Wenn Geschwister es schwer miteinander haben ( 5.Mose 7, 6-12)

Geschwister haben es manchmal schwer miteinander. Sie können nicht verleugnen, dass sie verwandt sind, also die gleiche Abstammung haben. Es wird immer von allen nach Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten gesucht. Sie werden ständig verglichen und aneinander gemessen und am Ende heißt es dann oft: dein Bruder und deine Schwester konnte das aber viel leichter oder aber : der war auch war auch nicht besser, halt Geschwister…
Und zu guter letzt sind Geschwister direkt in einer Konkurrenzsituation: sie teilen sich die Liebe ihrer Eltern, sie buhlen, ja sie wetteifern um diese Liebe.
Und Eltern behaupten dann zwar immer wieder: wir lieben unsere Kinder alle gleichermaßen und sie meinen es meist auch ehrlich. Aber dennoch will dies oft nicht so richtig gelingen. Da erkenne ich meine eigenen Schwächen oder Grenzen, meine eigenen Ängste und meine eigene Vergangenheit gerade in dem einen Sohn oder der einen Tochter besonders deutlich. Das ist das eine Kind das Sorgenkind, bei dem nichts gelingen will. Da ist einer oder eine streitbarer, widerborstiger als das andere und auch wenn ich mich wehre, spüre ich als Vater oder Mutter mal eine größere Nähe oder eine größere Distanz zu dem einen oder der anderen. Wie oft steht zwischen Geschwistern Zeit ihres Lebens der unausgesprochen Vorwurf oder nicht bewältigte Schmerz: Mutter oder Vater haben doch nur dich geliebt. Ich war doch immer nur Ballast oder Problem. Und dann versuchen Kinder ein Leben lang um die vermeintlich vorenthaltene Liebe ihrer Eltern zu kämpfen und zu werben.
Es mag auch passieren, dass Geschwister sich gegenseitig ausschalten, die Konkurrenz ausnutzen, Eltern auf ihre Seite ziehen und sie für such vereinnahmen: warum das Erbe teilen, wenn ich es alleine haben kann? wir alle kennen und erfahren im Leben wie nah und wie fern sich Geschwister sein können und doch voneinander nie wirklich loskommen.
Familiengeschichte müssen wir heute mit dem Predigttext aus dem hebräische Teil der Bibel auch erzählen. Es ist eine Liebeserklärung an das erstgeborene Kind, also den großen Bruder oder die große Schwester und soll zugleich unterstreichen, dass der Vater oder die Mutter, denn Gott vereint ja beides in sich, zugleich auch den Nachkömmling liebt und diese Liebe für beide gleichermaßen reicht, denn
wir hören als Christen, was Israel gesagt wurde, lesen als Nachkömmlinge die hebräische Bibel, die wir immer noch das Alte Testament nennen, vielleicht aber lieber das erste Testament, das erste Bundesbuch als Bezeichung wählen sollten…
Wie im Leben hören wir wie Kinder diese Botschaft immer und immer wiederholt auf je ganz eigene Weise: ich liebe euch doch beide auf je eigene Weise. Aber die Geschwister tun sich schwer damit, das zu akzeptieren. Es ist ein bisschen wie zwischen den Brüdern im Gleichnis vom verloren Sohn oder wie in der einen oder anderen Familie, die wir namentlich kennen…Der eine pocht womöglich auf sein Vorrecht als Älterer, der andere darauf, dass er als Nachkömmling die besondere und liebevoller Aufmerksamkeit genießt oder beide bestehen darauf immer die Pflicht zuverlässig erfüllt zu haben.
Im Streit heißt es : das Neue hat das Alte abgelöst, an die Stelle des alten ist das neue Israel getreten, wir sind das wahre Gottesvolk. Die Geschichte zwischen Christen und Juden ist die eines lange währenden heftigen Konfliktes und Streites um die Liebe der Eltern. Und da wurde keine Rücksicht genommen und gerade Christen waren da nicht zimperlich. Gerade mit Blick auf die Taufe als dem christliche Erwählungsdatum – mit der Befreiung aus der Gefangenschaft in Ägypten nicht nur auf Augenhöhe, sondern als sei sie ihr bei weitem überlegen, weil es um die Errettung aus der Gefangenschaft des Todes geht – wurde der Vorrang der Völkergemeinschaft dem kleinen Gottesvolk gegenüber behauptet.
Was für eine Überheblichkeit und was für eine Verkennung der wahren Situation. Als könnten wir gegenseitig um etwas buhlen, was uns nicht gehört und was wir uns auch nicht verdienen: nämlich Liebe!
Niemand kann sich die Liebe seiner Eltern verdienen. Und nie werde ich Liebe vergleichen können. Nie werde ich Liebe aufwiegen können.
Lese ich den heutigen Predigttext allein aus menschlicher Perspektive dann bin ich schneller als mir lieb ist gefangen im Selbstbetrug der Überheblichkeit, Einbildung und Arroganz: ich bin erwählt – ich bin geliebt – ich habe allen anderen etwas voraus…
Jeder Glaube und jede Religion steht in der Gefahr diesem Missverständnis zu erliegen. Es ist das Grundübel aller geistlichen Überheblichkeit und Arroganz, das Gegenteil von Dankbarkeit und Demut, zu glauben und zu behaupten anderen etwas vorauszuhaben.
Es geht um eine ganz andere Perspektive: es ist der liebevolle Blick Gottes, der erinnert wird:
Ich habe dich erwählt, dich kleines unscheinbares Volk, dass du immer nur Spielball der Großen und Mächtigen bist, weil ich ein Freund der Schwachen und geringen bin.
Ich habe dich nicht aufgrund deiner Schönheit und deiner Verdienste erwählt und geliebt, sondern liebe selbstlos und grundlos, weil ich Liebe und Zuwendung bin.
Diese Liebe ist nicht begrenzt, endlich und irgendwann erschöpft, sondern sie breitet sich aus, will alles überschwemmen und umhüllen. Sie kann sich nicht bei einem Volk oder gegen ein Volk erschöpfen, sie meint alle, die ganze Schöpfung, alle Kreatur, weil alles die Handschrift Gottes trägt.
Wir müssen ganz und gar aus Gottes Perspektive hören und lesen:
Gott allein ist Gott.
Er ist treu und seine Hand ist stark.
Er hält seinen Bund und steht zu seinem Versprechen.
Er ist Barmherzigkeit – und das alles ohne wenn und aber.
Das kleine Gottesvolk hätte wohl nicht überlebt, wenn Gott nicht treu und sich die Menschen seiner Treue und Barmherzigkeit auch inmitten der allerschlimmsten Verfolgungen und verbrechen gewiss gewesen wären. Es hat sich nicht wirklich die Frage gestellt, wie Gott Leid, Verfolgung und Ermordung zulassen kann, es hat Gottes Bundestreue und Verlässlichkeit bekannt und festgehalten durch alle Wechselfälle der Geschichte hindurch: dennoch bleibe ich stets an dir!
Es hat letztlich keine Verbindung hergestellt zwischen Glück und Erfolg auf der einen Seite und Gottes Barmherzigkeit und Liebe auf der anderen, als müsste sich diese in Glück und Erfolg beweisen. Gottes Heiligkeit und Gottes Gegenwart und Aufmerksamkeit waren dem Glauben selbstverständlich wie die Luft zum Atmen und zum Leben.
Was für eine Glaubenszeugnis Israels durch die Geschichte hindurch auch angesichts unserer Schuld als Christen dem Gottesvolk gegenüber!
Ob es uns ebenso gelingt, uns an der Bundestreue, an der Heiligkeit, an der Gegenwart und Liebe Gottes aufzurichten wenn alle äußeren Umstände dagegen sprechen?
Gegen Gott spricht die hartnäckige Ignoranz unsere Zeit: wir leben, als gäbe es keinen Gott, und kommen ganz gut damit zurande…
Gegen Gott scheinen die Ungerechtigkeiten des Lebens zu sprechen. Denn es wird nicht nur geliebt, geboren und alt und zufrieden gestorben, sondern es wird gemordet, es wird gehasst, es wird übervorteilt, Leben endet, ehe es wirklich begonnen hat, unzählige Menschen haben allein schon aufgrund ihrer Herkunft nie eine Chance zur teilhabe an den reichen Gütern dieser Welt, werden diskriminiert aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens, ihrer Lebensführung…
Wir fragen ja gar nicht mehr, wie wir einen gnädigen Gott bekommen, sondern viel grundsätzlicher, ob da überhaupt ein Gott sei, ehe wir von ihm Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Zuverlässigkeit und Treue erwarten und mit unserem Leben dann darauf antworten, in dem wir Treue, Gerechtigkeit gegen jedermann und Barmherzigkeit üben.
Darum ist es an der Zeit Gott sprechen zu lassen und auf seine Erinnerung zu hören.
Die rheinische Landeskirche hat 1980 in einer Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Christen und Juden als erste bekannt, dass Israel Zeichen der Treue Gottes ist und hat festgestellt:
Wir glauben die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes als Gottes Volk und erkennen, daß die Kirche durch Jesus Christus in den Bund Gottes mit seinem Volk hineingenommen ist
Wir glauben mit den Juden, daß die Einheit von Gerechtigkeit und Liebe das geschichtliche Heilshandeln Gottes kennzeichnet. Wir glauben mit den Juden Gerechtigkeit und Liebe als Weisungen Gottes für unser ganzes Leben. Wir sehen als Christen beides im Handeln Gottes in Israel und im Handeln Gottes in Jesus Christus begründet Wir glauben, daß Juden und Christen je in ihrer Berufung Zeugen Gottes vor der Welt und voreinander sind.
Gott spricht zeichenhaft. Die Taufe, an die wir heute erinnert werden, ist wie der Weg des Gottesvolkes durch die Geschichte solch eine Zeichen und ein unauslöschliches Datum im Leben eines jeden einzelnen. Auch sie sagt nichts anderes als: nicht hat euch der Herr angenommen und erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker, sondern weil er euch geliebt hat. Täglich hineinkriechen heißt sich täglich vor Augen halten, was uns Gott in die Hand versprochen hat und was wir ihm auch vorhalten können.
Wir müssen um Gottes Liebe nicht buhlen.
Wir müssen auch im Gelingen oder Misslingen unseres Lebens nicht ständig nach Zeichen der Güte und der Treue Gottes suchen. Wir dürfen ein grundsätzliches Einverständnis wagen: von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir… Das gilt immer und überall: im Leben und im Sterben, im Arbeiten und im Ausruhen, im privaten und im öffentlichen Raum.
Gott ist Gott, heilig, treu, gerecht und barmherzig, heute und alle Tage Amen

 

Predigtlied: EG 290

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