Leben aus Dankbarkeit

Der 6. Sonntag nach Trinitatis will uns an die Taufe erinnern. Wir sind getauft und erinnern uns. Manchmal meinen wir ja eine Taufe sei Menschenwerk. Eltern legen einen Termin fest, rufen Pfarrerin oder Pfarrer an, sprechen alles ab und lassen ihr Kind taufen.

So sieht es aus – äußerlich.

Aber da passiert noch ganz was anderes. Etwas, dass sich unserem Zugriff entzieht. Wir sind gewohnt, dass wir alles im Griff haben, doch da sagt jemand mitten in der Taufe zu jedem von uns: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

In der Taufe bekennt sich Gott zu den Menschen, die zu ihm gehören und darum ist es auch wichtige, sich immer neu zu erinnern: Ich bin getauft auf deinen Namen.

Von dieser Erwählung erzählt die Bibel auch schon lange bevor es eine Taufe gab:

6 Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7 Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, 8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9 So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. 12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Es Kennzeichen des Volkes Gottes, dass es weder groß noch bedeutend ist. Das gilt für Gottes Volk, Israel, genauso wie für die Kirche, die er sich erwählt hat. Und die Grundlage war eigentlich eine theologische Revolution: In alten Zeiten waren Götter Siegertypen. Ein Volk, das verloren hatte, dessen Gott hatte verloren. Der Gott Israels war anders. Er blieb bei seinem Volk, auch da, wo es ihn verließ und auch dort, wo es ohne ihn in die Katastrophe rannte. Gott blieb seinem Volk treu und erlaubte es seinem Volk immer wieder zurückzukehren zu diesem Gott, der sich und den Seinen treu blieb. Hintergrund ist die Liebe und Treue Gottes.

Es ist schon erstaunlich, wie Gott um die Menschen kämpft, sie sucht und findet und auch dann nicht verloren gibt, wenn sie sagen ‚Gott ist für mich gestorben‘. In Jesus Christus hat er ein starkes Zeichen gesetzt: Gott selber wird Mensch um Menschen zu suchen und zu finden, er will sie nicht verlorengeben. In Jesus Christus begegnen wir der Liebe Gottes, der wie ein Vater oder eine Mutter ist. Und das gehört ja zu unserem Erfahrungsschatz dazu, dass Eltern gerade die Kinder lieben, die nicht wie aus dem Bilderbuch sind, die manchmal über die Stränge schlagen oder ganz anders sind. Gerade sie wecken Vater- und Mutterinstinkte.

So will Gott auch uns suchen. Weil er treu ist, auch dort, wo Menschen untreu sind.

Wenn sich zwei gesucht und gefunden haben, dann ist das schön. Wenn Gott uns gesucht und gefunden hat, dürfen wir feiern. Dann dürfen wir stolz sein und uns freuen und dann können wir in seinem Namen losgehen, Gemeinde leben und selber Menschen such, die mit uns losgehen – für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Dankbarkeit für die Treue Gottes. Dankbarkeit für diese wunderbare Tradition, in der wir stehen. Und dankbar bleiben, dass Gott uns seine Kinder nennt und wir Schwestern und Brüder sein dürfen.

Wir sind getauft. Damit gehören wir zum Leib Christi zu seiner Kirche, zu der Gemeinde von Schwestern und Brüdern. Diese Botschaft kann uns mit Dankbarkeit erfüllen und Dankbarkeit ist eine Gabe, die dem Leben neue Perspektiven verleiht.

Das war für Luther übrigens eine wesentliche Triebfeder der Reformation. Vor ihm haben Menschen gemeint, sie könnten sich die Liebe Gottes verdienen und deswegen spendeten sie, taten gute Werke, wendeten sich Menschen zu, die Hilfe brauchen. Und dann kam Luthers Botschaft vom liebenden, vom gnädigen Gott und viele Menschen bekamen Angst: Was würde aus dem ganzen sozialen Leben der Gemeinde, wenn man sich die Gnade Gottes nicht mehr verdienen kann? Warum sollten Menschen dann sozial leben? Und Martin Luther verwies auf die Dankbarkeit. Wenn Menschen spüren, wie sehr sie beschenkt sind mit der Liebe Gottes, werden sie sich weiterhin  engagieren für Menschen, die unter die Räder gekommen sind, für Menschen, die am Rande stehen, oder denen es schlecht geht. Sie werden sich weiter einsetzen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, auch wenn Gott ihnen dafür keinen Extraplatz im Himmel anbietet.

Dass Menschen sich an Gebote halten, hat genau damit etwas zu tun, dass sie spüren, wie dankbar sie Gott sein dürfen, der sie immer wieder aufs Neue sucht und wie dankbar sie Gott sein dürfen, der mit seinen Geboten, eine Grundlage geschaffen hat auf der Menschen leben können und eine soziale Grundordnung bauen können.

Übrigens gilt das eigentlich immer: Liebe kann man nicht verdienen. Liebe kann man schenken und sich schenken lassen. Liebe kann man genießen. Das gilt für Kinder und Eltern. Das gilt für Eheleute, das gilt für Schwestern und Brüder in der Gemeinde.

Nicht immer sind die, die mit mir das Abendmahl feiern diejenigen, die mir sympathisch sind. Das ist in Familien ja auch nicht immer so. Aber wir gehören zusammen, weil wir Geliebte Kinder Gottes sind, weil er uns erwählt und getauft hat, weil er uns befreit hat zu einem Leben aus Dankbarkeit.

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