür Sorge trägt, dass auch nachfolgende Generationen lebenswerte Bedingungen für die Zukunft vorfinden.

Und was ist mit dem vielem Bösen, Schlechten, Unverständlichen und Schweren im eigenen Leben und im Leben anderer Menschen?

Im Vaterunser heißt es „und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Vergebung und Erlösung von dem Bösen sind die Schlüssel, die uns das Gebet in Gottes Hände legt. Vergebung empfangen wir durch Gottes Liebe und Gnade. Erlösung erfahren wir durch den Glauben an Jesus Christus, der für uns und unsere Sünde gestorben ist.

Und so wie wir wissen, dass Vergebung auch von uns ausgehen muss, weil wir Menschen aus gegenseitiger Vergebung leben, so müssen wir erfahren und glauben, dass die Erlösung vom Bösen, Schlechten, Schweren und Unbegreiflichen allein in Gottes Hand liegt. Nur der Glaube hilft uns dabei und die Bitte und Klage des Gebets.

Und es bleibt der Trost und die Verheißung, dass die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen bleibt.

So wie  Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht bleiben. Das hat Gott uns versprochen.                            Amen.

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