Diskrepanz

Es gibt Dinge im Leben, die sind furchtbar einfach. So wie Spiegeleier braten oder Nudeln kochen. Da kann man nicht viel falsch machen. Und es gibt Dinge, die sind so klar, dass sie keine weiteren Erklärungen brauchen. So z.B., dass man nicht bei Rot über die Ampel geht, wenn kleine Kinder neben dir stehen. Klar und einfach. Vor dem Schlafengehen putzt man sich die Zähne, Motorrad fährt man nicht ohne Helm und Kinder gehorchen ihren Eltern. Einfach und klar.

Mein Vater ist im Weinberg aufgewachsen. Unkraut jäten, den Boden aufhacken, die Reben beschneiden und nicht zuletzt im Herbst die Ernte. Heute wie damals ein Knochenjob. Gerade bei starkem Gefälle ist die Arbeit im Weinberg eine überaus anstrengende Arbeit. Bestimmt hätte mein Vater das eine oder andere Mal lieber Nein gesagt, anstatt zu gehorchen und dort hochzuklettern. Aber daran wäre gar nicht zu denken gewesen. Dem Vater widersprechen. Ein solches Verhalten hätte drakonische Strafen nach sich gezogen. Besser war es da schon, wenn man gehorchte. Sich dem Willen und der Notwendigkeit beugte und sich auf den Weg machte. Auch wenn mein Vater manches Mal lieber Nein gesagt hätte.

Das dieses Problem bekannt ist, davon erzählt die Geschichte über die zwei unterschiedlichen Kindern. Sie steht bei Matthäus, im 21. Kapitel, ich lese die Verse 28-32:

[Text]

Schön! Ein bisschen durchschaubar, aber deutlich: Es ist egal, was du sagst, wenn du nachher das Richtige tust. Der Herr segne das Reden und das Hören und danach das Tun und das Lassen.

Hier im Text, wie im Alltag. Gerne denken meine Frau und ich an die Zeiten zurück, in denen die Jungs noch nicht sprechen konnten. Kein quengeln, kein Gemotze und vor allem – kein Widerspruch.

Stattdessen:

Räum dein Zimmer auf!

Häng die Jacke ordentlich weg.

Nimm die Mütze ab.

Nein, nö, jetzt nicht.

Jesus hat gut aufgepasst bei seinen Freunden, die damals schon Kinder hatten. Widerspruch all überall und null Bock, heißt null Bock. Und das ist, Gott weiß es, kein Teenagerproblem und auch keines von Schulanfängern. Diese kleine Episode familiärer Liturgie ist Alltag. Weithin bekannt und lästig wie Kaugummi unterm Schuh und oft endet das ganze Theater im Streit unter Androhung sämtlicher Strafen.

Umso erstaunlicher, aber die Erzählung von den ungleichen Kindern endet nicht mit Hausarrest oder Fernsehverbot, endet auch nicht mit verheulten Kinderaugen oder an sich selbst und ihren pädagogischen Fähigkeiten zweifelnden Eltern.

Ich kann verstehen, dass mein Vater gerne öfter mal „Nein!“ gesagt hätte. Würde ich auch gerne häufiger mal tun. Traue ich mich aber viel zu oft nicht. Und wenn ich es dann doch tue spüre ich das schlechte Gewissen. „Nein!“ zu sagen hat immer seinen Preis.

Andererseits kennt man ja auch solche Typen, die erst was versprechen und es dann nicht tun. Den gibt es ja überall, der gleich „Ja“ sagt, vielleicht auch um gut dazustehen und es dann trotzdem nicht tut. Ist bekannt. Hab ich auch schon mal gemacht, bin ich nicht stolz drauf, ist aber leider passiert.

Und dann gibt es den, der widerspricht, seinen eigenen Kopf durchsetzt und dann doch macht, was er schon abgelehnt hat.

Was meint ihr? Wer von den beiden hat Jesu Willen getan?, fragt Jesus und die Antwort ist klar.

Den, der Nein gesagt hat, mögen wir! Auch wenn er das gute Verhältnis zum Vater aufs Spiel setzt. Der hat Rückgrat, in jeder Beziehung. Toll! Der Fall ist klar, die Sache geklärt.

Nicht ganz! Denn bei Licht betrachtet sieht man, dass weder die eine noch die andere Verhaltensweise richtig gut ist. Immerhin machen beide Protagonisten Fehler. Der eine sagt viel zu schnell Nein, der andere sagt einfach gleich das Falsche.

Wer sich allerdings schon länger mit diesem Jesus und seinen Erzählungen beschäftigt hat, ob nun regelmäßig hier oder alleine im stillen Kämmerlein, der wird ahnen, was jetzt kommt. Der gute Wille zählt, ganz egal, was du vorher gesagt hast.

Aber das wäre nichts ohne den Zusatz: Überleg doch noch mal. Auch wenn du versprochen hast, dein Zimmer aufzuräumen, die Jacke wegzuhängen und du es trotzdem nicht getan hast, oder du einfach keinen Bock hast, im Weinberg zu arbeiten kannst du ja deinen Entschluss überdenken und neu fassen. Jederzeit.

Dieses überraschende Konzept nennt man im biblischen Kontext gemeinhin Umkehr. Johannes der Täufer hat das das sehr eindrücklich gepredigt, landauf, landab. Aus etwas Bösem kann Gutes werden. Aus etwas Krummen kann etwas Gerades werden und aus einem Nein ein Ja. Das funktioniert, weil eine zeitlose biblische Wahrheit lautet, dass man bei den Kindern immer mit einer Diskrepanz zwischen Wort und Tat geben kann. Ich bin auch schon mal bei Rot über die Ampel gegangen und habe einen Besuch nicht gemacht, obwohl ich ihn versprochen habe.

Damit bin ich wohl das, was man gemeinhin ein schlechtes Vorbild nennt, aber an dieser Stelle, hier und jetzt, ganz gut aufgehoben und richtig am Platz. Ich bin ja auch nicht der Einzige, der sich ab und an widersprüchlich verhält.

Und das ist doch tröstlich und über die Maßen freundlich. Es gibt Grund zur Hoffnung daran zu glauben, dass die Geschichte dieser Welt demnach nicht zwangsläufig in einer Endlosschleife von falschen Entscheidungen gefangen sein muss. Ich, Du, Er, Sie, wir können unser Urteil revidieren. Eine Aussage neu überdenken. Falsche Aussagen bereuen und dann z.B. Nazis wirklich Nazis nennen, auch wenn man das im ersten Versuch nicht so richtige hinbekommen hat.

Man kann sich fortan auch nochmal überlegen, ob so manche Äußerungen bzgl. eines Schießbefehls an der deutschen Grenze um Flüchtlinge abzuschrecken und aufzuhalten nicht doch einfach nur grausam und doof waren.

Und man kann nochmal überdenken, ob man dem ohnehin armen und ausgehungerten nordkoreanischen Volk wirklich mit „Feuer und Wut“ und Gewalt drohen muss oder ob man ihnen nicht viel lieber hilft, vielleicht mit Nahrung, Geld und Trost?

Das Schöne daran ist, was im Großen funktionieren kann, klappt ganz gewiss auch im Kleinen. Den versprochenen Besuch habe ich seinerzeit nachgeholt, habe mich entschuldigt und mir wurde die Tür geöffnet.

Erich Kästners Satz „es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ ist immer im Dienst und die Tür zur Umkehr immer geöffnet. (Vgl.: M. Crüsemann, GPM, III/3, 2017, S.386). Immer haben die Kinder Gottes die Möglichkeit, sich neu zu besinnen. Immer gibt es die Möglichkeit, die Jacke doch noch ordentlich raufzuhängen oder sich auf den Weg in den Weinberg zu machen. Gott ist dann auch schon da, freut sich und empfängt dich, väterlich lächelnd, mit offenen Armen.

Natürlich scheint es bisweilen einfacher zu sein, eine Notlüge abzusetzen, um sich so der Verantwortung zu entziehen; scheint es bequemer zu sein, seine eigenen Interessen durchzusetzen, ohne Rücksicht auf die anderen. Aber das zerstört auf die Dauer die Beziehungen. Ein „Nein“ muss einfach nicht das letzte Wort sein.

Und dass es zur Umkehr auch eines gewissen Mutes bedarf ist klar. Es braucht schon einiges, um sich und vor anderen einzugestehen, dass der eingeschlagene Weg falsch war.

Jesus jedenfalls geht davon aus, dass Menschen fähig sind, ihre Handlungen und Aussagen in Frage zu stellen und, wenn nötig, neu zu bewerten.

Also: Was meint ihr? Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Die Antwort darauf ist gar nicht so leicht. Der Vater will natürlich beide Brüder im Weinberg haben. Und weil Gott alle bei sich haben will, sind ihm auch die Ja-Sager und die Nein-Sager willkommen. Ebenso die Entschlossenen und die Wankelmütigen und ganz bestimmt, dass ist klar, auch all die Schwestern.

AMEN.

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