Wertlose Wahrheit

Predigt Markus 3,31-35, 13. Sonntag nach Trinitatis, Predigtreihe III, von Pfarrer Johannes Taig

31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.
32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.
33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?
34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!
35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.


Liebe Gemeinde,

es gibt wohl kaum viele Texte des 2000 Jahre alten Zeugnisses der Bibel, die uns auch heute spontan und ohne viele Erklärungen so quer kommen wie unsere heutige Geschichte. Was Jesus hier auch noch in aller Öffentlichkeit demonstriert, ist eine Missachtung und Beleidigung, in jedem Fall aber eine bodenlose Frechheit gegenüber seiner Familie und der Familie überhaupt. Und wir sehen Maria schon das Taschentuch zücken und seine Brüder wortlos und wutentbrannt davonstampfen. Bestimmt werden sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen, zumindest bis zu seiner Beerdigung.

Auch in Kirchenkreisen hat ja jeder sofort Verständnis, wenn sich ein haupt- oder ehrenamtlicher Mitarbeiter, wenn sich ein Gemeindeglied aus familiären Gründen entschuldigt. Die Mutter oder Großmutter, der Vater oder der Großvater haben Geburtstag oder eines der Kinder oder die Kusine aus Heidelberg. Da gibt es keine Diskussion, denn die Familie ist uns heilig. Heiliger als der Sonntagsgottesdienst in jedem Fall.

Denn wir wissen doch alle, dass die Familie vorzugehen hat, und das es üble Folgen haben kann, gegen diese Konvention zu verstoßen. Im glimpflichsten Fall werden wir nicht mehr eingeladen. Im schlimmsten Fall können Familienbande zerbrechen. Im allerschlimmsten Fall können sie nicht mehr repariert werden. Ist das etwa kein Elend, wenn die Familie, die wir nicht ohne Grund für die Keimzelle der Gesellschaft halten, in so vielen Fällen zerbricht? Müssen wir da in der Kirche nicht alle Familienwerte hochhalten, um zu retten, was zu retten ist? Müssen wir da nicht die Heilige Familie im Stall von Bethlehem zum Leuchten bringen, um die herum sich alle Jahre so schöne Familiengottesdienste feiern lassen, in denen doch nicht nur das Christuskind, sondern auch die Familie an sich etwas vom göttlichen Glanz abkriegt?

Und wer weiß, vielleicht hätte Jesu eigene Familie ihn als himmlischen Beistand gerade dringend gebraucht. Da überbringen sie ihm die dringende Einladung zum Familiengottesdienst, während er auf einer Versammlung mit Hinz und Kunz ist – und Jesus lässt sie abblitzen. Aus ist’s mit der Heiligen Familie. Jesus pfeift auf die Konvention. Er durchbricht sie. Ist ihm seine Familie denn gar nichts wert?

Der Theologe Fulbert Steffensky hat darauf hingewiesen, dass Jesus nicht nur an dieser Stelle mit den Werten seiner Gesellschaft und ihren Konventionen bricht. Er tut das aber nicht, weil er diese Konventionen verachtet. Er weiß um ihren Sinn. Er durchbricht sie nur dann, wenn sie der Botschaft vom Himmelreich und seinen neuen Möglichkeiten in einer bestimmten Situation im Weg stehen. Er durchbricht sie, wenn sie die Freiheit und das Leben bedrohen und den Menschen gefangen halten und terrorisieren. Er durchbricht sie, wenn sie sich zwischen ihn, den Christus, und die Menschen stellen.

Steffensky schreibt: „Jesus riskiert den Bruch mit den geltenden Grundannahmen. Wenn man etwas jesuanisch nennen kann, dann diese Geste der Veränderung der Erwartungen und der Perspektiven. Wenn etwas jesuanisch ist, dann die aus den geläufigen Daten nicht ableitbaren Prognosen für die Zukunft des Menschen: Den Sündern gehört die Zukunft Gottes, die Hungernden werden satt, die Weinenden werden lachen, die Blinden werden sehen, die Lahmen werden gehen, die Toten werden leben.“ (Feier des Lebens, Herder 2012, S. 148) Wir fügen hinzu: Und aus Hinz und Kunz, die um den Christus versammelt sind, werden Kinder Gottes, seine Familie, seine Brüder und Schwestern.

Hören wir bitte einmal diese Geschichte mit den Ohren von Hinz und Kunz, die an diesem Tag um Jesus versammelt sind. Hören wir diese Worte – und wie könnten wir sie anders hören – als Neudefinition ihrer gesamten Existenz. Hinz und Kunz sind nicht mehr Hinz und Kunz, niemand und irgendwer, sondern Gotteskinder und Familie Gottes, Familie Jesu Christi. Sie sind es nicht, weil sie sich an bestimmte Werte und Konventionen halten, sondern weil sie der Christus bedingungslos und aus Liebe und Gnade allein dazu macht. Das ist der Kern des Evangeliums. Darum geht es in der Kirche!

Nein, der Christus verachtet die Familie und seine Familie nicht. Brüder Jesu werden später Gemeinden leiten. Unter dem Kreuz bindet er seine Mutter Maria und seinen Jünger Johannes zu einer neuen Familie zusammen. Er wird nicht müde den Pharisäern vorzuwerfen, sie würden sich vom Gebot der Fürsorge für die alten Eltern durch Opfer im Tempel freikaufen, statt sich um sie zu kümmern. (Markus 7/10ff.) Jesus verachtet die Konventionen und Werte nicht. Er überbietet sie durch die Rede von der Familie Gottes, die allein der Christus durch seine Liebe und Gnade schafft und begründet.

Das wollen wir festhalten. Es geht Jesus nicht um die „Umwertung aller Werte“. Es geht ihm nicht darum, neue und quasi christliche Konventionen und Werte zu definieren. Da beginnt dann wie damals in unserer Geschichte auch in der christlichen Gemeinde das alte Spiel neu. Und wir sehen die Schwestern das Taschentuch zücken und so manche Brüder wutentbrannt davonstampfen. Mit solchen wollen sie nichts mehr zu tun haben, zumindest bis zur Beerdigung.

Denken wir an den Christus, der die Stadt Jerusalem in den Blick bekommt und über sie weint. (Lukas 19,41) Das ist bis heute die Stadt, in der sich Menschen auch im Namen Gottes und der Religion meiden, hassen und bekriegen, weil ihnen ihre Werte und Konventionen heilig sind. Aber – und das zeigt unsere Geschichte – überdeutlich: Solches wird vom Christus scharf zurückgewiesen. Weder die Familie, noch unsere Werte und Konventionen sind heilig. Sie sind und bleiben zeitgebunden und menschlich. Sie sind – hätte Luther gesagt – weltliche Dinge. Heilig ist allein Gott selbst und sein Christus. Was heilig ist kommt von ihm und durch ihn. Und von nirgendwo sonst.

Für ihn ist deshalb die Freiheit der Kinder Gottes der Ernstfall des Evangeliums. Der Theologe Eberhard Jüngel hat folgerichtig das Evangelium als „wertlose Wahrheit“ bezeichnet. Denn „Die Wahrheit des Evangeliums gehört nicht in die Klasse der ‚Werte‘: darum nicht, weil ihr alleiniges Subjekt Gott ist. Es gehört zwar zu ihren Folgen, es macht aber nicht ihr Wesen aus, dass sie in den Konflikt der Werte ein- und dort gegebenenfalls Partei ergreift. Sie spricht ihr eigenes Wort, quer zu dem, was Menschen in Behauptung oder Bestreitung der unter ihnen geltenden ‚Werte‘ sich selber sagen. (…) Die Versuchung ist groß – wo auch immer der einzelne Christ im Kraftfeld der ‚Werte‘ seine Position sucht oder schon bezogen hat -, der wertlosen Wahrheit auszuweichen. Darum ist es stets am Platze, sich um die Einsicht in die Fundamentalunterscheidung zwischen der Wahrheit des Evangeliums und den ‚Werten‘ zu bemühen.“ (Hinrich Stoevesandt, GPM 3/1993, Heft 4, S. 360ff.)

Heute sind wir zum Gottesdienst versammelt. Wir lauschen den Worten unseres Herrn Jesus Christus, wie Hinz und Kunz damals. Immer dort, wo Menschen um den Christus versammelt sind, vollzieht sich nicht unser Wille, sondern seiner. Gilt nicht unser Wort, sondern seines. Heute sagt uns sein Wort, dass wir etwas anderes sind, als die Summe unserer Überzeugungen, Konventionen und Werte: Seine Schwestern und Brüder und Mütter sogar! Und dieses ganz andere ist die Wahrheit unseres Lebens!

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