Konflikte

Konflikte sind Teil meines Lebens. Ich erlebe immer wieder Situationen, die sich nicht durch die Frage nach Gut und Böse oder richtig und falsch lösen lassen. Das sind Konflikte von Verpflichtungen, die ich fühle – und die manchmal sich gegenseitig im Weg stehen. Einen solchen elementaren Konflikt erlebt Jesus, als er zwischen Familie und Gemeinde steht.

31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. 32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. 33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? 34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Eine Provokation ist das auf jeden Fall, was die Evangelien erzählen. Da gibt es keine Heilige Familie, auch keine heilige Maria. Da sind Jesu Brüder und seine Mutter und die würden ihn gerne aus dem Verkehr ziehen, ihn etwas leiser stellen, weil er ihnen peinlich ist. Weil er von Sinnen ist, so sagen sie im Auftakt vor unserer Geschichte.

Und da ist Jesus, der sein Ding und Gottes Sache macht, auch gegen die Familie, gegen ihren ausdrücklichen Willen. Und es gibt viele, die wittern hier den Aufstand Jesu gegen traditionelle Familienbindungen. Ist ja auch schön: Der Revolutionär Jesus, der die bürgerlichen Familienmodelle auf den Müll wirft.

Aber ehrlich gesagt: Das war nicht das Problem für Jesus. Die Familie seiner Zeit war keineswegs eine Idylle, sondern ein Verantwortungsmodell. Die Arbeitsfähigen innerhalb des Verbundes ernährten die nicht Arbeitsfähigen.

Im Mittelpunkt steht etwas ganz Anderes: Jesu ist der Sohn Gottes für alle Menschen und darum nennt er alle die, die ihm zuhören, seine Familie. Es geht Jesus nicht um Abwertung der Familie, es geht ihm nicht darum, den Eltern oder Geschwistern etwas wegzunehmen, die Liebe und die Verantwortung. Aber er erweitert den Horizont.

Es gibt ja die Träume von einem Leben, in dem ich alles miteinander vereinbaren kann, was mir wichtig ist. Die Wirklichkeit ist leider anders. Ich erlebe, dass sich Dinge, die wichtig sind, gegenseitig im Weg stehen.

Jesus legt Gebote neu aus – auch das Gebot Vater und Mutter zu ehren. Der Respekt muss bleiben, genauso wie die Verantwortung gerade gegenüber Kindern oder bedürftigen Eltern. Aber das Verhältnis zueinander muss auch andere Prioritäten ertragen. Es ist wichtig, dass Familienbande geschützt bleiben, aber ihnen werden Grenzen gesetzt: Der Wille Gottes und die Gemeinde von Schwestern und Brüdern.

Vielleicht muss man auch unterscheiden zwischen dem Mythos der bürgerlichen Kleinfamilie und dem Respekt und der Verantwortung für die Generation der Alten und Schwachen. Respekt und Verantwortung behalten ihre Wichtigkeit.

Noch wichtiger ist aber die Frage, was mir mein Leben bedeutet, wie ich meinem Leben Sinn und Inhalt gebe. In Jesus Christus ist die Liebe Gottes unter uns erschienen. Menschen haben erkannt, dass Gott nicht jener ferne alte zornige Mann auf einer Wolke ist, der am liebsten straft. Für sie wurde wichtig, dass Gott uns begegnen will – in unserem Alltag, in unseren Schwestern und Brüdern, für sie wurde die Wirklichkeit unseres Wochenspruchs wertvoll: Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Das ist aufregend genug, dass Jesus mich immer neu verweist auf die Menschen, mit denen ich zu tun habe und dass er diese Schwestern und Brüder nennt. Und damit mir neue Welten eröffnet jenseits von menschlichen Bindungen und Verpflichtungen. Da existieren dann plötzlich zwei Ideen von Familie nebeneinander – die biologische Familie und die Familie von Schwestern und Brüdern. Beide können nebeneinander existieren, aber es gibt Momente, da geraten sie in Konkurrenz. Jesus fällt hier eine Entscheidung, auch weil er weiß, dass Mutter und Geschwister gut versorgt sind. Wäre es anders, wäre vielleicht auch seine Reaktion anders.

Durch Jesu Einladung wird mein Horizont erweitert.

Und spannender: Das Volk sitzt hier um Jesus herum, sie hören ihm zu und er redet mit ihnen. Sie gehören jetzt ganz eng zu ihm, weil sie es sind, die seine Worte aufsaugen, seine Gedanken zu ihren machen. Sie sind in diesem Moment die Menschen, die ihm am Nächsten stehen wörtlich und auch inhaltlich. Wir dürfen die Nächsten Jesu sein, wenn wir uns um ihn versammeln, wenn wir seinem Wort zuhören, wenn wir seinen Willen leben. Wir dürfen leben als seine Familie, wir sind die wahre heilige Familie, wir die Gemeinde Gottes, die Jüngerinnen und Jünger Jesu Christi.

Aus dem Hören auf Christus wächst neue Kraft. Seine leibliche Familie dagegen steht vor der Tür. Sie wollen ihn nicht sehen, nicht hören, nur rausholen wollen sie ihn, weil er ‚von Sinnen ist‘, weil er sie blamieren könnte, weil sich das wohl alles nicht gehört für einen Sohn ehrbarer Leute, da rumzuziehen und kluge Sprüche von sich zu geben. Und dafür erfahren sie eine schroffe Abweisung. Nicht weil sie Familienbande hochhalten oder weil sie doch Mutter und Brüder sind, sondern weil sie nicht wirklich bereit sind, sich auf ihn einzulassen, weil sie demonstrieren, dass für sie Familie Einbahnstraße ist – Dieser Sohn und Bruder, der sich doch sehr eigenartig benimmt, soll gefälligst heimkommen. Sie verstehen ihn nicht und sie lassen sich nicht auf ihn ein.

In dieser Situation weist Jesus sie zurecht. Später sieht das anders aus. Da steht Maria am Kreuz, da gehören seine Brüder zu den Uraposteln seiner Kirche. Unsere Geschichte ist eine Momentaufnahme.

In Jesus ist Gott Mensch geworden und erlaubt uns eine ungeheure Nähe: Wir dürfen uns Schwestern und Brüder von Jesus nennen. Wir sind seine Familie. Das wertet uns auf, Andere aber nicht ab. Das kann uns Mut machen, selber von Jesus zu reden, selber neue Schwestern und Brüder zu suchen, die sich von Jesus begeistern lassen. Das kann uns Mut machen, Gemeinde zu leben und Gottes Wort zu verkünden.

Mit diesem Mut und Jesu Wort im Rücken können wir das Leben neu angehen, unser Hier und Jetzt anschauen und auch sagen, wenn Bindungen eher Fesseln sind. In Jesu Namen können wir das beenden und neue Schritte wagen – im Sinne des Liedes 66 wo es in der 2. Strophe heißt: Jesus ist kommen – nun springen die Bande.

Zerspringen von Banden darf nicht bedeuten, dass Menschen verloren gehen, aber es kann bedeuten, dass man manchmal auch zu Verpflichtungen Nein sagen muss, weil es Wichtigeres gibt: Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude.

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