Gott selbst erwählt: ein Volk und Einzelne

Liebe Gemeinde,
wir haben in der Lesung des Evangeliums, den Taufbefehl Jesu gehört. Der 6. Sonntag nach Trinitatis, also heute, ist traditionell dem Gedächtnis der Taufe gewidmet. Dieser Sonntag ist auch ein klassischer Taufsonntag.

An meine Taufe kann ich mich nicht erinnern, da war ich wohl noch zu klein. Aber ich weiß: Ich bin getauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

An diesem Tag ist mit mir etwas Besonderes geschehen. Ich wurde, im wahrsten Sinne des Wortes, hinein getragen in die Gemeinde Gottes. Ich wurde gezählt zu der Gemeinschaft der Christen.

Oft wurde und wird der Akt der Taufe verbunden mit dem Gedanken der Erwählung durch Gott. Unser heutiger Wochenspruch stellt dies sehr gut dar. Zur Begrüßung hörten wir Jesaja 43,1: So spricht der HERR, der dich geschaffen hat: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Und ziemlich zum Anfang der Bücher der Heiligen Schrift nahm Gott selbst eine Taufe vor. Er rief ein ganzes Volk bei seinem Namen, dies ist bisher einmalig. Das Volk Israel hat eine ganz besondere Geschichte mit Gott erlebt. Darum werden wir als christliche Gemeinde auch immer eine ganz besondere Beziehung zu diesem Volk haben. Von der Erwählung dieses Volkes erzählt der heutige Predigttext im 5. Mose, 7,6-12:

[Textlesung]

In diesem alten Text steht eine unglaubliche Heilszusage: „Du bist ein heiliges Volk dem Herrn!“ Die Israeliten waren kein bedeutendes Volk. Sondern allein aus Liebe und Gnade und trotz allen Fehlverhaltens hielt und hält Gott an ihnen fest.

Dies erinnert mich an verzweifelte Eltern. Die sich das Fehlverhalten ihres Kindes eingestehen müssen, trotzdem stehen sie zu ihm. Es ist viel Herzblut und Engagement zu investieren um Schaden gering zu halten. Zukunftschancen wieder zu öffnen, wo das Kind sie sich selbst verbaut hat.

Gottes Gebote haben auf dieser Basis ihren Hintergrund. Gott will, dass menschliches Leben gelingt. Er will, dass wir Hilfen bekommen zum Leben. Darum ist es für den Schreiber dieses Buches unvorstellbar, dass Menschen sich gegen die Gebote Gottes stellen.

Hören auf die Gebote, Umsetzten des Willens Gottes. Für den Schreiber ist dies eine klare Folge auf Gottes geschenkte Liebe. Darum sind auch seine angedrohten Strafgerichte, für ihn, nur eine Theorie.

Viel wichtiger ist ein anderer Aspekt, Gott liebt sein Volk. Darum wird er es auch nie verlassen, auch wenn es manchmal so scheint. Und da ist Einiges, wenn wir an die Verfolgung der Juden über die Jahrhunderte in Europa und Asien nachdenken.

Eigentlich gab es sie, als selbständiges Volk, nur ein Jahrhundert lang. Seitdem waren sie immer wieder in irgendwelcher Drangsal. Aber vielleicht ist das ein Symbol für Gottes Zuwendung? Die immer so ganz anders aussieht als wir sie uns vorstellen.

Bei der Zuwendung und Erwählung Gottes geht es nicht um politische Ziele. Nicht um god’s own country, (Gottes eigenes Land) wie sich die USA gerne nennen. Und das nur, weil sie so groß, reich und mächtig sind. Es geht um Gottes Zuwendung zum Kleinen.

Gott erwählt, wen er will. Dabei geht es weder um Macht, noch um Ansehen, noch um Zukunftsperspektiven. Im Mittelpunkt steht die Liebe Gottes, mit der er sich den Menschen zuwendet. Und auch immer wieder aufs Neue, seinem Volk zuwendet.

All diese Liebe beginnt damit, dass er einem unfreien, hoffnungslos verlorenen Volk in Ägypten treu bleibt. Kein Gewinnervolk, keine Großmacht, klein und unscheinbar waren sie. In Gefangenschaft waren sie. Die Geschichte beschreibt, 11 Brüder hatten den 12. verkauft und ausgerechnet DER sicherte der ganzen Sippe das Überleben in Ägypten.

Als Fronvolk mussten sie des Pharao pompöse Pläne ausführen. Dabei gerieten sie immer mehr unter Druck. Sie sollten sogar ausgerottet werden. Durch Gottes Führung wurden sie befreit. Seltsamerweise waren sie damit unglücklich. Sie bemerkten schnell, dass Freiheit auch Belastung bedeutet.

Die spätere Geschichte ist von Bewährungen geprägt und zugleich von Untreue gegenüber Gott. Im Grunde ist die Geschichte Israels ein Spiegelbild der menschlichen Seele. Der Mensch will, dass alles immer noch viel besser wird. Dabei ist es ihm egal wie er sich Gott gegenüber benimmt.

Die Bibel hingegen erzählt die Geschichte des Volkes Gottes. Sie zeigt, wie schlecht man angesehen sein kann und trotzdem als Gottes auserwähltes Volk gilt. Gott ist nicht der Garant für wirtschaftliche oder militärische Erfolge.

Erwählung ist ein Privileg, das wir unverdient erhalten. Die Befreiung der Juden aus den vielen Gefangenschaften hat nur einen Grund. Gott nennt dieses Volk, „sein Volk“. Verdient ist das alles nicht. Gott hat ein Volk erwählt, damit Heil und Heilung in die Schöpfung kommen.

Er hat sich aber kein Volk erwählt, das in allem seinem Willen folgt. Das hat etwas mit freien Willen zu tun. Gott schenkt uns diesen, er hilft zu tun was wir tun wollen. Und manchmal auch in die Irre zu gehen.

Ganz klar, als christliche Kirche sind wir keineswegs Gottes Volk Israel. Einige Lieder wollen das allerdings glauben machen. Aber, wir gehören zu Gott. Manches was für die Beziehung Gott – Israel gilt, gilt ebenso für unsere Beziehung zu Gott.

Auch die christlichen Kirchen haben oft genug den Weg Gottes verlassen. Menschen wurden durch sie gequält. Sie haben sich auf eigene Stärke und geistige Überlegenheit verlassen. Auch sie sind dabei jämmerlich gescheitert. Opfer blieben am Wegesrand, wurden verbrannt, ermordet, ausgebeutet, weggeworfen.

Auch wir missbrauchen noch heute unsere Freiheit, z.B. mit der Zerstörung der Umwelt. Unseren Nachkommen hinterlassen wir einen Planeten, der wohl kaum noch bewohnbar sein wird.

Trotz allem, wir sind getauft. Wir sind hineingenommen in einen Bund, den Jesus Christus mit uns geschlossen hat. Er hat uns gesegnet und seine Liebe zugewandt.

In diesem Sinne trifft der Text dann doch auf christliches Gedankengut. Allerdings nicht so, dass an unserem Wesen die ganze Welt genesen soll. Minderheit und Ohnmacht gehören zu den Kennzeichen Israels unter den Völkern. Diese Kennzeichen gehört wohl auch zu der Kirche unter den Religionen.

Erwählung ist das Entscheidende hinter dem alles zurückstehen muss. Den Grund für eine Erwählung finden wir allein in der Liebe Gottes. Mit dieser Liebe dürfen wir auch lieben.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, lassen uns unsere Erwählung ernstlich erkennen. Er lasse unsere Liebe zu den Menschen und der Umwelt an Kraft gewinnen. Und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen!

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Michael Schäfer.)

drucken