Große Ereignisse und ihre Schatten… (Matthäus 22, 1-14)

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.
Mit den Planungen für die Hochzeit begannen sie mehr als ein Jahr vor dem Termin. Das Standesamt sollte passen, eine hübsche Kirche in der Nähe ausgesucht werden, Hotel und Gaststätte für die Gäste und die Feier sollten nicht mehr als 15 min Autofahrt von der Kirche entfernt liegen, dann mussten Brautkleid für die Braut und Hochzeitsanzug für den Bräutigam ausgesucht werden, ein Probeessen eingeplant, Einladungen vorbereitet und verschickt werden. Enge Familienangehörigen und natürlich die Trauzeugen durften dieses Wochenende noch nicht verplant haben und der Fotograf greifbar sein. Alles sollte perfekt und unvergesslich werden. Nur kann die Wirklichkeit den Träumen standhalten?
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus…oder es bleiben Schatten über allem hängen
Der fünfzigste Geburtstag sollte die Gelegenheit sein, auch all die Freunde wieder zu treffen, die sie im Laufe der Jahre aus den Augen verloren hatte. Adressen wurden ausfindig gemacht, liebevoll Einladungskarten verschickt, sie wollte kochen und backen und dann kamen, wenn überhaupt, am Tag selbst Absagen über Absagen. Manche hatten wohl zwischen den Zeilen nicht gelesen, wie sehr sie die Aufmerksamkeit und das Wiedersehen, das Interesse und die Zuwendung in diesem Augenblick ihres Lebens gebraucht hätte.
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.
Die letzte Konfirmation im Dorf lag schon einige Jahre zurück und in diesem Jahr waren es gleich vier Konfirmanden in diesem kleinen brandenburgischen Dorf. Das war schon was besonderes. Dazu musste die Kirche ordentlicher als sonst herausgeputzt werden, wer weiß wann es wieder solche einen Festgottesdienst und solch Gedränge in den Bankreihen geben würde und so malten sich die Kirchenältesten schon aus, wie die Jungs und Mädchen herausgeputzt zum Altar schreiten, um eingesegnet zu werden. Was war das dann für ein Schrecken als einer der Konfirmanden mit offenen Turnschuhen, losen Schnürsenkeln, in Jeans, die wohl stonewashed waren, und mit dem Hemd aus der Hose einzog. Von den Haaren ganz zu schweigen…Früher gab es noch einen Dresscode, an den man sich hielt, und da sahen alle anständig und festlich aus, wie sich das für einen Kirchgang gehört, dachten die Älteren.
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus…
Im hiesigen Kirchenkreis werden Gottesdienste an besonderen Orten gefeiert, in der Waldkapelle Oberwambach, obwohl diese eigentlich woanders lag, aber dieser Ort sagenumwoben ist, im Kirchenkreis Oberes Havelland erklingt zum Reformationsjubiläum in Templin die Reformationssymphonie und in Gransee wird am 31.Oktober ein großes Geburtstagsfest gefeiert.
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus…
500 Jahre Reformation müssen gefeiert werden, denn es ist das Privileg unserer Generation, solch ein Ereignis miterleben zu dürfen.
Das Reformpapier „Kirche der Freiheit“ machte vor mehr als zehn Jahren den Anfang. Eine Kirche, die sich immer wieder erneuert, sollte sich den Herausforderungen des 21.Jahrhunderts stellen. Von großen Ziele wurde geträumt, Lektoren und Prädikanten sollten den pfarramtlichen Dienst auf breiter Basis unterstützen, dem Bröckeln an den Rändern sollte entgegengewirkt werden, alle Kinder mit einem evangelischen Elternteil getauft, Paare mit einem evangelischen Partner getraut, die Gottesdienstbesucherzahl sollte erhöht werden, alles mit dem Selbstbewusstsein, wir schaffen das. (nur Spötter sagen: so etwas kann böse enden, wenn die Stimmung kippt…)
Themenjahre hielten uns die bleibende Einflüsse der Reformation auf Musik, Bildung, Politik und Gesellschaft vor Augen, mahnten zu Toleranz und mehr Engagement in der einen Welt, um dann in ein großes Jubiläumsjahr zu münden mit dem Kirchentag in Berlin, dem Abschlussgottesdienst in Wittenberg und verschiedenen Kirchentagen auf dem Weg. Manche sind heute noch begeistert und bewegt, auch von dem Abschluss in Wittenberg auf den Elbwiesen und der Silhouette von Wittenberg, andere kritisieren mehr oder weniger laut und öffentlich, das die Kirchentage auf dem Weg eine (völlige ?) Fehlplanung und Überschätzung der Attraktivität waren und in Wittenberg vor allem leere Stellen auf den Wiesen im Fernsehen zu sehen waren. War das viel zu viel Aufwand für die Resonanz und am Ende eher peinlich, vorher so groß mit Zahlen jongliert zu haben?
Und überhaupt: die EKD klagt die fehlende Unterstützung der Theologie beim Reformationsjubiläum ein, da geht es doch um evangelisches Selbstverständnis und Selbstvertrauen und die Theologie fühlt sich missbraucht und in ihrer kritischen Funktion der Kirche gegenüber nicht ernst genommen. Und was bleibt am Ende des Jahres? Hoffentlich nicht nur die Erschöpfung und das Gefühl: das war zu viel des Guten… weil große Ereignisse ihre Schatten voraus werfen.
Ich könnte so noch lange weitermachen. Da gibt es die Momente, wo alle Mühen sich gelohnt haben und da gibt es die unendlich großen Enttäuschungen. Da gibt es die Optimisten, die immer das Positive sehen und die Pessimisten, die immer alles schon gewusst und von Anfang an davor gewarnt hatten. Und manchmal denke ich, es ist so viel leichter, ein Pessimist zu sein, weil irgendwo immer etwas nicht so kommt oder gelingt, wie es sein sollte, es immer noch größer, noch schöner, noch höher hätte ausfallen können, wenn alle sich nur ordentlich angestrengt hätten. Und wenn man zwanzig oder gar dreißig Jahre als hauptamtlicher oder ehrenamtliche Mitarbeiter/-in kämpft, dann kann man schon resignieren.
Und dann haut Jesus mit seinem Gleichnis und Matthäus in seiner noch radikaleren Nacherzählung als die anderen Evangelien auch noch in die gleiche Kerbe: ein großes Fest, von der Arbeit will ich gar nicht reden, dafür hatte man ja seine Leute, reich gedeckte Tische, faule Ausreden, vorgeschobene Entschuldigungen, obwohl sich die Tische der Festtafel biegen und dann auch schlampig angezogene Gäste. Was für ein Reinfall. Da kann einem schon der Kragen platzen: nicht mit mir und nicht mehr mit euch. Das war das letzte Mal, Schluss aus und basta!
Aber halt, ist diese Empörung wirklich in Ordnung?
Schließlich wurden die Gäste, die am Ende da waren, auf ja der Straße aufgelesen und konnten nicht lange vor dem Kleiderschrank stehen, die passende Abendgarderobe aussuchen und vor dem Spiegel auf und ab gehen.
Wer legt eigentlich die Kleiderordnung fest und ist es nicht viel wichtiger mit dem Herzen dabei zu sein als äußerlichen Etiketten zu genügen? Und war es wirklich ein Reinfall?
Die lang geplante Hochzeit wurde ein unvergessliches Fest. Die einen fühlten sich im Anzug wohl, die andern waren sommerlich leicht gekleidet und tanzten den ganzen Abend ausgelassen. Das Glück war mit Händen zu greifen.
Die wenigen, die zum fünfzigsten Geburtstag kamen, konnten zeigen, wie dankbar sie für die Freundschaft waren, die schon so viele Jahrzehnte überdauert hatte.
Die Konfirmanden behielten den Konfirmationstag nicht nur wegen der Geschenke in Erinnerung, sondern auch weil sie, wie sie waren und sind, ernst genommen wurden und im Mittelpunkt standen ( das ist ja auch ein bisschen Gottesbegegnung, denn Gott schaut nicht was vor Augen ist, sondern das Herz an). Und vielleicht hatte Jesus auch lange Haare (jedenfalls auf den meisten Bildern, die die Konfirmanden gesehen hatten).
Die besonderen Gottesdienste werden in Erinnerung bleiben: unter freiem Himmel, in dieser schönen Jahreszeit und dann kann man gerne wieder in der vertrauten Kirche in vertrauter Form feiern.
Wir haben auf dem Kirchentag gefeiert, gesungen, gebetet, uns eingemischt, friedvoll für unseren Glauben demonstriert und Gottesdienst gefeiert und alle Welt hat es gesehen. Alle Reformpapiere und -prozesse erinnern uns daran, dass nichts so bleiben muss, wie es ist und das wir mutig auch Ziele wagen dürfen, solange wir uns nicht von Zahlen abhängig machen, sondern von den Menschen, um die es um des Evangeliums willen geht. Denn wenn nichts bleibt, Gottes Liebe und seine Leidenschaft für das Leben bleiben.
Die Themenjahre haben uns selbstbewusst gemacht: Musik, bildende Kunst, Sprache und Schule, Entwicklungsdienste und gesellschaftliche Umbrüche sind oft und gerade von Christen und von Protestanten beeinflusst worden. Das ist schon etwas. Mehr Selbstbewusstsein, bitte!
Und die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. 2025 wird es Kirche, wie gestern auf der Zukunftswerkstatt thematisiert auch noch geben…
Ich mag das negative Ende der Geschichte, die Jesus erzählt, nicht wirklich teilen und ich glaube, dass sie auch noch nicht wirklich zu Ende erzählt ist. Matthäus kennt nur ein mögliches Ende. Manchmal hilft ja schon der andere Blickwinkel: nicht nur auf die ausgebliebenen oder unpassend gekleideten Gäste schauen und die Empörung kultivieren, sondern in die lachenden und strahlenden Gesichter sehen, die fröhlich feiern und das Reich Gottes zumindest heute schon vorweg nehmen, denn der Tisch ist reich gedeckt. So feiern wir Gottesdienst an einem besonderen Ort und jeder Gottesdienst ist ein besonderer Moment, wie schön, dass ich dabei sein darf! Amen

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