Heil und Heilung

Mit unserem Leben können wir nicht immer zufrieden sein. Wir erleben so Vieles das unvollkommen ist. Wir erleben Ungerechtigkeit und Unfrieden. Wir erleben Streit und Neid. Wir erleben, dass die Skrupellosen, die Menschen, die keine Rücksicht nehmen, den meisten Erfolg haben.
Und wir spüren: Das ist nur bedingt Gottes Schöpfung, von der Gott sagt, dass sie sehr gut sei.
Wir Menschen haben da Einiges beschädigt – Gott hat uns Freiheit gegeben, die wir nicht nur zum Guten benutzt haben. Er hat uns seine Schöpfung anvertraut und die Menschen vielleicht damit überfordert.
Das ist eine alte Erfahrung, auf die auch die Propheten des Alten Testaments reagieren. Sie kündigen das Gericht Gottes an, aber sie bekennen auch, dass das Gericht nicht das einzige und nicht das letzte Wort Gottes in dieser Welt ist:

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.
18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;
19 und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.
20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,
21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.
22 Darum spricht der Herr, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.
23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – ihre Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.
24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Verstand annehmen, das wäre doch mal eine Lösung – natürlich nur für die Anderen; denn die müssen ja Verstand annehmen. Die Murrenden werden sich belehren lassen. Damit wäre doch schon mal viel geholfen – mir. Denn mich betrifft fast ja nicht. Ich bin in Ordnung. Ich brauche weder Belehrung noch muss ich Verstand annehmen. Oder wie?
Mir gefällt die Heilsweissagung mit der der Prophet beginnt: Der Libanon wird fruchtbares Land und Menschen mit Behinderung verlieren ihre Behinderung. Das hört sich paradiesisch an. Und das ist es auch: Der Prophet beschreibt, wie die Welt aussieht, wenn sie nach dem Plan Gottes ist. Das ist seine Art zu antworten auf das Wehe Gottes, das er direkt vor unserem Text verkünden musste. Es lässt ihn nicht kalt, wenn Gott Menschen verurteilt, weil sie nicht so sind, wie sie sein sollten.
Und es lässt Gott nicht kalt, dass sein gerechtes Urteil über die Menschen eigentlich nur negativ sein kann. Und darum kann der Prophet seine Vision so schön vor uns ausbreiten und uns zusprechen: Wunder können passieren, wenn Menschen mit Gott leben, wenn sie ihr eigenes Leben bedenken und sich nicht darauf beschränken, mit dem Finger auf Andere zu zeigen. Er kann uns einerseits sagen, was eigentlich passieren müsste, wenn es bei Gott gerecht zuginge und gleichzeitig bekennen, dass er an die Ungerechtigkeit Gottes glaubt, an das Heil und die Vergebung an einen Neuanfang aus Gottes Ratschluss.

Darum hat der Prophet eine Vision: Es geht um ein politisches Evangelium: Gott will Heil für alle Menschen. Die Gegenwart steht schon im Lichte des Kommenden (‚nur noch eine kurze Zeit‘ lautet die Verheißung). Die Erneuerung der Natur und die Erneuerung der Menschen wird sich entsprechen. Ein fast schon neuzeitlicher Gedanke. Die in den Lebensraum der Menschen gewachsene Wüste wird zurückweichen, wird Platz machen, dass sich die Natur ausbreiten kann: Nur der ökologische Friede schafft wirklichen Frieden, umfassenden Frieden.
Aber dieser Friede kostet auch. Die Profiteure der Ungerechtigkeit sind die Verlierer der Welt, die Gott schafft. Auch das größte Heil enthält Unheil – für manche Menschen.
Tyrannen und Spötter und ‚Fallensteller‘ gehören hier zusammen als die, die Gottes Willen entgegenstehen. Die, die darauf aus sind, Unheil anzurichten. Ich bin ja manchmal erstaunt wie konkret und wie aktuell die alttestamentliche Prophetie oft ist. Da sieht jemand vor über 2500 Jahren den Libanon als fruchtbares Land und da sieht jemand Behinderungen überwunden, die heute noch Menschen trennen, sie daran hindern Gemeinschaft zu sein. Der Prophet knüpft an die Sprache der Psalmen an: Die Zeit des Heils ist kein goldenes Zeitalter, sondern eine Zeit, in der die Geringen, die zu kurz Gekommenen, Taube, Blinde und Elende werden aus der Isolation gelöst und zu ihrem Recht kommen.
Und darum muss sich jeder Einzelne immer neu fragen, welchen Anteil er hat, dass Menschen zu kurz kommen, mit welchen Mitteln er dem Willen Gottes im Wege steht.
Gott selber ist es, der Heil und Befreiung für die Menschen schafft und der Einzelne muss sich fragen wohin er gehört. Speziell wo er auf Kosten Anderer lebt, wo er davon profitiert, dass es ein oben und ein unten gibt. Und jeder Einzelne muss damit rechnen, dass Gott sein Wort über die Welt spricht und das nicht nur schön ist.

Heil und Heilung gehören untrennbar zusammen. Die Menschen gehören dazu: sie werden sich ändern, ja sie werden sich belehren lassen. Das ist dir große Vision des Jesaja. Da ist das Ziel. Nicht Heilung, nicht blühende Landschaften. Die sind nur Begleiterscheinungen. Das eigentliche Ziel ist, dass Menschen begreifen, dass nicht sie ihres Glückes Schmied sind und dass es sie nicht glücklich macht, reicher zu sein als Andere. Das Ziel ist, dass alle Menschen eine Gemeinschaft von Gleichen bilden, in der es sich für alle lohnt zu leben.
Wer diese Vision annimmt, wird sich nicht abfinden mit dem Bestehenden, auch wenn er nicht weiß, was kommt. Aber er hat Hoffnung geschenkt bekommen, dass Gott neue Perspektiven öffnet, dass er eine neue Welt öffnet.
Es geht auch um das Warten – Können. Wir sind Wartende – aber nicht wie auf einem Bahnhof, sondern wie Menschen, die auf die Ernte warten – und dafür etwas tun. Wir warten darauf, dass Gott sein Reich ordnen wird. Wir rechnen damit, dass diese Ordnung nicht in Allem dem entspricht, was wir uns erwarten. Sie ist Geschenk Gottes, dass alle das Leben in seiner Fülle haben.
Der Wochenspruch: Jesaja 42,3: ‚Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.‘ macht uns Mut darauf zu hoffen, dass Gott selber eingreift in diese Welt – täglich.

Und er macht uns Mut selber Partei zu ergreifen für die am Rande, für die geknickten Rohre und die glimmenden Dochte.

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