Verlockung zum Träumen

Predigt Jesaja 29/15,17-24, 12. Sonntag nach Trinitatis, Predigtreihe III, von Pfarrer Johannes Taig

15 Weh denen, die mit ihrem Plan verborgen sein wollen vor dem HERRN und mit ihrem Tun im Finstern bleiben und sprechen: „Wer sieht uns und wer kennt uns?“
17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.
18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;
19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.
20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,
21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.
22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.
23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – ihre Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.
24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.


Liebe Gemeinde,

„Von Schelte allein kann keiner leben und kommt niemand zum Leben. (…) Was Lernen, Veränderung und Bekehrung möglich macht, ist nicht allein die Aufdeckung des bisherigen Elends, sondern die Erwartung eines bisher noch nicht eingelösten Versprechens von Glück. (…) Zur Umkehr wird man nicht getrieben, man wird zu ihr gezogen. (…) Das Leben kann sich nicht halten, ohne dass wir eine Sprache und ohne dass wir Bilder vom Leben haben. Diese Bilder und diese zusammenhängende Sprache vom neuen Leben verlieren wir immer mehr. Was die Christen dieser Gesellschaft schuldig sind – zumindest dieses -, das ist die Sprache von dem, was kommen soll. Es muss von vielen das Unaussprechliche gesagt werden: dass das Lamm neben dem Panther lagern wird, dass das Kind an der Höhle der Viper spielen wird, dass die Toten nicht verloren sind, dass die Blinden sehen werden, dass Gott alles in allem sein wird. Es muss eine Sprache für das Unaussprechliche geben. Die wichtige Arbeit der Christen ist, am Aufbau der Träume zu helfen.“ So schreibt der Theologe Fulbert Steffensky (Feier des Lebens, Freiburg 2012, S. 134ff.), und weiß doch zugleich, wie schwer das in Zeiten ist, die ein Philosoph so beschreibt:

„In der vorindustriellen Gesellschaft erwartete man Ernten, in der industriellen den Fortschritt. Gegenwärtig ist es noch nicht zu erkennen, was wir erwarten, hingegen (sehr gut), was wir befürchten. Jede der drei Gesellschaftsformen hat eine für sich spezifische Zeiterfahrung. In der landwirtschaftlichen Zeiterfahrung wird das Warten (auf die Ernte) als Geduld erlebt, in der industriellen als Hoffnung (auf Fortschritt), gegenwärtig als Langeweile. (…) Gegenwärtig erwarten wir (nur noch), dass die Apparate programmgemäß funktionieren.“ (V. Flusser, Nachgeschichte. Eine korrigierte Geschichtsschreibung, Frankfurt 1997, S.10)

Was erwarten wir noch? Für uns selbst, für unsere Welt? Sind wir noch Menschen der Erwartung oder nur noch Menschen der Angst und Befürchtung! Auch unserem Predigtext gehen Weherufe des Propheten Jesaja voraus: Weh denen, die mit ihrem Plan verborgen sein wollen vor dem HERRN und mit ihrem Tun im Finstern bleiben und sprechen: „Wer sieht uns und wer kennt uns?“ (Jes. 29/15.).

Dann aber stößt der Prophet das Tor der Erwartung auf. Erwartet wird nicht geselliger Zeitvertreib, sondern eine bessere Welt. Und prophezeit wird nicht mit ausgewogenen Worten, sondern mit brennendem Herzen. Dem Propheten wehen die Worte wie eine Flamme vom Mund. Er schaut auf das Gottesvolk mit dem Feuerblick des Herzens. Mit dem Feuerblick des Herzens Gottes. Gott findet sich mit dem Zustand seiner Welt nicht ab; vor allem nicht mit einer Welt ohne Erwartung.

Und so fragen uns die Erwartungen der Prophetenworte: Habt ihr euch etwa mit all dem wirklich schon abgefunden? Habt ihr euch abgefunden mit der Zerstörung und Verwüstung der Schöpfung, mit der Blindheit, Taubheit und Dummheit des Homo sapiens, mit der sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeit bei uns und überall auf der Welt; mit den Tyrannen und Spöttern, die auf die Gräber ihrer Opfer spucken; mit den Rechtsverdrehern, die denen zum Sieg verhelfen, die sie bezahlen können? Habt ihr euch abgefunden mit einer Welt, in der die Glaubenden, die Liebenden, die Hoffenden wie Idioten in die Ecke geblasen werden vom allgegenwärtigen Strom besinnungsloser Unterhaltung, der Spielverderber nicht duldet? Habt ihr euch abgefunden mit einer Welt, die das Denken durch Gut-drauf-Sein ersetzt?

Habt ihr euch mit all dem wirklich abgefunden oder seid ihr nur abgefunden worden? Mit Geld oder Wohlstand zum Beispiel? Und wir hören noch einmal in die Untiefen des diesjährigen Wahlkampfes auf allen Kanälen und fragen: Wer schreit hier? Die Not oder die mangelnde Abfindung? Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit oder die, die mit ihrem Plan verborgen sein und mit ihrem Tun im Finstern bleiben wollen? Gerade die haben nämlich mit einer besseren Welt nichts im Sinn. Die schadet ihren Geschäften. Und deshalb haben sie auch nichts mit denen im Sinn, die eine bessere Welt erwarten. Die Erwartung einer neuen, besseren Welt, macht die alte als die schlechtere kenntlich.

Und deshalb sind die Erwartungen der Prophetenworte zugleich Kampfansagen an all die, die unsere Welt gerne ewig so hätten, wie sie jetzt ist. Deshalb sind die Erwartungen der Prophetenworte Kampfansagen an alle, die sich abfinden oder mehr oder weniger großzügig abgefunden wurden. Deshalb sind die Erwartungen der Prophetenworte Kampfansagen an die Langeweile und an alle Langweiler und Mitläufer. Nicht eine lange Weile, sondern einen kleine Weile, so hebt der Prophet an zu reden.

Seien wir nicht ungerecht: Auch in der Politik wird viel geredet von Veränderungen zum Besseren in der Wirtschafts-, Sozial-, Gesundheits- und Umweltpolitik. Aber seltsam! So schnell und voraussehbar sich die Probleme ergeben, so bald auch bestechende Lösungen in Sicht sind, so lang, sagt man uns, werden wir warten müssen, bis sich wirklich etwas zum Besseren wendet. Wunder dauern etwas länger.

Da müssen wir mit den Erwartungen des Jesaja schon fragen: Liebe Politiker, könnt ihr nicht oder wollt ihr nicht? Da müssen wir uns selbst fragen: Können wir nicht oder wollen wir nicht. Sind und bleiben wir wirklich zu allen Zeiten ein Volk abgefundener Mitläufer, die am liebsten immer so weitermachen nach dem Motto „wer kennt uns und wer sieht uns“?

Gott kennt uns und sieht uns! Das ist der springende Punkt. Darin steckt die Ermutigung für ein Leben in der Erwartung – für das Volk Israel damals und für uns heute. Gott kennt und sieht uns. Das ist die Alternative zu einem Leben in namenloser Langeweile. Wenn Gott uns kennt und sieht, dann gibt es nicht nur zwischen Himmel und Erde, sondern auch in unserem Leben mehr, als wir uns träumen lassen. Was heute unveränderlich scheint, ist einmal dahin.

Was heißt einmal? Schon bald! Und darauf sagen wir: Amen.

Die Predigt zum Hören

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