Ich bin getauft

Liebe Gemeinde,

der Predigttext dieses Sonntags nimmt uns mit in eine weit entlegene Zeit und ist zugleich brennend aktuell.

Er steht im 5. Buch Mose dem Deuteronomium. Das Deuteronomium, das zweite Gesetz, schließt die Mosebücher ab. Es ist formuliert wie das Vermächtnis des Mose. Soll also am Ende der Wüstenwanderung spielen. Die Texte und Vorschriften dieses Buches sind aber in einer deutlich späteren Zeit zusammen gestellt worden..Lange hat man geglaubt, sie seien zur Zeit der Staatsgründung also etwa zu Salomos Zeit geschrieben bzw. zusammengestellt worden. In einer Zeit also, als eine neue Ordnung für das Zusammenleben in festen Orten gebraucht wurde. Heute sind die meisten Alttestamentler davon überzeugt, dass das Buch noch jünger ist. Es ist geprägt durch den Bundesgedanken. Gott schließt einen Bund mit seinem Volk. Diese Erkenntnis ist im Exil gewachsen. Also nach der Zerstörung des Staates und des Tempels. In dieser Zeit haben die jüdischen Theologen und Propheten die wahre Größe Gottes erfasst.

Ihre Aussagen richten sich an das Volk, das in der Fremde lebt. Das mit dem Tempel den Zugang zu Gott verloren zu haben meint. Das enttäuscht ist, weil Gott ihre Machtphantasien nicht unterstützt hat. An ein Volk also, das überzeugt ist, von Gott verlassen zu sein.

Ich lese den vorgesehenen Predigttext aus dem 7. Kapitel:

„Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.“

Was für eine steile Aussage: Du bist ein heiliges Volk! Zerstreut, zerschlagen, in die bekannte Welt verteilt, aber Du, Israel bist Gottes heiliges Volk! Eine Aussage, die an keiner Stelle der Bibel zurückgenommen wird. Auch nicht im Neuen Testament. Sie hat bis heute Bestand. Du bist das heilige Volk. Gott hat dich auserwählt!

Der Dämpfer folgt gleich auf dem Fuß: Du bist nicht auserwählt, weil du das größte oder das gehorsamste Volk bist. Eigentlich gibt es keinen Grund für diese Wahl – außer Gottes Willen. Das Volk ist bedeutend, weil Gott es bedeutend machen will.

Ich weiß nicht, ob Sie hier die Parallelen schon hören. Im Neuen Testament wird genau so die Wirkung der Taufe erklärt. In der Taufe – und um die soll es ja in diesem Gottesdienst gehen – wählt Gott sich Menschen aus. Sie und ich sind geheiligt durch Gottes Tun in der Taufe. Paulus nennt uns Gottes Heilige. Nicht weil wir so Besonderes tun, auch wenn wir das vielleicht versuchen und ich als Pastor mich freue, wenn unsere Gemeinde auch an ihrer Außenwirkung wahrnehmbar ist. Aber: Nicht das macht uns heilig, sondern allein die Tatsache, dass Gott uns seit der Taufe heilig nennt. In jedem Glaubensbekenntnis sprechen wir das aus: Wir glauben an die Gemeinschaft der Heiligen, an die Gemeinschaft aller Getauften.

Ich habe eingangs gesagt, dieser Text sei brennend aktuell. Das ist er, weil wir erneut in einer Zeit leben, in der der äußere Zusammenhalt auseinanderfällt. Die technische Vernetzung, die Macht der global operierenden Wirtschaft führt dazu, dass sich Menschen immer mehr in kleine eigene Bereiche zurückziehen. Die EU fängt an zu bröckeln, der gerade gefundene Minimalkonsens beim Klimaschutz fällt schon wieder auseinander. Unsere Gesellschaft zersplittert in immer kleinere Einheiten. Über die sozialen Medien führen wir uns dabei auch noch selber an der Nase herum: Die Auswahl von Nachrichten wird auf immer engere Kreise beschränkt. Viele nehmen gar nicht mehr wahr, was außerhalb ihrer sozialen Milieus passiert. Feindbilder entstehen, weil man sich bei aller Vernetzung gar nicht mehr kennt.

Zugleich ist in dieser hochtechnisierten Welt das Wissen über Gott verloren gegangen. Die alten Geschichten werden kaum noch erzählt, Dank und Fürbitte tauchen wenn überhaupt nur noch im Gottesdienst auf. Dabei ist die Sehnsucht nach Religion und Halt riesig. Viele picken sich Meditationstechniken aus fremden Religionen heraus. Dabei gibt es das alles ja auch im Christentum. Vielleicht mögen Sie ja die letzte Augustwoche mit dem Tagzeitengebet beginnen, wie Frau Wortmann und Frau Pabst das anbieten? Unsere Tradition ist reich an Riten und Übungen.

Es ist gut, dass wir in dieser Zeit neu auf die alten Texte sehen. Israel erinnert sich an Gottes Bund. Lange haben die Israeliten dazu die  Bundeslade mit sich getragen. Eine Kiste, in der die Steintafeln mit den Zehn Geboten untergebracht waren. Schon gebrochen, bevor sie richtig eingeführt waren, aber eben doch Zeichen für Gottes Treue.

Was sind Ihre Zeichen für Gottes Treue?

Ein Kreuz um den Hals, Taufe, Konfirmation, Abendmahl fallen mir da ein. Wobei: An meine Taufe kann ich mich nicht erinnern. Da gibt es ein altes Foto von stolzen Eltern mit einem weiß verpackten Bündel im Arm. Ich habe mir vor Jahren die Taufurkunde herausgesucht und weiß nun neben dem selbstgewählten Konfirmationsspruch auch den von meinen Eltern gefundenen Taufspruch. Für mich ein Vers aus der Abendmahlsliturgie. Seitdem werde ich auch bei jedem Abendmahl an meine Taufe erinnert. Martin Luther hat sich in seinem Arbeitszimmer mit Kreide auf den Boden geschrieben: „Ich bin getauft!“ Immer wenn der Kopf nach unten sinkt, taucht für ihn dieser Satz auf. Ich bin getauft. Gott hat mich auserwählt. Das gibt neue Kraft. Der Kopf kann wieder aufrecht gehalten werden. Bis zum nächsten Mal. Ich bin kein Irgendwer, kein Dahintreibender; ich bin ein Kind Gottes und ihm bekannt, von ihm geliebt als der, der oder die ich bin. Ich bin wer, weil ich getauft bin. Darum kann ich zu dem werden, als der ich gemeint bin:

Andere werden ihre Vergewisserung anders finden. Vielleicht in der Gemeinschaft derer, die hier im Gottesdienst oder einer der Gemeindegruppen zusammenkommt. Vielleicht im abendlichen Gebet vor dem Schlafen. Vielleicht auch bei der Wahrnehmung der Schönheiten der Schöpfung oder in der Begegnung mit Christen in allen Teilen der Welt, gerade jetzt wo viele aus dem Urlaub zurückkehren.

Wichtig ist, dass wir uns an unsere Erwählung immer wieder erinnern. Du bist heilig, weil ich Gott, das so will.

Diese Erwählung muss ich nicht aus eigener Kraft vollbringen. Daran werde ich scheitern.

Das heißt nicht, dass es egal ist, wie ich lebe. Weil ich erwählt bin, weil ich mir regelmäßig Gottes Gnade vor Augen halte, versuche ich auch, seinen Willen in dieser Welt umzusetzen. Nicht um mir seine Liebe zu verdienen, aber als Antwort darauf. Es gibt keine besseren Regeln für das Zusammenleben als die der Bibel. Nächsten- und Feindesliebe sind bis heute ein Konzept, um diese Welt für alle lebenswert zu machen.

Die Taufe nimmt uns mit hinein in Gottes Bund. Wir sind von Gott erwählt. Wir gehören zur Gemeinschaft der Heiligen. Amen.

Thomas Gleitz, Wunstorf

drucken