Keiner geht verloren

Predigt Lukas 15,1-10, 3. Sonntag nach Trinitatis, Predigtreihe III, von Pfarrer Johannes Taig

1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.
2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.
3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:
4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?
5 Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude.
6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.
7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.
8 Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet?
9 Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte.
10 So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.


Liebe Gemeinde.

„Ich kann nur vor Gott treten, nur vor die allergrößte mir versagte Gegenliebe (…) Ich kann nur zu Dir sprechen. Haltlos, hemmungslos, abfließend wie ein Strom. Denn jeder, der mit Antwort gäbe, hätte meine Frage nicht verstanden. Du aber bist das unerweichliche Schweigen, dem der Begriff meiner Verworfenheit entsprang. Du hörst auch, dass ich Einschluss bin im Stein; ohnmenschlich schon und doch noch Stimme. Du hörst, dass ich nicht heute schreie. Denn hier bin ich, aber nicht jetzt (…)
Ich will Deine Wunder nicht kennen, ich will Dir nicht dienen. Ich rede zu Dir, weil ich so bloß bin, wie nur einer vor Dir bloß sein kann (…) Ich bin ein Fetzen zerplatzter Ballon in der Hochspannungsleitung. Ich bin ein vom Silvesterböller im Kahlbaum hängengebliebenenes Silberpapier (…) Aber mein Herz, von dem kein Stein mehr fallen will, saß wie ein Kind auf der hohen Mauer, von der es allein nicht wieder herunterkam, die Kehle voll ungefälliger Töne.“ (Botho Strauß, Fragmente der Undeutlichkeit, Hanser Akzente, 1989, S.53 ff.)

Wer redet so mit den Worten des Schriftstellers? Zweifellos einer, den ein Verhängnis getroffen hat. Einer, der seine Verlorenheit als Dilemma empfindet und begreift. Ein Dilemma, das keinen Ausweg zu Gott und den Menschen mehr offen lässt. Und so dunkel und schmerzvoll solche Erfahrungen sind, so tröstlich ist es, dass Jesus in seinen beiden Gleichnissen uns gerade auch in solcher verhängnisvollen Verlorenheit in den Blick, ja in den liebevollen Blick nimmt.

Ein Ballon, der in der Hochspannungsleitung zerplatzt und hängen bleibt, ein Stück Silberpapier, das sich im kahlen Baum fängt, eine Münze, die fällt, in eine dunkle Ecke kullert und dort liegen bleibt; ein Schaf, das sich von einem Augenblick zum andern ohne Hirte und Herde wiederfindet, ohne Chance zu beiden zurückzufinden. Es sei denn, dass es gefunden wird.

Nein, lieber Evangelist Lukas, das mit dem Sünder, der Buße tut, also aus eigenem Entschluss umkehrt wie der verlorene Sohn – das hat Jesus wohl an anderer Stelle gesagt. Gott sei Dank kommt für Jesus der Sünder, der Verlorene, nicht nur als einer in Betracht, der notorisch und absichtlich am Willen Gottes vorbeilebt, im Elend zur Vernunft kommt und durch Gottes Güte nach Hause findet.

Auch ein großes Evangelium, aber nicht das ganze. Da muss die Frage erlaubt sein, ob es nicht eine theologische Engführung ist, wenn in der Verkündigung der Mensch nur auf seine Verantwortung, seine Fähigkeit zur Einsicht und Bekehrung angesprochen wird. Für die einen ist das eine notwendige, für viele andere eine lieblose und unbarmherzige Wahrheit! Wir müssen die Eigenverantwortung der Bürger in unserem Land stärken, heißt es zur Rechtfertigung einer niedrigen Grundsicherung und höherer Zuzahlungen im Gesundheitswesen. Für die einen eine berechtigte, für andere oft eine lieblose und unbarmherzige Forderung!

Ein junger Unternehmer, der nach der Wende in den Osten ging und sich dort ein kleines Geschäft aufgebaute hatte, erzählte mir, wie er in Konkurs geriet, weil ein Auftraggeber die Rechnung nicht bezahlen konnte. Er schloss seine Schilderung mit den Worten: Ich sah das Verhängnis auf mich zukommen und konnte nichts machen. Da habe ich erfahren wie das ist, wenn man nicht weiß, ob man sich morgen was zu essen kaufen kann. Mein eigener Vater hat mir jede Hilfe verweigert. Du bist ein Versager, sagte er, sieh zu, wie du da alleine wieder herauskommst.

Wie schauen wir, wenn wir zu den oberen zwei Dritteln unserer Gesellschaft gehören, auf die da unten, vielleicht gescheiterten, gestrandeten, im Abseits gelandeten? Und wie schaut man auf uns, wenn wir unten sind? Versager, selbst schuld, wertlos, ersetzbar?

Nobody knows the troubles I’ve seen. Nobody knows, but Jesus. So sangen die Negersklaven auf den Baumwollfeldern der Südstaaten Amerikas. Keiner kennt die Nöte, die ich erlebt habe, keiner, außer Jesus. Und so schaut Jesus in die Runde der Zöllner und Sünder, die um ihn versammelt sind und sieht die in ihrer Verlorenheit gelandeten und gestrandeten, die keine Strafpredigt und keine Bekehrungsappelle brauchen, sondern die beiden Gleichnisse von der zu Boden gefallenen Münze und dem Schaf, das in verhängnisvolle Verlassenheit geraten ist.

Es gibt einen, der nach euch sucht, sagt Jesus zu ihnen und uns, bis er euch findet. Es gibt einen, der euere Hilflosigkeit, euere Ausweglosigkeit, euer Dilemma kennt und euch von dort herausbringt und nach Hause trägt. Auch wenn ihr schon Einschluss seid im Stein, ohnmenschlich schon und vielleicht nur noch Stimme. Denn der nach euch sucht, dem ist kein Weg zu weit und keine Ecke zu finster.

Das ist euer Gott. Der gibt sich in seinem Reich nicht mit einer Zwei-Drittel-Gesellschaft, nicht mit einer 90%- und auch nicht mit einer 99%-Gesellschaft zufrieden. Denn aus Gott sind alle Dinge und in ihm gehören sie zusammen als ein heiliges Ganzes, aus dem nichts herausgebrochen und vermisst werden soll. Das ist das unergründliche Geheimnis seiner Liebe. Sie will und kann nichts verloren geben. Auch dich nicht. Auf das seine himmlische Freude vollkommen sei, wie er vollkommen ist.

Das ist keine letzte Wahrheit für ausweglose Situationen. Es ist die erste Wahrheit unseres Lebens und Glaubens. Ob wir noch etwas davon verstehen? Wir, die wir uns so selbstverständlich für die Schmiede unseres Glücks und die anderen für die Schmiede ihres Unglücks halten. Wir, die so oft vergessen, dass das Leben und das Glück und die Fähigkeit, etwas zu schaffen, ein Geschenk ist und so manches eigene und fremde Unglück ein Verhängnis? Verstehen wir, was Jesus uns sagen will?

Es darf bezweifelt werden. Alle Jahre zur Urlaubszeit sehen wir die Bilder von Hunden, die auf Autobahnrastplätzen ausgesetzt und nach dem Urlaub durch einen anderen ersetzt werden. Ihre fassungslose Hilflosigkeit und die Erbarmungslosigkeit ihrer Besitzer ist zum Heulen. Noch mehr zum Heulen ist es, wenn Menschen ohne wirtschaftlichen Nutzwert in die Armut geschickt werden und vom Sparen bei den Schwachen, Armen und Kranken die Genesung von Wirtschaft und Konjunktur erwartet wird. Völlig widersinnig ist es, dass das Aussetzen von Haustieren mit 25.000 € Geldstrafe bedroht wird und mit dem anderen eine ganze Kaste von Beratern gutes Geld verdient.

Aber vielleicht ist auch das ein Dilemma. Eine Gesellschaft von Menschen, eingemauert in ihre Probleme, scheinbar ohne Ausweg, denen die Angst langsam die Seele auffrisst.

Und genau dahinein sprechen die tröstlichen Gleichnisse Jesu. Die in die finstere Ecke gefallene Münze, das verlorene hilflose Schaf bleiben nicht ungesucht und ungefunden. Es gibt kein Verhängnis, das ohne Hoffnung auf Gott bleiben muss. Der gibt keinen verloren. Und so steht hinter all unseren Problemen, Tiefen und Abgründen Gott selbst auf als hoffnungsvolles und erfreuliches Geheimnis unseres Lebens. Und wenn er uns gefunden hat, trägt er uns voller Freude nach Hause. Das steht fest.

Und vielleicht fällt dann auch bei uns der Groschen, dass sich der Wert einer Gesellschaft daran bemisst, wie sie mit ihren schwächsten Glieder umgeht. Vielleicht bekommen auch wir den Blick des Hirten und der suchenden Frau für das Verlorene um uns herum, das gesucht und gefunden werden will. Nicht weil das alles zum Heulen ist, sondern aus Freude an Gott.

Die Predigt zum Hören

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