Ein „schreckliches Evangelium“ verständlich gemacht

Liebe Gemeindeglieder,

Was für eine schöne Geschichte, die wir da als Lesung gehört haben!

Mitten aus dem Zentrum der Verkündigung Jesu. Wenn Gottes Reich beginnt, weil sein Wille geschieht, dann ist das wie das schönste Fest, das ihr euch vorstellen könnt. So wie bei euren Hochzeiten. Wo noch die ärmste Familie monatelang spart, um dann ein rauschenden Fest zu feiern, bei dem es an nichts fehlt.

Und das, dieses Fest, gilt nicht den Reichen, oder den Superfrommen, sondern den einfachen Menschen, denn – so hat es Jesus erlebt –  die einfachen Menschen hören auf seine Predigt und nehmen die Einladung an.

Eben: Die frohe Botschaft, wie wir sie kennen.

Unser kleines Problem am heutigen Sonntag: Diese Geschichte ist nicht unser Predigttext. Jedenfalls nicht diese Version. Stattdessen geht es um dieselbe Geschichte in der Bearbeitung des Evangelisten Matthäus.

Ich trau mich gar nicht, die ihnen so unvorbereitet vorzulesen. Denn plötzlich wirkt dieselbe Geschichte durch einige Änderungen und Beifügungen völlig anders. So anders, dass Luther sie ein schreckliches Evangelium nannte und nur mit Widerwillen darüber gepredigt hat. So wie ich, weshalb ich die Geschichte erst ganz am Ende vorlese.

Aber das Gute ist wir können doch manches daran lernen.

 

Als erstes denke ich an das Verhältnis zwischen den Religionen.

Zum Islam ist das aufgrund des Terrorismus derzeit besonders schwierig. Aber unter unserer emotionalen Ablehnung leiden nun alle Muslime.

Und wir neigen dazu, alles über einen Kamm zu scheren und finden uns bestätigt durch zur Gewalt auffordernden Stellen im Koran und durch ein Gottesbild mit einem strafenden Gott.

Dabei vergessen wir, dass über weite Strecken der Geschichte der Islam viel toleranter, als das Christentum und auch viel liberaler und aufgeklärter.

Wir vergessen auch gerne, dass das die Christen der Vergangenheit leider in der Bibel immer auch Stellen gefunden haben, mit denen sie ihre Kreuzzüge und Eroberungen legitimiert haben.

Die Feindschaft der Religionen liegt immer auch daran, dass man meist nur die schönen Stellen der eigenen heiligen Schrift kennt. Vom der heiligen Schrift der Konkurrenz dagegen meistens nur die schlimmsten Stellen.

Heute ein Beispiel zu bekommen, für ein gewalttätiges Gottesbild in der Bibel ist daher für mich das erste was wir lernen können. – Falls sie die Stelle nachher wirklich genauso wenig mögen wie Luther und ich.

Das zweite, was wir lernen können:

Wie kann es sein, dass so ein Text ins neue Testament kommt?

Um das zu verstehen, möchte ich sie gedanklich entführen in die Schreibstube des Matthäus. Denn an seinem Schreibtisch können wir seine Überlegungen kennen lernen.

Stellen sie sich also eine Zeitreise vor in das Jahr 80 nach Jesu Geburt, in das Haus des Evangelisten Matthäus. Der ist vermutlich als sehr gebildeter Jude aufgewachsen und ist dann Christ geworden. Nun sitzt er dort, weil 50 Jahre nach Jesu Tod allmählich die letzten sterben, die von Anfang an dabei gewesen sind.

Deshalb hat er schon seit Jahren alles gesammelt, was er an einigermaßen verlässlichen Informationen über Jesus bekommen konnte.

All das liegt nun vor ihm, viele Schriftrollen und Stapel von Blättern:

Das alte Testament, mit dem er groß wurde und das er so liebt und aus dem er wieder und wieder zitiert.

Das Evangelium des Markus, das einzige, das es gibt. Schön, aber sehr kurz. Ganz viel ist darin gar nicht erwähnt. Deshalb will er ja eine neue Version davon schreiben, und das andere da hineinarbeiten, was er gefunden hat:

Das wichtigste: Eine Schriftrolle voll mit Sprüchen und Gleichnissen Jesu. Und daneben etliche andere Texte, die er gesammelt hat.

Und seine ersten 21 Kapitel liegen auch schon fertig da. Ein Meisterwerk der Schriftstellerkunst. Wie ein begnadeter Künstler hat er seine Quellen geschickt zu seinem neuen Evangelium zusammengefügt. Zu einer Art Handbuch für die Christen über Jesus und seine Lehre. Besonders gelungen war ihm die Bergpredigt. Da hatte er in die Vorlagen des Markus ganz viele andere Predigtstücke Jesu wie ein kunstvolles Mosaik zu einer einzigen Predigt zusammengepuzzelt. Und hatte diese Predigt am Berg spielen lassen – wie Mose, als er die 10 Gebote verkündete.

Das war ihm als ehemaligem Juden besonders wichtig, Jesus als legitimen Nachfolger Abrahams und Mos zu erweisen, als den verheißenen Messias.

Leider war der, wie die Propheten früher,  von den religiösen Führern seines Volkes abgelehnt und verfolgt worden. Die Sünder und Heiden dagegen hatten ihn als Gottes Sohn anerkannt.

Und genau das und nichts anderes besagte ja das Gleichnis vom Gastmahl bei Markus: Die, die eingeladen waren, kamen nicht und darum werden die Anderen eingeladen. Und die sind gekommen!

Deshalb hatte er dieses Gleichnis bis jetzt aufgespart. Für sein Kapitel über die Auseinandersetzung Jesu mit seinen Gegnern. Er wollte die tiefere Bedeutung des Gleichnisses herausarbeiten, die ihm aufgefallen war.

Inzwischen hatte es sich die traurige Wahrheit ja gezeigt: Es waren nicht nur die Frommen, die Jesus ablehnten, sondern fast das gesamte jüdische Volk. Und die, die der Einladung zum Glauben an Jesus gefolgt sind, das waren nicht nur die Armen, auf den Straßen Israels, sondern das waren die Anderen, die heidnischen Menschen an den Enden der Straßen – bis in die fernsten Winkel des römischen Reiches. Überall entstanden nun Gemeinden. So viele kamen dazu!

Dass in der Geschichte vom Festmahl um das Fest Gottes und seines Sohnes Jesus Christus geht, das wollte er unmissverständlich deutlich machen.

Aus dem allgemeinen Festmahl ein Hochzeitsmahl werden! Und zwar des Königs für seinen Sohn.

Aber die Eingeladenen haben alle was anderes vor. Oh, ja, wie sehr das stimmte.

Aber es war doch noch viel schlimmer! Es war ja genau wie mit den Propheten im Alten Testament! Die Boten – die Verkündiger der frohen Botschaft – wurden nicht nur ignoriert, sogar angegriffen und verfolgt. Die Steinigung des Stephanus vor einigen Jahren war noch in aller Munde.

Das musste genannt werden. Er schrieb: „Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie.“ Genau so war es passiert.

Und dazu waren noch andere Dinge, die Markus noch gar nicht ahnen konnte, als er sein Evangelium schrieb.

Die völlige Zerstörung Jerusalems im Jahre 70. Zehn Jahre lag das nun zurück. Natürlich waren es die Römer gewesen, die die Stadt zerstört hatten. Wie seinerzeit die Babylonier. Wie konnte Gott so eine Katastrophe zulassen? Es war wie damals nur als seine Strafe verständlich.

Ja, so musste man das schreiben: „Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen.“

So war es gewesen.

Und dann sind die Diener Gottes zu anderen Völkern gegangen, „an die Enden der Straßen“ und die Leute kamen und die Gemeinden sind gewachsen.

Viele sind dazu gekommen. Gute Leute, aber auch Sünder, wie Jesus sie eingeladen hat. Aber manche von diesen Sündern machten sich die Sache auch zu einfach. „Gott liebt die Sünder“ – dass sollte doch nicht bedeuten, dass man nun einfach munter weitersündigen darf! Wer das so sah, hatte Jesus völlig missverstanden.

„Die Einladung zum Fest ist noch lange kein Freifahrtschein in den Himmel. Das werde ich als Warnung schon reinschreiben müssen!“ Das passende Wort Jesu stand ja schon in seinem 7. Kapitel: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.“

Dafür hatte Matthäus sich schon eine Fortsetzung des Gleichnisses überlegt, die den Ernst der christlichen Existenz deutlich machen würde. Ja, der König selbst würde da auftreten im Gleichnis.

Alles gut nachvollziehbare Gründe für die verbesserte Version des Gleichnisses bei Matthäus, oder nicht?

Doch lassen sie uns nun hören, wie die Geschichte nun klingt:

Wir hören den Predigttext für heute, Matthäus 12,1-14

 

1 Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis:

2 Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete.

3 Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen.

4 Da schickte er noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Mein Mahl ist fertig, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit!

5 Sie aber kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden,

6 wieder andere fielen über seine Diener her, misshandelten sie und brachten sie um.

7 Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen.

8 Dann sagte er zu seinen Dienern: Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren es nicht wert (eingeladen zu werden).

9 Geht also hinaus an die Enden der Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein.

10 Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen.

11 Als sie sich gesetzt hatten und der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Mann, der kein Hochzeitsgewand anhatte.

12 Er sagte zu ihm: Mein Freund, wie konntest du hier ohne Hochzeitsgewand erscheinen? Darauf wusste der Mann nichts zu sagen.

13 Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.

14 Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.

 

Fast find ich es jetzt schade, dass das was auch Luther so schrecklich fand, in ihren Ohren vielleicht gar nicht mehr so schrecklich klingt.

Aber hätte ich den Text unvorbereitet lesen lassen – was für ein Gottesbild:

Ein zorniger Gott, der nach den Absagen der Eingeladenen nicht mehr einfach andere einlädt, sondern die Stadt der Hochzeitsverweigerer in Schutt und Asche legen lässt. Ein Tyrann, der dann seine Diener aussendet, um alle von der Straße weg einzuladen, und der dann den, der nun kein Hochzeitsgewand an hat, mit der ewigen Verdammnis straft.

Manche sprechen ja heute immer noch vom sogenannten alttestamentlichen Rachegott – nundenn: Hier ist er mitten im neuen Testament.

Wir können viel lernen, habe ich gesagt.

Das erste nannte ich schon. Wir sehen: Auch im Christentum gibt es tatsächlich schlimme gewalttätige Gottesbilder, die allein betrachtet nicht unser Gottesbild sein können.

Zweitens lernen wir wieder einmal, dass die Bibel nicht vom Himmel gefallen ist, sondern entstanden aus dem Bemühen von gläubigen Menschen, die Botschaft Gottes zu verstehen und weiterzusagen in ihre jeweilige Zeit. Das ist oft gut gelungen, manchmal aber auch nicht. Luther sprach deshalb davon, dass wir die dunklen Stellen der Bibel von den hellen her verstehen sollen.

Das Dritte: Es ist gut, sich damit auseinander zu setzen. Zu lernen: Ah, der Zorn Gottes ist hier nur so betont gegen einen entstandenen Missbrauch. Dass man die Vorstellung von der Güte Gottes ausnutzt zu einem in Wirklichkeit gottlosen Leben. Die „billige Gnade“ hat Luther das genannt.

Daher können wir vielleicht sogar noch etwas Viertes lernen:

Ich sag es mal so:

Gehört zum Leben eines Menschen, der der Einladung Gottes zum Glauben folgt, nicht doch vielleicht doch auch ein Festgewand?

Das Wort ist bei Matthäus schon auffällig. Denn bei den Hochzeiten damals trugen die Gäste gar keine speziellen Hochzeitsgewänder, sondern einfach normale, aber gute, saubere Kleidung. Jedem war daher damals beim Lesen klar, dass dieses auffällige Wort im übertragenen Sinne gemeint ist! Es geht nicht um die Kleidung, sondern ein Verhalten, das dem Anlass angemessen ist.

Wenn nun unser Leben hier auf Erden nicht einfach nur ein ungläubiges Leben in Richtung Tod ist, sondern eine Antwort auf die Einladung zum Glauben und zum ewigen Leben,

müsste das nicht vielleicht doch mehr Auswirkung auf unser Leben, unser Auftreten und Tun haben?

Etwas mehr Entsprechung zur Botschaft Jesu?

Während der nun folgenden Musik können Sie diesen letzten Gedanken der  Predigt für sich zu Ende führen…

Auswirkung des Glaubens in unserem Handeln …

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