Nutze die Gelegenheit!

Im Zentrum der biblischen Texte dieses 2. Sonntags nach Trinitatis
steht die große Einladung, die Gott ausspricht und die sich an alle richtet.
An Juden wie Heiden, vor allem an Arme, Mühselige und Beladene.

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid.“
So der Wochenspruch aus Matthäus 11,28.

Das Evangelium des Tages ist die Einladung zum großen Abendmahl,
zu dem ein Privatmann eingeladen hatte,
aber die Eingeladenen entschuldigten sich einer nach dem andern.
Sodass der Mann Menschen von der Straße holen ließ:
Arme und Verkrüppelte, Blinde und Lahme.

Und dann noch einmal, denn es war noch mehr Platz:
Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune
und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.

Gott möchte, dass sein Haus voll werde.
Wer nicht kommen will, ist selbst schuld.
Aber Gott will, dass alle Menschen gerettet werden
und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.
(1. Tim 2,4)

Kommt her zu mir, alle!
Das ist die Einladung. Die Realität freilich schaut anders aus.
Die Mehrheit seiner jüdischen Volksgenossen ist der Einladung Jesu nicht gefolgt.

Und dann noch die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70.
Die hat Matthäus, dem gebildeten Juden, der dann Christ geworden war, viel zu denken gegeben.
Zehn Jahre nach der Zerstörung Jerusalems
und der Abwanderung der jerusalemer Gemeinde nach Syrien,
macht er sich daran, sein Evangelium zu schreiben.
Eine Gesamtschau all dessen, was er gesammelt hatte.
Aktualisiert und interpretiert für seine Zeit und seine Gemeinde.

Bei ihm hat das ursprüngliche Gleichnis Jesu vom großen Festmahl,
das von Matthäus gründlich überarbeitet und erweitert wurde,
eine neue Akzentuierung bekommen.

In seiner Version mag uns das Gleichnis zunächst befremdlich vorkommen.
Das ist Absicht, denn es soll uns zum Nachdenken anregen.

Ich lese aus Matthäus 22, die Verse 1 bis 14:
Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach:
Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete.

Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen;
doch sie wollten nicht kommen.

Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach:
Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet,
meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit;
kommt zur Hochzeit!

Aber sie verachteten das und gingen weg,
einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft.

Die Übrigen aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie.

Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus
und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.

Dann sprach er zu seinen Knechten:
Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren’s nicht wert.
Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet.
Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen,
alle, die sie fanden, Böse und Gute; und der Hochzeitssaal war voll mit Gästen.

Da ging der König hinein zum Mahl, sich die Gäste anzusehen,
und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm:
Freund, wie bist du hier hereingekommen
und hast doch kein hochzeitliches Gewand an?

Er aber verstummte.
Da sprach der König zu seinen Dienern:
Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis!
Da wird sein Heulen und Zähneklappern.
Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

Liebe Gemeinde,
nicht nur der Hinausgeworfene – auch wir verstummen,
wenn wir solche Worte hören.

Was ist das für ein Gastgeber, der grausam und gewalttätig wird,
nur weil die Gäste nicht zur Hochzeit des Sohnes kommen?
Und der dann, im zweiten Teil des Gleichnisses,
einen der Höllenfinsternis überantwortete, nur weil er nicht richtig gekleidet war?

Martin Luther hat diesen Text ein „schrecklich Evangelium“ genannt,
über das er nicht gerne predige.

Ich habe bis jetzt überhaupt noch nicht über diesen Text gepredigt.
Jetzt habe ich mich darauf eingelassen und dabei viel gelernt.

Erstens: So, wie es hier steht, hat Jesus das Gleichnis nicht erzählt.
Lässt man die Zusätze des Matthäus weg,
erzählt das Gleichnis vom Reich Gottes.
Das Gewicht der Erzählung liegt auf der Absage der zuerst Eingeladenen.

Für sie ist der Zug abgefahren.
Sie haben ihre Gelegenheit nicht wahrgenommen.
Sie gingen lieber ihren Geschäften nach.

So geht die Einladung über auf die Menschen von der Straße. Einfache, arme Leute.

In dieser ursprünglichen Form besagt das Gleichnis:
Gib acht, dass du die Gelegenheit, die sich dir bietet, nicht versäumst!
Gott lädt dich ein in sein Reich. Du bist willkommen! Nimm die Einladung an!
Es gibt so viel, was sich dir in den Weg stellen könnte: Reichtum, Sorgen, Geschäfte.
Lass Gott nicht links liegen!
Wer weiß, ob du noch eine Chance bekommst?

Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern.
Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast?
(Lk 12,20)

Es gibt in der Verkündigung Jesu ein Zu-Spät.
Darum, halte dich bereit! Gott lädt dich ein!

In der Bearbeitung des Matthäus kommen dann einige Züge dazu,
die uns unwirklich vorkommen und Gott grausam erscheinen lassen.
Es geht dem Evangelisten nicht um die Schlüssigkeit der Bildhälfte,
sondern um die allegorischen Anspielungen, um die Sachhälfte.

Die Leser seines Evangeliums kennen das alttestamentliche Motiv
des Prophetenmordes, das auch schon im vorangehenden Gleichnis
von den bösen Weingärtnern aufgegriffen wird.

Die eingeladenen Gäste sind die Juden,
die in ihrer Mehrheit Jesus als Messias nicht anerkannt haben.
Gottes erwähltes Volk – so lange hat es auf den Messias gewartet –
und jetzt da er gekommen ist, verpassen sie die Gelegenheit!
Auch die Sendung der Apostel hat nicht bewirkt,
dass Israel das Evangelium annimmt.

Bei Matthäus wird die Absurdität dieser Absage noch dadurch gesteigert,
dass es sich um eine Einladung des Königs
zum Hochzeitsmahl des Sohnes handelt.
Wer bitte, hat so Wichtiges zu tun, dass er die Einladung des Königs ausschlägt?
Eine königliche Hochzeit gibt’s nicht alle Tage!

Aber so ist es gewesen. Und Matthäus leidet darunter.
Und wenn er daran denkt, dass Jerusalem und der Tempelt zerstört sind,
hat er darin offensichtlich Gottes gesehen.

Nur so sind diese Worte verständlich,
dass der König über die zuerst Eingeladenen so zornig wird,
dass er die Mörder umbringen und die Stadt niederbrennen lässt.
So stellen wir uns Gott, vom Gesamtzeugnis der Bibel gesehen, nicht vor!

Aber Matthäus will noch mehr.
Es spricht ja zu seiner christlichen Gemeinde.
Und auch ihr gilt eine Warnung.

Die Geschichte nimmt eine überraschende Wendung.
Nachdem nun das Haus voll ist, gesellt sich der König zu seinen Gästen.
Allerdings nicht zum fröhlichen Mahl, sondern „um sie sich anzusehen“.

Und prompt entdeckt er einen, der nicht hochzeitlich gekleidet war.
„Wie auch?“, möchte man einwenden.
Schließlich sind sie ja von der Straße hereingeholt worden.

Wir sind wieder in der Allegorie.
Es gibt offenbar Eintrittsbedingungen, die dieser Gast nicht erfüllt.

Matthäus will uns sagen:
Auch die christliche Gemeinde darf sich nicht zu sicher sein.
Auch in ihr gibt es „Böse und Gute“.

Wofür steht nun das Hochzeitsgewand?
Es symbolisiert den Glauben, so wie wir ihn leben.
Ein Glaube, der nicht in Taten der Liebe und Barmherzigkeit spürbar wird, ist nichts wert.
Im Gleichnis vom Weltgericht
wird Matthäus diese guten Werke noch ausführlich ansprechen:

Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir (nicht) zu essen gegeben.
Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich (nicht) aufgenommen usw
.

Ja, Gott will, dass alle Menschen gerettet werden!
Aber Matthäus,
aus seiner Sicht ein halbes Jahrhundert nach der Geburtsstunde der Kirche,
gibt uns heute eine Warnung mit:
Ruh dich nicht aus und sei dir nicht zu sicher!
Der Taufschein allein ist noch keine Garantie, dass du in den Himmel kommst!

Gott hat schon auch ein Auge darauf, ob wir unseren Glauben ernst meinen.
Ob er sich gewissermaßen auch als würdig erweist, am Festmahl teilzunehmen.

Oder, um ein Wort von Papst Franziskus aufzugreifen:
„Es gibt im Glauben nichts Schlimmeres als die Scheinheiligkeit.“

Die Zusage der Gnade Gottes darf weder dazu führen,
dass ich die Hände in den Schoß lege,
noch dazu, dass mein Glaube aus leeren Worthülsen besteht.
Der Glaube hat sich im Leben zu bewähren.
Für bloße Worte ist Jesus nicht gestorben!

Darum gebt acht! Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.
Die Einladung ergeht an alle. Aber es sind wenige, die sich rufen lassen.

Um dem Ganzen vielleicht die Schärfe zu nehmen,
noch ein anderes Jesus-Wort aus dem Johannesevangelium:
Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.

drucken