Was macht satt?

Liebe Gemeinde,

ich habe es so satt!!!

So reden wir, wenn wir einer Sache, eines Zustandes, eines Verhaltens vollkommen überdrüssig sind. Ich habe es so satt!

Im Nachdenken über den heutigen Predigttext habe ich noch einmal gedacht: Das ist eigentlich eine blöde Redensart. Ich will hier nicht lange auf Wortspielen herumreiten, aber musste einfach dran denken, wie viele Menschen auf unserem Planeten nicht satt haben. 700 Millionen Menschen wissen heute nicht, ob sie an diesem Tag satt werden. Ihr Körper und alles in ihnen schreit danach, alles andere ist dann erst einmal zweitrangig.

 

Wie werde ich satt?

Das ist auch die Leitfrage unseres heutigen Predigttextes. Vorausschicken möchte ich aber etwas anderes. Ich bin froh, dass Jesus selbst das leibliche Sattwerden wichtig war. Nur ein paar Verse vor unserem Predigttext erzählt Johannes davon, wie 5000 Menschen wunderbarerweise satt werden von fünf Broten und zwei Fischen. Alle Evangelisten erzählen von solchen Sättigungs- oder Brotwundern. Und wie ich dazu auch stehe – ob ich staunend das Wunder zur Kenntnis nehme oder die Geschichten eher als Wunder des Teilens nehme – eins ist klar: Jesus wollte nicht, dass den Menschen der Magen knurrte. Er selbst hat Essen und Trinken wertgeschätzt, war gerne zu Gast bei Tisch – davon gibt es viele Zeugnisse. Und nicht umsonst beschimpfen ihn seine Gegner als Fresser und Weinsäufer. Und nicht zufällig betet er uns im Vater unser vor: Unser täglich Brot gib uns heute.

In unserem heutigen Predigttext geht es aber um etwas anderes.

Angesprochen auf die Wunder und Zeichen – wovon Menschen ja nie genug bekommen können – antwortet Jesus: „Mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.“

Das Brot vom Himmel – das hört sich super an. Davon wollen alle natürlich gerne jeden Tag haben. Und Jesus antwortet:

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“

Das ist im Grunde ein Glaubensbekenntnis der frühen Christen.

Johannes hat es für uns aufgeschrieben.

So haben die ersten Gläubigen es für sich erlebt: Dieser Jesus bringt einen Ton in mein Leben, der mich erfüllt. Er zeigt mir Wege zum Glauben und Handeln auf, die mich zufrieden und vollständig machen. Ja, der ist für mich Brot des Lebens.

Wie ist das mit uns heute?

Können wir das so nachvollziehen?

Was macht mich satt?

 

Wenn ich jetzt mal ganz fromm bin, kann ich es sagen: Im Abendmahl erlebe ich es auf besondere Weise, dass Jesus, dass der Glaube mir Brot ist. Weil ich Gemeinschaft mit Gott und den Menschen erfahre. Mich darauf besinne, was wirklich wichtig ist. Auch ein Bibelwort oder eine Ermutigung durch einen anderen Menschen kann mir Stärkung und Wegzehrung sein.

Im Urlaub habe ich es auf ganz andere Weise erfahren: Mit dem Fahrrad sind wir durch die Toskana gefahren und es war einfach nur pure Freude. Die Schönheit der Landschaft, Weinberge und Olivenhaine, Zypressen und Platanen, ein weiter Himmel. Dann die Städte, eine schöner als die andere. Voller mittelalterlicher Pracht und Kultur und dazwischen das quirlige Leben auf den Plätzen und in den kleinen Gassen. Freundliche Menschen. Und dann das leckere Essen und der gute Wein. Es war einfach berauschend und auf eine Art auch zutiefst sättigend.

Das waren drei Wochen ein Stück Himmel auf Erden und die Erinnerung daran wird uns hoffentlich im Alltag noch lange begleiten und auf eine Art auch satt machen.

Aber auch im Alltag: Es erfüllt mich – macht mich satt – wenn andere Menschen mir mit Respekt und Anerkennung begegnen, mir ihre Liebe und Freundschaft erweisen.

Und da bin ich wieder bei Jesus.

Genau so ist er den Menschen doch zum Brot des Lebens geworden.

Nicht weil er schöne Worte gemacht hat.

Sondern weil er jedem Menschen erst einmal ohne Vorbehalt, mit ganz viel Offenheit und Liebe begegnet ist.

Jedem gezeigt hat – dem Zöllner und der Hure, den einfachen Menschen und den Wohlhabenden – Du bist etwas wert. Du bist ein Kind Gottes. Er hat die Menschen in ihrer Schuld gesehen und angenommen und sie so davon befreit. Er hat ihre Traurigkeit gesehen und getröstet. Die Nöte der Kranken hat er ernstgenommen und geholfen, wo er konnte. Die Hungrigen hat er satt gemacht.

Oder um es kurz zu sagen: Er hat uns den Weg der Liebe und des Erbarmens vorgelebt. Und so wird er zum Brot des Lebens.

Und wo immer Menschen ihm auf diesem Weg nachfolgen, können sie anderen auch Bort vom Himmel schenken. Können wir andere satt machen.

 

In dieser Woche habe ich so eine Situation erlebt.

Einige von Ihnen erinnern sich bestimmt, dass wir im Frühjahr für einige Wochen einen ägyptischen Mann bei uns im Kirchenasyl hatten. Er ist Journalist und freiheitlicher Denker, absolut gewaltfrei, und hat in Ägypten schon als politischer Gefangener im Gefängnis gesessen. Aus rein formalen Gründen sollte er nach Tschechien abgeschoben werden, wo er garantiert kein Asyl erhalten hätte.

Nach einigen Wochen ist S. in die Lukasgemeinde gewechselt, weil dort die Unterbringungsmöglichkeiten besser waren. Aber einige von uns haben ihn weiterhin begleitet, auch von seiner Angst und Not erfahren. Gehört von seinen Freunden, die nach und nach in Ägypten inhaftiert wurden – die politische Situation dort ist mit der Türkei vergleichbar.

Das war jetzt eine lange Durststrecke, zwischen Hoffen und Bangen, nervenaufreibend – besonders natürlich für den Betroffenen. Aber am Mittwoch haben wir die Nachricht erhalten, dass Herr E. seinen Asylantrag jetzt in Deutschland stellen darf. Und alle Unterstützerinnen waren einfach nur froh und glücklich. Und von Herrn E. weiß ich, wie dankbar und voller Staunen er ist über die Unterstützung und den Beistand von Menschen, die ihn gar nicht kennen, ihm einfach nur helfen wollen – ohne Gegenleistung.

 

Menschen können anderen das Brot des Lebens sein und weitergeben:

Durch tatkräftige Unterstützung, eine Geste des Verzeihens, ein liebevolles Wort, einen Besuch in der Nachbarschaft oder welche Idee Sie auch immer haben.

Wo wir das tun, das sind wir Jesus auf der Spur, dem Brot des Lebens. Amen.

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