Von der Liebe, die allem vorausgeht (Matthäus 21,38-42)

Eine gute Frage: was meint IHR eigentlich?
Machen wir uns doch einmal für einen Augenblick ehrlich. Wir würden natürlich immer sagen, dass wir unsere Kinder gleichermaßen lieben und keine Unterschiede machen. Aber ist das wirklich immer so?
Da ist der eine, der immer Widerspruch ist. Das war schon im zarten Kindergartenalter so, dass er mit seinem Dickkopf nur das tat, was er wollte. Er zog nicht die Sachen an, die man ihm hinlegte, er spielte nicht die Spiele, die alle spielten, weil ihm die Regeln nicht passten und er immer gerne eigene dazu erfunden hätte. Er wollte in der Schulzeit toben, wenn er eigentlich lernen sollte, er wollte spielen, wenn er schlafen sollte, er blieb länger weg, wenn er pünktlich zu Hause sein sollte… und so kann ich die Liste beliebig fortsetzen. Er hat es seinen Eltern nicht leicht gemacht, ihn zu lieben, hatte dafür aber immer Verständnis bei seinen Großeltern (vielleicht ja, weil sie sich daran erinnerten, wie ihr eigenes Kind, der Vater dieses unbequemen Sohnes, einmal war). Aber diese endlosen Diskussionen, dieses permanente unausgesprochene und doch körperlich präsente „Nein“ war furchtbar anstrengend…
Er ist später natürlich seinen eigenen Weg gegangen. So unbequem wie er war, so konsequent war er auch beim Verfolgen seiner Ziele. Und als er merkte, wie wichtig die Schule dafür war, begann er auch hier konsequent seinen Weg zu gehen, das Studium meisterte er mit Bravour, er ließ sich nicht übergehen, nicht übers Ohr hauen, er stritt auch für seine Sache. Und war im Nachhinein (!) dankbar, dass seine Eltern ihn nie haben fallen lassen.
Sein Bruder war vomTyp her das genaue Gegenteil. Er war nicht nur die Vorsicht in Person, ging kein Risiko ein, war kein Kind, dass von der Schaukel fiel, sich mit anderen in der Schule oder im Hort oder auf dem Fussballplatz prügelte, fiel nie durch Widerspruch, Unhöflichkeit oder Eigensinn auf. Er war ein Sonnenschein in den Augen seiner Eltern, die sich allerdings manchmal auch sorgten, ob er dem Leben gewachsen sein würde. Regeln hielt er immer ein, nichts ärgerte ihn mehr, als wenn andere ihre Grenzen austesteten oder permanent Grenzen verletzten. Er war überzeugt: nur konsequent eingehaltene Spielregeln lassen Menschen gut miteinander auskommen. Ihm fehlte diese freche Spontanität und manchmal auch die Lockerheit, mit Herausforderungen umzugehen. Mit seinen Eltern hat er sich nie gestritten, von seinem Bruder wurde er immer klein gehalten (dennoch hing er sehr an ihm und bewunderte an ihm all das, was er nicht war, auch die über die Kindheit hinaus). Jetzt muss ich ehrlich sein: manchmal versuchte er wenigstens Grenzen zu überschreiten, verbotene Dinge zu tun. Aber natürlich wurde gerade er immer ertappt, Lügen sah man ihm sofort an. Er musste später kämpfen, um seinen Weg zu finden, er musste sich freischwimmen, emanzipieren, seine eigenen Wünsche und Träume entdecken, lernen sich nicht an anderen zu messen. Er war nicht der Karrieretyp mit Ellbogen, aber irgendwann stand auch er auf eigenen Beinen, bescheidener und unauffälliger als sein Bruder, aber immerhin.
Es hätte mit beiden ja auch ganz anders ausgehen können. Der eine hätte sich mit seiner Widerspenstigkeit, der andere mit seiner Anpassungsfähigkeit ein Bein stellen können und straucheln.
Als die Kinder klein waren, bereitete der eine seinen Eltern schlaflose Nächte und der andere war das Kind zum Vorzeigen. Natürlich hätten Vater und Mutter immer betont und gaben sich alle Mühe, beide Kinder gleichermaßen zu lieben, aber manchmal machte es der eine schwerer als der andere! Und nicht immer merkten die Eltern, wie ungerecht ihre empfundene Zuneigung verteilt war. Gut, dass sie anderen gegenüber dennoch immer uneingeschränkt hinter ihren Kinder standen!
Was meint ihr also? Wer von beiden?
Der Jasager oder der Verweigerer?
Und : Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind natürlich zufällig, aber um so mehr beabsichtigt. Was meint ihr: wem von beiden gehört unsere Sympathie?
Das hängt wohl auch davon, wie ich diese Geschichten mit meinen Sympathien erzähle. Es ist eben nicht alles schwarz oder weiß, gut oder schlecht, richtig oder falsch… Und auffällige oder angepasste Verhaltensmuster können auch Fassade sein, um zu verbergen, was wirklich im Innern passiert und umtreibt.
Es gibt den äußeren Augenschein und eine (innere) Wirklichkeit dahinter.
Unsere eingeladenen Freunde aus Simbabwe z.B., sechs an der Zahl, durften trotz ausgestellter und bezahlter Visa nicht nach Deutschland reisen, weil sie jung und arbeitslos, arm gekleidet und mit nicht ausreichend Bargeld ausgestattet auf dem Flughafen in Johannesburg befragt wurden. Die Erfahrung, so der Bundespolizist, der als Dokumenten- und Einreiseberater vor Ort tätig ist, sagte ihm nach eigener Auskunft: die wollen doch etwas ganz anderes in Deutschland als an einer kirchlichen Begegnungspartnerschaft teilnehmen. Er war und ist sich immer noch sicher, alles richtig gemacht zu haben. Arm und Schwarz, ohne richtig Geld und mit Reiseziel Deutschland, das macht egal, wer eingeladen hat, verdächtig, dem Augenschein nach…
Zur Zeit Jesu war es nicht arm und schwarz, sondern anstößiger Lebenswandel und falscher Umgang, der manche aus der Umgebung Jesu  disqualifizierte. Es gab und gibt Leute, mit denen man sich nicht abgibt, mit denen man sich nicht zeigt, mit denen man nicht redet, mit denen man lieber nicht gesehen werden möchte. Denn aus dem Umgang lassen sich ja womöglich Rückschlüsse ziehen. So war der allgemeine Tenor.
Wer mit Zöllnern und Huren redet, der macht sich mit dem Abschaum der Gesellschaft gemein. Die einen arbeiteten mit den politischen Unterdrückern zusammen, die anderen standen für Unmoral und Verwerflichkeit. Da kam alles an Abscheulichkeiten, an Sünde, zusammen, was die Menschen kannten. Und da wurde nicht mehr geschaut, ob nicht gerade diese Menschen mit ihren Geschichten, ihren Gefühlen, ihren Erfahrungen, ihrem Leiden, ihren Ausgrenzungen, auch ihren Verfehlungen, ihrem Versagen, ihrem Scheitern, ihren enttäuschten oder aufgegebenen Hoffnungen besondere Zuwendung brauchten, um nicht auch noch den letzten Rest Menschenwürde und Respekt vor sich selbst zu verlieren. Stattdessen bestätigten sich die Anständigen mit der moralischen Empörung die nur in ihrem eigenen Bessersein. Das ist das Grundprinzip des anständigen Hauses, in das nicht jeder passt, egal was hinter den anderen Wohnungstüren der anständigen Mieter und Menschen passiert (Udo Jürgens)
Diese Menschen haben für sich die Frage, wer mehr geliebt werden müsste, selbst eindeutig beantwortet und waren da völlig frei von Selbstzweifeln: es können nicht die Zöllner und Huren, die Widerspenstigen, Unangepassten oder Ausgebrochenen und Neinsager, sondern nur sie, die Anständigen, sein.
Aber letztlich ist das dann keine Liebe, sondern nur Selbstgerechtigkeit.
Natürlich freut sich Liebe auch über Einverständnis, wenn nicht diskutiert und gerungen werden muss. Liebe braucht auch nicht wirklich Missverständnisse und Auseinandersetzungen. Aber sie will auch nicht erkauft oder verdient werden, sondern ist immer etwas unverdientes, verschwenderisches und wunderbares, wenn sie geschieht. Gerade darin, dass auch Neinsager und Widerspruchsfreudige geliebte Kinder bleiben, das auch Versager und Gestrauchelte nicht ihr Ansehen, ihre Würde und ihren Respekt verlieren, das Menschen nicht ihr Leben lang auf ihre Fehler, auf ihre Verbrechen, auf ihre Defizite und Handicaps reduziert werden, zeigt sich Liebe. Sie schaut immer hinter die Fassade und vermag Gottes Absicht und Gottes Idee in einem und einer jeden zu entdecken. Deshalb ist Liebe bedingungslos, sie ist Vergebung und Neuanfang. Und wir Menschen können nicht ohne Vergebung und ohne die Chance auf einen Neuanfang leben und zwar: bis zum letzten Atemzug. Viel wird in diesen Tagen diskutiert, was am Ende des Jahres vom Reformationsjubiläum bleibt. Ich hoffe es bleibt die Freude und die Unruhe über die Sprengkraft dieser Botschaft des Evangeliums, dass Gott Menschen ohne Ansehen der Person liebt, dass er sich nicht vom äußeren Schein oder von den Bildern, die wir voneinander haben, täuschen lässt, sondern hinter die Fassade schaut. Und dass es für niemanden zu spät ist, seinem Leben eine andere Richtung zu geben, mit der Vergangenheit abzuschließen und heute einen Neuanfang zu wagen. Die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade ist vielleicht eine Botschaft, die begrifflich altertümlich daherkommt, die Lebensrelevanz aber ist aktueller denn je. Ich kenne keinen, der nicht für sich die Kraft und die Chance der Vergebung wie die Luft zu Atmen braucht oder für sein Lebensfundament auf die Erfahrung angewiesen ist, „dennoch“ vorbehaltlos geliebt zu werden. Das geht übrigens jedem Gehorsam voraus. Eltern lieben ihre Kinder nicht erst dann, wenn sie ihren Willen erfüllen. Aber Kinder können sich auf ihre Eltern und ihren Willen einlassen, wenn sie von dem Vertrauen getragen sind, dass alles in Liebe geschieht und die Liebe allem vorausgeht und allem nachgeht. Kadavergehorsam aber ist das Gegenteil von Liebe.
Was meint ihr?
Jesus hat mit seinem Leben die Antwort längst gegeben. Gott sei Dank, geht Gottes Liebe in meinem Leben allem immer voraus und geht mir immer nach – um meiner selbst willen und um Gottes Willen. Deswegen üben wir uns in einem Umgang miteinander, der nicht bei den Vorurteilen und Vorverurteilungen bleiben sollte. Das meint er!
Amen

Predigtlied: EG 360

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