„Wo hat dich der Ruf erreicht?“ (Johannes 1, 35-42)

„Wie hat dich denn der Ruf erreicht?“ fragte voller Neugierde und mit ernsthaftem Interesse die junge Ordensschwester am Abendbrotstisch nach dem etwas sonderbaren Tischgebet die eine Neue in ihrer Runde, die irgendwie anders war als alle anderen…. Es war auch ein sonderbarer Ruf, der Schwester Mary Clarence in der wunderbaren Komödie Sister Act, dargestellt von Whoppy Goldberg, und mittlerweile auch erfolgreich als Musical unterwegs, ins Kloster geführt hat. Er kam in Person eines ermittelnden Polizeibeamten, der das Showgirl aus Las Vegas in die Rolle einer Nonne schlüpfen ließ, damit sie vor ihren Auftragskillern abtauchen konnte. Sie war nämlich Zeugin eines brutalen Mordes und drohte selbst Opfer eines solchen zu werden. Sie war eigentlich schon alles in ihrem Leben, aber bestimmt keine Nonne. Sie war talentiert – vielleicht ein wenig- aber sicher nicht fromm. Aber sie mischte das Kloster ordentlich auf, rettete es vor der Abwicklung und war ein Segen für alle, für die Schwestern und für die Gemeinde, in der das Kloster lag. Denn alle riss sie mit ihrer unkonventionellen Art aus tiefer Lethargie. Gott kennt eben auch merkwürdige Wege ,Menschen zu rufen…und manchmal können sich Menschen zwar mit Händen und Füßen wehren, entkommen aber nicht ihrem Ruf oder ihrer Bestimmung, nicht nur in einer Komödie, sondern auch im Leben…
„Wo hat dich denn der Ruf erreicht?“ In manchen Kreisen gehört diese Frage zum guten Ton. Manche können auch wirklich Auskunft geben, wie es zu einer Wende in ihrem Leben kam, wie sie Tiefpunkte überwanden, Krisen bewältigten, mit dem neu geschenkten Leben nach schwerer Krankheit oder nach bitteren Enttäuschungen etwas anzufangen vermochten – und der Glaube, der Ruf oder die Aufmerksamkeit Gottes ihnen dabei eine große Hilfe wurden. Mich berühren solche Geschichten immer dann, wenn sie nicht aufdringlich und als Selbstinszenierung erzählt werden, sondern den Ton des überraschten Staunens behalten, was einem/einer im Leben passieren kann. Manchmal rettet Gott nicht vor Abgründen, lässt uns Täler des Todes, der Tränen und der Verzweiflung durchwandern, und am Ende staunen wir, dass und wie wir hindurch gerettet wurden. Wie stark doch das trotzige „dennoch bleibe ich an dir“ in solchen Augenblicken sein kann, und wie wahr es ist, dass Gott Kraft auch zum Widerstand nicht im Voraus gibt, damit wir uns nichts auf unsere Stärke einbilden, sondern in genau dem Augenblick, in dem wir Widerstandskraft und Glaubensmut, Zuversicht und Gewissheit gegen Dunkelheit und Tod zum Überleben oder um gelassenen, also getrosten Sterben so dringend nötig haben. „Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst, und er antwortete mir. Ich schrei aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme.“ (Jona 2,2). Die Geschichte von der Not und Angst des Propheten Jona, gefangen im Leib des großen Fisches, eingesperrt ins Dunkel, ist ein Sinnbild für genau diese Erfahrungen, die wir alle irgendwann und irgendwo schon einmal gemacht haben. Und manche erfuhren dann wie Jona: Gott antwortet, Gott hört meine Stimme…
Und wieder andere könnten diese Frage „Wo hat dich denn der Ruf erreicht?“ gar nicht beantworten. Sie haben keinen Ruf gehört, wissen von keiner Bekehrung, von keinem Ruf in die Nachfolge. Sie sind wie selbstverständlich in den gelebten Glauben so vieler Generationen mit hineingenommen worden. Gott wurde nie problematisiert, er war nie und niemandem fraglich. Am Bett der wurde abends gebetet, ohne Tischgebet gab es keine Mahlzeit, mit dem Kreuzeszeichen auf der Stirn gingen die Kinder aus dem Haus und der Sonntag wurde durch den Kirchgang ein besonderer und festlicher Tag. Der Glaube wurde nicht gelernt, sondern war wie das Ein- und Ausatmen selbstverständliche Lebensäußerung.
Und dann können manche auch nur lächeln. Es sind so viele, die rufen, einladen, umwerben, schmeicheln oder drohen, verführen oder missionieren. Wem soll dich denn da glauben? Wer ohne Gott aufgewachsen ist, wem der Glaube eine unbekannte und nur schwer zu erlernende Fremdsprache bleibt, der muss deshalb ja nicht unglücklich sein. Es gibt ein Leben ohne Gott und den meisten Zeitgenossen geht es damit nicht schlechter als den Frommen und den Gläubigen. Mancher hat sich auch bemüht und versucht zu verstehen, was es mit dem Glauben der Christen oder anderer religiöser Menschen auf sich hat. Aber ein Ruf, eine einladende und zum Glauben verführende Stimme ist trotz allem nicht in ihr Ohr oder Herz gedrungen und so bleibt alles wie es ist, nicht wirklich besser oder schlechter als bei den meisten anderen: es wird gelebt, geliebt, geboren, gestorben, gelacht und geweint – ob mit Gott oder ohne.
Keinem geht es ohne Gott besser oder schlechter und ob man glaubend besser dran ist, wird von manchen bezweifelt oder als einfacher , ja billiger Trost belächelt: wenn sie es denn brauchen..
„Wie oder wo hat dich der Ruf erreicht?“ fragen viele auf der Suche nach geeigneten Konzepten, missionarisch wirken zu können, weil sie Angst um die Zukunft der kleiner werden Gemeinden und Kirchen ins unseren Breitengraden haben. Wir wollen gegen den Trend wachen, missionarische Kirche sein. Als ob sich das planen oder organisieren lässt, als ob Werbestrategen dem Ruf auf die Sprünge helfen könnten.
Tagsüber noch einmal zum Fischen auf den See hinauszufahren, wie im Evangelium, ist keine verheißungsvolle Strategie, wenn es nach Berufserfahrung und Vernunft geht, und ob der Hinweis auf Jesus als das Lamm Gottes Menschen überzeugt, nun lammfromm zu werden oder sich in die Herde der gläubigen Schafe einzureihen, sei dahingestellt.Und dennoch ist aufschlussreich, was er Evangelist zu berichten weiß: Wichtig ist das Hörensagen…
Der Täufer redet mit seinen Jüngern von Jesus. Andere hören ihn und gehen buchstäblich dem Gehörten nach.
Hören wir also auf den Glauben zu einer Privatangelegenheit zu machen, über die man lieber nicht spricht. Das Gegenteil ist notwendig. Nicht nur im Kreis von Vertrauten, sonntags hinter dicken verschlossenen Kirchenmauern, sondern alltags auf den Marktplätzen des Lebens lohnt es sich aus dem eigenen Glauben keinen Hehl zu machen, sondern in seinem Tun und Lassen, in seinem Beruf und in seiner Familie, im gesellschaftlichen und politischen Engagement als Christ erkennbar zu sein: „Tue Gutes und rede darüber“ – könnte eine gute evangelische Tugend werden. Andere könnten es hören und neugierig werden. Das habe ich letztlich nicht in der Hand und ich muss mich auch nicht vor anderen produzieren und inszenieren, aber ich muss mich auch nicht zum Verstummen bringen und selbstauferlegt schweigen von dem, was mir so kostbar und wichtig ist! Ein altes Lesebuch für die Christenlehre trug den Titel: das Wort läuft… Überlassen wir doch genau dies dem Wort und dem, von dem es spricht.
Neugierde kann Menschen dazu bringen sich mit einer Sache zu beschäftigen, sich mit Jesus auseinanderzusetzen, mit seinem Leben, seinen Worten , seinem Schicksal, seiner Wirkung auf andere und auf die Geschichte. Neugierde können die Bilder wecken, mit denen Christen zu deuten versuchen, was dies mit ihnen gemacht hat: das Lamm Gottes, der Bruder, der Heiland, der Prophet, der Weltenherrscher, der Sohn Gottes…
Es braucht keine ausgestreckten Zeigefinger, wohl aber beredte Herzen. Dann wird es geschehen, dass Menschen angesprochen werden, aufhorchen, aufstehen und aufbrechen.
Ich muss den Ruf nicht datieren können, ich muss keine Bekehrungsgeschichte erzählen können, es dürfen mehr Fragen als Antworten sein.
Aber Antworten und Perspektiven werde ich nur gewinnen, wenn ich mich aufmache und nachschaue, hinsehe, das Wagnis des Fragens und des Glaubens eingehe. Und dazu brauche ich Menschen, die sich und ihren Glauben öffentlich machen, es nicht in ihrem Herzen einsperren, was sie trägt und begleitet, begeistert und bewegt.
Wir sind gewissermaßen miteinander der Ruf an unsere Umgebung, an unsere Stadt und die Menschen in ihr, an unsere Kindern : Kommt und seht.
Oder: Kommt und hört
Und: Kommt und singt.
Vielleicht: Kommt und schmeckt.
Gar: Kommt und fühlt!
Wie wir reden, miteinander leben, einander stützen, gemeinsam singen und feiern, segnen und trösten – das ist Botschaft, Fingerzeig, Einladung, Zeugnis, wunderbarer Dienst, Ausweis unserer Gemeinschaft, Glaubwürdigkeitstest und vornehmste Herausforderung und es ist nicht schwer. Dann wird vielleicht häufiger hier und da gefragt: „Und wo hat dich der Ruf getroffen?“ Amen

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