Ein ganz besonderes Wunder…(Johannes 5,39-47)

Sie nannten sich seit ihrer Gründung im 19.Jhd. Bibelforscher. Die heilige Schrift sollte alleinige Richtschnur ihres Glaubens sein. Bekannt waren und sind sie dafür, andere zum Bibelstudium einzuladen. Ihre Nachfahren gehen heute noch von Haustür zu Haustür, klingeln und versuchen mit den Bewohnern in ein Gespräch zum gemeinsamen Bibelstudium zu kommen, bleiben dann oft bei den Texten  die vom drohenden Ende der Welt handeln, von den heftigen Auseinandersetzungen, die ihm vorausgehen , vom einzigen Ausweg aus der Katastrophe und von den wenigen, denen es vergönnt ist, diesen Ausweg hinein ins ewige Leben zu finden – alles mit der Bibel in der Hand.

Wahrscheinlich haben sie an jeder einzelnen Haustür hier in Gransee auch schon geklingelt, jeder ist ihnen begegnet und sei es nur mit dem Stand auf dem Marktplatz, wo sie die bunten Hefte ihrer Religionsgemeinschaft vertreiben: „der Wachturm“ und „Erwachet“ .

Die Zeugen Jehovas sind eine der Gruppen, die aus den Bibelforschern hervorgegangen sind. Aber weder die Bibel noch ihr Schriftstudium haben sie aber vor der inneren, vor allem aber äußeren Zerrissenheit ihrer Bewegung bewahrt. Drei große Spaltungen erlebten die Bibelforscher in zwei Jahrhunderten. Keine Bange, es geht von ihnen keine direkte Gefahr für die Gesellschaft aus. Sie sind Pazifisten, verweigern den Kriegsdienst und sind nicht militant. Sonderbar sind sie manchmal, aber immer höflich, kritisch kann man oder muss man vielleicht ihre Haltung zu manchen Möglichkeiten der Schulmedizin sehen, wo sie z.B. Bluttransfusionen ablehnen. Problematisch sind sie, wo ihre Mitglieder alle gesellschaftlichen Kontakte außerhalb der Glaubensgemeinschaft mehr oder weniger gezwungen abbrechen und ein späterer Austritt oft daran scheitert,  draußen keine Menschenseele mehr zu kennen. Sie meinen es  ernst mit ihrem Glauben und ihrem Zeugendienst : „ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin“. Also kein unbekanntes Phänomen…

Stelle ich diesen Satz Jesu unkommentiert in den Raum, kann doch eigentlich keiner etwas dagegen einwenden. Wo soll denn der Glaube sonst nach Antworten suchen, wenn nicht in den heiligen Schriften? Und geht es nicht in Fragen des Glaubens immer um mehr als nur um Wohlbefinden und Gefälligkeit? Geht es nicht immer um das das Ganze, um Leben und Tod?

Den einen Mann der Geschichte, 500 Jahre ist es gerade her,  plagte jahrelang die Frage, wie er einen gnädigen Gott finde. Er wollte sich von seiner einmal gefundenen Antwort und dem Frieden, die sie ihm brachte, nur mit Argumenten der Vernunft und der Heiligen Schrift abbringen lassen: sola scriptura – allein die Schrift ist bis heute Grundsatz evangelischen Glaubensverständnisses: „ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin.“ Für Martin Luther war die Tür zum Paradies mitten in der Schrift zu finden. Man muss nur hindurchgehen, für andere ist die Schrift voller stetiger Lebensimpulse, Orientierung und Trost, seien es einzelne  Worte oder ganze Geschichten, die die Bibel so unnachahmlich erzählt. Der Taufspruch, der Konfirmationsspruch, der Trauspruch wurden zum Leitspruch des Lebens, zur Wegmarke, zur Entscheidungshilfe. Was will Gott dir sagen, wenn er Abraham aus seinem Vaterhaus in ein unbekanntes Land schickt oder wenn Jesus einen Kranken fragt: willst du gesund werden oder von sich sagt: ich bin das Licht der Welt…?

Vielleicht ja, dass Aufbrüche und Veränderungen zum Leben aus Gottes Hand gehören und mich herausfordern, dass ich auch in mich hinein hören muss, ob ich wirklich von meiner Krankheit und der Aufmerksamkeit, die sie bei anderen einbringt, lassen will, oder ob ich wirklich sicher bin, allein und ohne Glaube gut durch das Leben zu kommen ohne die Orientierung zu verlieren. Fragen, die mir aus der Beschäftigung mit der Bibel entgegenspringen.

Es ist Zeit, von dem Vorwurf Abschied zu nehmen, die Gesprächspartner Jesu, bei Johannes oft pauschal  als „die Juden“ verunglimpft, meinten es nicht ernst mit ihrem Bibelstudium. Sie haben gesucht, gelesen und studiert. Die ersten Christen waren ein Teil von ihnen und haben als solche mit ihnen oder bei ihnen gelernt die Bibel, die Bücher des alten oder besser ersten Testamentes zu lesen. Ansonsten hätten sie  wohl nicht verstehen und bewältigen können, was ihnen zwischen Karfreitag und Pfingsten zugemutet wurde. Wenn ihnen die Schriften der Väter nicht geholfen hätten zu verstehen, dass Jesus am Kreuz zwar nach seinem Gott geschrien, Gott aber Jesus nicht verworfen und verdammt hat, gäbe es keine Kirche. Sie hätten nicht damit umgehen können, dass der Gerechte am Kreuz zu Unrecht leidet und Gott damit auf der Seite der Leidenden und nicht nur der Gewinner steht, sie hätten nicht gewissermaßen „endgültig“, also ein für alle Mal und damit wirklich für alle, begreifen können, dass das Leben ein Geschenk und der Tod nicht das Ende ist. Sie hätten nicht die Begrenztheit eines kleinen Volkes weit machen können für alle Völker und eine ganze Welt, die eingebunden sein soll in Gottes Liebe, wenn sie nicht die Hinweise und Spuren dafür in den Schriften gefunden hätten.

Und noch heute beginnt alles Ringen um verantwortliche christliche Positionen im Leben und in der Gesellschaft mit der Spurensuche in der Schrift. Ernster Bibelforscher zu sein ist wahrlich kein Schimpfwort, sondern höchstes reformatorisches Lob. Gefährlich wird es, wenn Menschen meinen, die eine und endgültige Wahrheit gefunden zu haben. Es gibt keine biblischen Patentrezepte gegen den Klimawandel oder Flüchtlingsstrom, aber die Mahnung, Verantwortung für die Schöpfung und Mitmenschen zu übernehmen.

Nicht das Bibellesen an und für sich ist gefährdend und gefährlich für andere, sondern die Bibel als Waffe unkritisch zu missbrauchen. Ich kann mit ihr nicht umgehen wie mit einem Bürgerlichen Gesetzbuch, aus dem ich nur den richtigen Paragraphen anwenden muss, um letztgültig und einsichtig Recht über Menschen und Sachen zu sprechen. Nicht das Bibelstudium ist problematisch, sondern die Exklusivität, mit der einige meinen, allein alle Schlüssel zum rechten Verstehen zu besitzen, eingebunkert in einen Wachturm, um von dort hinauszurufen: erwachet!.

Die Bibel ist und bleibt Gottes Wort. Es ist wunderbar, die Erfahrung zu machen, dass Gott nicht stumm ist, sondern mich anspricht, anstößt, aus dem falschen Schlaf der Sicherheit weckt, meine vertrauten und geliebten Wahrheiten hinterfragt, mir Hoffnungsbilder malt und mich in  Trostlandschaften einlädt. Und genau darin liegt das Göttliche, das Heilige und das Besondere, dass die Schrift etwas mit mir und aus mit machen kann. Erschlage, beurteile oder verurteile ich aber einen anderen gnadenlos mit ihr, weil ich immer schon weiß, was Gott will, denkt, sagt und verfügt, dann kann ich mich nicht mehr auf die Bibel als auf Gottes Wort berufen, sondern habe in meiner Hand nur Papier mit viel Gewicht zwischen zwei Buchdeckeln als Schlagwaffe. Dann kann ich zwar sagen: „Ich suche in der Schrift“, aber dabei suche ich dann nicht die Wahrheit, sondern nur die Selbstbestätigung und -rechtfertigung. Religionen, die ein Heiliges Buch mit dem Anspruch auf Wahrheit haben, stehen immer in der Gefahr militant und intolerant für ihre eigene Sicht der Wahrheit zu kämpfen. Die Gefahr ist groß, zu glauben, man habe immer Gott, eingefangen zwischen diesen Buchdeckeln, auf der eigenen Seite und sei sich seiner sicher.

Für mich ist die Heiligkeit der Schrift auf eine ganz eigene, besondere Art ein Wunder. Es ist das Wunder, dass dieses  Buch, um wahrhaft Gottes Wort zu sein, nicht vom Himmel gefallen sein muss. Es muss keine irdische Abschrift einer himmlischen Urschrift oder gleichsam den Autoren göttlich diktiert sein. Es ist das Wunder, dass Menschen die Erinnerungen an ihre Gotteserfahrung und Gottesbegegnung so erzählt und so weitergegeben haben, dass sie heute noch einladen, sich auf diesen Gott einzulassen, die gleichen Erfahrungen von Ermunterung und Trost,  Kritik und Veränderung, Einsicht und Aufbruch zu machen. Es ist das Wunder, das ich heute noch zum Staunen über den Schöpfer kommen oder mich begeistern kann für die Botschaft und die Person Jesu, an dem ich ja nicht mehr vorbeikomme, wenn ich von Gott reden will.

Es ist ein Buch voller verdichteter Erfahrung, wie wirklich und wirksam Gott war, ist und bleibt – durch die Zeiten und die Geschichte auch seines Volkes und seiner Kirche hindurch. Diese Durchsichtigkeit auf Gott und auf Jesus Christus hin ist das Besondere der Heiligen Schrift.

Die hebräische Thora ist dem Gottesvolk Israel lebendige Anschauung Gottes. . Christus und die Schrift, die wir auf ihn hin lesen, haben als Spätgeborene des Glaubens (Paulus schreibt von den Heiden) auch uns den Lebensblick auf den Gott Israels werfen lassen. Als wir am Mittwoch in Lindow den ersten Spatenstich zu einem Garten des Buches gefeiert haben, habe ich dem Landesrabbiner gegenüber gesagt: „Wir Christen haben in den letzten Jahrzehnten viel gelernt im Umgang mit unseren älteren jüdischen Geschwistern. Wir sind ihnen dankbar für das Erbe biblischer Traditionen aus dem ersten Testament. Wir entdecken Jesus als Sohn Israels und als gemeinsamen Bruder, der den Völkern Türen zum Gott Abrahams, Jakobs und Isaaks geöffnet hat.“ Wir haben alle zusammen zugleich vor den Gefahren eines Fundamentalismus gewarnt, der sich immer schon im Besitz der Wahrheit wähnt. Wir bleiben Suchende, auch als Glaubende, als Hörende, als Lesende solange wir leben. Erst dann von Angesicht zu Angesicht werden wir wissen und sehen, bis dahin werden wir fragen und hoffen. Aber damit sollten wir nicht aufhören. Das Bibelstudium ist nicht nur etwas für wenige Professionelle, oder für die eine Bibelwoche im Jahr: es ist eigentlich wie die Bitte um und der Dank für das tägliche Brot: Gott redet mit mir, Tag für Tag. Wenn ich nach diesem Brot suche, dann werde ich einen reich gedeckten Tisch finden und satt werden. Denn Gott hat den Tisch gedeckt und er – spricht Worte des Lebens! Amen

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