Harte Arbeit

Wissen Sie, wie das ist, um Entschuldigung zu bitten? Wenn ich mich falsch verhalten habe und hingehen muss und sagen, dass es mir leid tut. Um Entschuldigung bitten. Nicht: mich entschuldigen; denn kein Mensch kann sich selbst entschuldigen, sich von Schuld befreien. Das kann immer nur ein anderer Mensch. Der, dem Unrecht geschehen ist.

Dieses Phänomen war auch schon vor über 3000 Jahren bekannt. Bei den sogenannten Erzvätern Israels: Abraham, Isaak und Jakob.

Jakob hatte 12 Söhne. Der zweitjüngste Joseph fühlte sich als etwas Besseres und ließ es seine Brüder spüren. Er hatte Visionen, sie alle zu beherrschen und erzählte davon. Klar, dass die stinkig auf ihn waren. Und doch nicht in Ordnung, dass sie ihn umbringen wollten und nur deswegen davon absahen, weil sie ihn als Sklaven nach Ägypten verkaufen konnten.

Der Zufall – oder Gottes Fügung wollten es, dass er in Ägypten zum Vizekönig aufstieg und in einer großen Hungersnot seinen Vater und seine Brüder retten konnte. Nun lebten sie bei ihm in Ägypten. Aber so ganz klar war das Verhältnis (natürlich) nicht. Nach dem Tod des Vaters tauchen die alten Wunden wieder auf:

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. 18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Familienkonflikte gehören wohl zum Leben dazu. So auch hier. Nach dem Tod des Vaters, der als Patriarch alles zusammenhielt, haben die Brüder nun berechtigte Angst, dass Joseph sie nun seine Macht spüren lässt, sie zu seinen Untergebenen macht, sie womöglich bestraft.

Vorsichtig lassen sie vorfühlen und als das kein Ergebnis bringt, gehen sie selbst hin und bitten um Entschuldigung, liefern sich dem Bruder aus und erfahren Vergebung.

Die Brüder versuchen erst einmal diese Entschuldigung durch Boten zu erreichen. Das funktioniert nicht. Sie müssen schon selber Aug in Aug dem Geschädigten gegenüberstehen. Und dann beginnen sie zu stammeln. Es fällt ihnen schwer. Aber sie sagen, was ist. Und darum kommt es an.

Schuld ist immer etwas Persönliches und muss auch persönlich ausgemacht werden.

Ich habe keinen Anspruch darauf, dass meine Entschuldigung angenommen wird, aber wenn ich nicht darum bitte, kann sich nichts ändern. Wer den ersten Schritt nicht wagt, bekommt keinen Frieden. Wer ihn wagt, hat keine Garantien aber Hoffnung.

Die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern widerspricht allem Gerechtigkeitsempfinden. Eigentlich hätte jemand die Brüder anzeigen müssen wegen ihrer hinterhältigen Gewalttat. Und dann hätte das Verhalten Josephs mildernde Umstände bedeutet und die Frage nach der Mitverantwortung des Vaters eine Antwort gesucht.

Die Josephsgeschichte ist eine Geschichte voller Unrecht. Der Vater, der den Sohn bevorzugt. Der Sohn, der seine Überheblichkeit und seine Machtphantasien allen mitteilt. Die Brüder, die eifersüchtig sind und ihren Bruder in die Sklaverei verkaufen. Ein gordischer Knoten von Schuldverstrickungen. Alle sind irgendwie Schuld. Auch der tote Vater, der erst die Machtphantasien seines Lieblingssohnes nicht zurückgewiesen hat und dann auch nicht zu Lebzeiten für wirklichen Frieden gesorgt hat.

Aber es geht nicht einfach um Schuld. Es geht um den Umgang mit Neid und Eifersucht, mit Verrat und Lüge in der eigenen Familie. Und es geht um die Leiche im Keller, die wieder auftaucht, weil der Vater, der den Deckel drauf gehalten hat, nicht mehr da ist. Es geht darum, wie ich umgehe mit dem, was falsch gelaufen ist, wie ich mich zu meinem Teil der Schuld verhalte.

Joseph kann die Schuld nicht auflösen, aber er kann alles, was ihn betrifft vergeben und den Rest in Gottes Hände legen. Wohl auch, weil er spürt: In dieser ganzen Geschichte war Gott am Werk. Das war nicht immer erkennbar, aber im Rückblick kann er das bekennen und darum seinen Brüdern verzeihen. Das Beispiel des Vaters siegt, sein Wille zur Versöhnung behält Recht.

Joseph, der hier so großmütig aussieht, war auch schon anders, ein Träumer, der seine Brüder kränkte, sich selber über sie erhob. Und auch hier hat er so etwas von einem Idealtyp, der darum so unendlich weit weg ist. Das macht ihn auch ein wenig unsympathisch. Das hat etwas vom Streber. Dieser Mann, der immer alles richtig macht, sieht auch hier aus wie der überlegene Bruder, der sich lächelnd vor seine elf Brüder stellt und mit Großmut ihnen vergibt. So wirkt er, aber ganz so ist es nicht: Er lässt alle Anfragen über Dritte unbeantwortet. Sie müssen selber kommen. Und auch dann schmiert er ihnen noch aufs Brot: Ihr wolltet Schlechtes tun – und habt es getan. Gott allein hat alles dann doch noch zum Guten gewendet.

Joseph widersteht aber der Versuchung nun die Rache zu nehmen, die ihm mit Sicherheit hier zusteht. Er sieht den Weg zum Frieden im Namen Gottes und er geht ihn. Das muss ihm hoch angerechnet werden – bis heute. Auch wenn wir ihn nicht nur als guten Menschen wahrnehmen können. Aber er sieht seine Chance Versöhnung zu schaffen. Er nimmt die Schuld von seinen Brüdern und ermöglicht so neues Leben für alle Beteiligten.

Ein wenig erinnert mich diese Geschichte an den Kniefall von Willy Brandt am Warschauer Ghetto. Er drückte seine Erschütterung aus über das Leid, das Menschen in Polen durch Deutsche geschehen ist und erreichte so vielleicht nicht vollständige Vergebung, aber doch einen Neuanfang für alle noch lebenden Beteiligten. Die Chance dass Menschen aus Polen und Deutschland, Menschen jüdischer und christlicher Tradition Versöhnung leben können.

So wie die Brüder sich überwinden mussten, trotz der Schwere ihres Tuns vor Joseph zu treten und ihm ihre Schuld offen zu bekennen und sich seinem Urteil auszusetzen. So müssen auch wir immer wieder lernen mit unserer Schuld umzugehen, sie vor Gott bringen und vor die Menschen, um so Frieden zu erlangen.

Und wir müssen lernen: das gibt es nur im Märchen, Menschen, die nur gut oder nur böse sind. Die Wirklichkeit ist anders. Und Gott nennt sie alle seine Kinder.

Wir müssen lernen, um Entschuldigung zu bitten, dass Gott eine Chance hat, Schuld von uns zu nehmen und dass unsere Mitmenschen ihre Chance erhalten, uns zu verzeihen. Das wird harte Arbeit.

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