Der Zwiespalt in uns (Jesaja 29, 17-24)

Die Sommertage sind noch nicht vorbei. Erst eine kurze Weile liegen für Viele die freien Tage, der Urlaub, die große Unterbrechung des Alltages zurück. Erst morgen beginnt für die eigenen Kinder wieder die oder erstmals die Schule. Und die aus den letzten Wochen mitgebrachten Bilder sind noch ganz frische Erinnerung. Grünende, blühende Wiesen, erntereife oder gerade abgeerntete Felder, Wälder, die Schatten spenden und deren Rauschen im Wind Streicheleinheiten für die Seele sind. Sanfter Wellenschlag an einem der kühlenden Seen oder die blaue Weite an den Küsten in der Nähe oder Ferne. Manche brauchen eine Weile, bis sie sich, der Hektik des Alltages endlich entkommen, auf solche Eindrücke einlassen können. Die Augen müssen sich an die Ruhe, Weite und Langsamkeit der Bilder ebenso erst gewöhnen, wie die Ohren wieder lernen müssen, nach dem Lärm, der unser ständiger Begleiter ist, die Stille zu hören. Es gilt wahrzunehmen, welche Geschichten uns die Natur vom Rauschen bis zum Vogelgesang erzählt. Was bleibt nach diesen Wochen ? Hoffentlich Erholung für Körper und Seele, freudige Erinnerung an die Augenblicke miteinander, an gemeinsame Zeit mit den Kindern, den Enkelkindern, Freunden und Weggefährten, Staunen über die Vielfalt und Schönheit der Welt, Respekt vor der Größe der Natur… von allem etwas hoffentlich, denn der Alltag versucht all das wieder zu verdrängen und übernimmt so lautstark das Kommando über unser Leben, dass diese kostbaren Moment wie geträumt und manchmal auch irreal anmuten. Wenn wir sie nicht bewahren und uns vorsehen. dann schieben sich die anderen Bilder wieder in den Vordergrund. Die Schreckensnachrichten aus den Krisengebieten der Welt machen ja nicht Sommerpause und gehen in den Urlaub: Bürgerkriege, Terroranschläge, Hungersnöte, Naturkatastrophen und die Angst vor den Despoten und Demagogen, den Gewaltherrschern und Verführern unserer Tage sind und bleiben Realität. Und im eigenen Land geht der Wahlkampf in die letzten Wochen und der Streit nimmt an Heftigkeit zu, ob es dem Land gut geht wie nie oder ob die Gerechtigkeitslücke immer größer wird, oder ob sogar beides gleichermaßen wahr ist, so dass wir dankbar sein dürfen, um zugleich die Augen vor der Not vieler nicht zu verschließen.

Nehmen wir also neben der Schönheit und Anmut des Sommers die Unruhe und die Ungeduld noch wahr, lassen wir unsere Sehnsucht und unseren Traum von einer heilen Welt, in der Menschen zufrieden, also mit sich und anderen in Frieden, und heil an Leib und Seele leben, angerührt an Herz, Augen und Ohren, erfüllt von Freude und Fröhlichkeit, leben und wachsen?
Wer die Zerrissenheit und Zweideutigkeit unserer Wirklichkeit wohl am deutlichsten empfindet?
Wer in seinem Leben einmal Gewalt und Krieg mit all seinen Schrecken erlebt hat, wer auf der Flucht alles zurücklassen musste, was ihm Heimat war, wer um das tägliche Brot kämpfen, sich alles vom Munde absparen musste, wer das Wagnis eines freien, offenen Wortes und der freien Gedanke einmal eingegangen ist und dafür verfolgt und bestraft wurde, wer Wind und Wasser als Lebensbedrohung erfahren hat, hat eine andere Weltsicht als der, dem ein in Frieden stetig gedeckter Tisch, frei von allen sozialen Abstiegsängsten, eine Selbstverständlichkeit ist und der somit seinen Kindern und Enkelkindern aller Voraussicht nach ein Leben in Frieden und Sicherheit ermöglichen kann. Die Versuchung ist groß angesichts so vieler Selbstverständlichkeiten die Augen vor den Bedrohungen der Katatstrophen, für die wir auch Verantwortung tragen, zu verschließen. Schleichende Prozesse, langsamer Klimawandel, Schreckensmeldungen vom anderen Ende der Welt, haben lange Zeit nichts mit mir zu tun, bis die Menschen mit ihrer Not dann plötzlich an unseren Grenzen stehen oder wir durch persönliche Kontakte, Partnerschaften, Entwicklungshilfeprojekte eine sehr konkrete Anschauung bekommen. Mit den Bildern des Propheten und dem Predigttext geht es ja buchstäblich um Anschauung und Anhörung und hoffentlich auch Anrührung, um offene Augen, Ohren und Herzen inmitten falsch verstandener Sicherheit.
Seine Aufgabe scheint es zu sein den Zwiespalt aufzudecken, offenkundig zu machen, das nicht alles zum besten bestellt ist, ohne aber alle Hoffnung zu begraben und Menschen trost- und ratlos zurückzulassen.
Hoffnung und Utopien, Träume und Visionen können ja ungeahnte Kräfte freisetzen, um sich mit den Verhältnissen nicht einfach abzufinden, sondern Veränderungen zu wagen. Wir lösen die Krisen und Herausforderungen nicht durch Leugnung und Abschottung. Es helfen weder Mauern an der Grenze zu Mexiko, noch sichtbare oder unsichtbare Mauern an der Sahara, Waffen, auch deutsche, in den Krisenregionen dieser Welt schon gar nicht. Die Menschen, die fliehen müssen oder fliehen können, weil sie die Mittel dazu haben – oder das Maß an Verzweiflung, dass kein Risiko mehr scheut – sind nicht der Grund des Problems, sondern nur die letzten Auswirkungen einer humanitären Katastrophe, die viel tiefer und viel weiter geht, als wir uns in unseren Befürchtungen ausmalen. Die Elenden und die Armen kämpfen nicht um einen Platz in der Komfortzone, sondern um das nackte Überleben für sich und ihre Kinder. Die Tyrannen und Gewaltherrscher dieser Welt ignorieren Würde und Recht eines jeden Einzelnen oft nur wegen Herkunft, Geschlecht, politischer oder religiöser Überzeugung oder sexuellen Orientierung.
Und zugleich geht auch in diesen Ländern der Welt die Sonne oft in atemberaubender Schönheit auf, faszinieren Landschaft, Pflanzen- und Tierwelt den Betrachter und zeigen Menschen eine Fröhlichkeit und Ernsthaftigkeit in ihrem Leben, die einen sprachlos machen können.
Der Prophet deckt den Zwiespalt in uns auf. Er nötigt uns zum Sowohl als Auch, er zwingt uns in eine unbequeme Ehrlichkeit und weckt uns aus diesem Schlaf falscher Sicherheit, aber nicht um in tieferVerzweiflung zu stürzen: er ist nicht der Inbegriff und Verursacher permanenter Depressionen.
Er will eigentlich Mut zu einem wachen und aufmerksamen Durchhalten machen. Und was einmal in eine konkrete geschichtliche Situation eines kleinen Volkes in Gefangenschaft und Exil hineingesagt wurde: es ist (nur) noch eine kleine Weile, das ist mittlerweile längst eine globale Hoffnung gegen alle resignative Weltuntergangsstimmung.
Was wir erleben, soll noch lange nicht das Ende der Welt sein und ist nach Gottes Willen nicht die letztgültige Wirklichkeit. Eine kleine Weile und dann sind die Bilder in uns von Schönheit, Frieden und Gerechtigkeit die eigentliche alles beherrschende Realitität.
Dabei speist sich der prophetische Optimismus nicht aus der dem Menschen womöglich ureigenen Einsichtig und Lernfähigkeit, das wäre zu positiv gedacht. Gott war und ist Grund aller Hoffnung. Natürlich gibt es Humanität auch ohne Gottesbezug, sind Menschen mit oder ohne Glaubensbezug, mit oder ohne Orientierung an Jesus Christus, Christen, Juden, Muslime und Atheisten für das Gemeinwohl engagiert.. Aber dem Menschen alles allein zuzutrauen, wäre zu viel verlangt. Aber Gottes Wort – oder wie Jesaja sagt: die Worte des Buches – können/wollen der Impuls der Veränderung und der Hoffnung sein, Nahrung für unsere Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Frieden und Orientierung in einer komplizierter und komplexer werdenden Welt. Man kann nicht nur, man muss mit dem Evangelium Politik machen, weil es allein den Menschen mit seinen Grenzen als rechtfertigungsbedürftigen Sünder und seinen Chancen als Ebenbild Gottes ernst nimmt. Deswegen gehören Gottesmenschen, nicht Gotteskrieger, in die Mitte der Gesellschaft und in die Verantwortung. Also: Christen in die Politik, Menschen, die sich an Gottes Wort orientieren, Gottes Namen heiligen, mit Luthers Worten Gott lieben und fürchten. Gottes Wort ist dabei Kompass für Frieden und Gerechtigkeit, für Menschen in der Not und im Elend, für kritischen Bewusstsein allen Strukturen der Gewalt und des Unfriedens gegenüber und Widerstandskraft gegen Despoten und Demagogen. Das ist kein einfacher Weg. Und sich an Gottes Wort zu orientieren geht nicht fundamentalistisch naiv am Buchstaben, sondern nur mit hartem Ringen, Bohren und Fragen mit den Texten und Worten. Aber es ist gut, dass Jesaja den Glauben daran nicht aufgibt, dass Ohren auf Gott hören und Augen das Notwendige erkennen können. Wohlan also, nach den Wochen des Sommers, hoffentlich gut erholt und zugleich wach und sensibel für die Aufgaben und Herausforderungen: es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon, aber auch unsere Lebenswelt fruchtbares Land werden.

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