Hörbuch

Nächsten Sonntag ist Goldene Konfirmation. Ob die Jubelkonfirmanden Erinnerungsstücke dabei haben aus ihrer Konfirmandenzeit Mitte der 60er? Eine Single von den Beatles? Ein Cassettenrecorder von ITT SchaubLorenz? Ein Album mit eingeklebten Farbfotos? Eine Liedmappe, Schnellhefter A5 quer mit Zeichnungen von Gerhard Hägel?

Nehmen wir an, einer bringt seine Bibel von damals mit. Luthertext, revidiert 1956. Wie wird sie aussehen? Lederhülle mir Reißverschluss, Goldschnitt? Alles unversehrt, wie aus dem Ei gepellt? Oder mit Gebrauchsspuren? Lose Seiten, abgestoßene Ecken? Wie sieht deine Bibel aus?

In meiner letzten Gemeinde begann jede Kirchenvorstandsitzung mit einer Bibelarbeit. Das war im Konfirmandenraum. Man hätte sich da problemlos mit einem Exemplar vom Unterrichtsmaterial versorgen können. Aber die Hälfte der Vorsteher hatte ihre Bibel dabei. Die kleinste war eine App im Smartphone. Die größte hatte mein Kollege auf der ersten Pfarrstelle. Kiloschwer. Ein richtiges Trumm, ähnlich dem vom  Apostel Matthäus hier auf dem Kanzelaltar über mir. Der muss das dicke Buch abstützen auf dem Oberschenkel, so mächtig ist es.

Die Bibel meines Kollegen war so groß, weil neben den gedruckten Spalten ein breiter Rand war. Auf den meisten  Seiten hatte  er neben dem Text  Notizen und Anmerkungen gemacht in verschiedenen Farben. Was für ein ramponiertes Ding. Ein Wunder, dass sie noch nicht auseinander gefallen war. Aber die Gebrauchsspuren waren das Gütezeichen. Offenbar benutzte er dieses Buch schon sein ganzes Pastorenleben lang.

Die Sitzung begann dann nicht etwa mit einer Andacht vom Pastor, sondern die vorgeschlagene Bibellese aus den Losungen wurde gemeinsam bedacht. Jeder der wollte, konnte seine Eindrücke  schildern. Bei unklaren Stellen versuchte man, gemeinsam herauszufinden, was meint die Heilige Schrift damit? Und was hat das mit unserem Alltag zu tun.

Ich vermute mal, in den Hausbibelkreisen, die es hier am Ort gibt, geht es ähnlich zu. Man sucht gemeinsam in der Schrift nach Antworten, wie Jesus hier sagt: „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin, und sie ists, die von mir zeugt.“

Wo gibt es das heute noch? An welchen Orten wird noch nach Antworten gesucht, händeringend gesucht danach, wo wir Leben finden können? Wo wird noch gerungen um die Wahrheit?

Das ist ja fast ausgestorben! Bis auf ein paar Überbleibsel. In Talkshows etwa, wenn dort handverlesene Exponenten einer Position, je schriller je lieber, eingeladen werden. Und die gehen dann aufeinander los. Das sind die Ausnahmen. Theresa May wollte ihr Programm nicht rechtfertigen vor dem Mitbewerber, beide sollten schön nacheinander auftreten. So muss nicht  mehr miteinander gerungen werden,  wer eine wirklich begründete Meinung hat. Abweichende Meinungen kommen dann zwar noch zu Wort per Kommentaren im sozialen Netzwerk. Aber die lassen sich wegklicken.

Wie anders im Hörsaal, von dem Peter Hahne bei der Pfingsttagung erzählt hat aus seiner Studentenzeit. Da musste ein Professor seinen Mut zusammen nehmen, wenn er in die Vorlesung ging und wollte beginnen mit seinem Vortrag. Der kam womöglich gar nicht zu Wort. Der musste damit rechnen, dass er ausgepfiffen wurde. Nicht weil ihn keiner leiden konnte. Aber die jungen Leute wollten diskutieren statt zuhören. Das artete dann aus in Streitgesprächen. So wie hier Jesus mit den Pharisäern. Es wurde gerungen um die Wahrheit.

Und die wurde gesucht in der Heiligen Schrift. Genauer, im Alten Testament. Nun steht da eine ganze Menge. Aber was davon gesucht und erfragt wurde war nicht wann wurde die Welt erschaffen, in einer Woche oder in Jahrmillionen. Welche Weinsorte hat Noah angebaut. Wo ist die Bundeslade geblieben? Sie haben nach wichtigerem gefragt. Was sagt die Schrift über den Messias, den Heiland der Welt? Das trieb die Leute um, voller Sehnsucht, voller Unruhe.

Wir haben es da viel besser. Wir wissen: In Jesus ist der Erlöser erschienen. Das macht uns dankbar. Das kann uns aber auch faul machen.

Wir könnten sagen: Was brauchen wir noch das Alte Testament? Das ist doch durch Jesus überholt. Das ist doch veraltet, durch etwas besseres abgelöst. Wer einen Flachbildschirm hat, guckt in keine Röhre mehr. Wer ein Navi hat, legt die Straßenkarte beiseite. Alt ist out, abgemeldet.

Axel Kühner erzählt von einem Mitarbeiter im Besuchsdienst seiner Kirchengemeinde. Großstadt. Alle Haushalte im Bezirk kommen dran. Er kommt zu einer jungen Frau. Nach längerem Gespräch fragt er, ob sie auch  eine Bibel hätte. „Ja, wir haben eine Bibel. Aber sie ist uralt. Ich weiß nicht, ob die heute noch gilt!“

Die Sorge war unbegründet. Die Bibel ist zeitlos. Denn in ihr geht es um ewige Wahrheiten. Sie begegnen uns in Weisheitssprüchen oder Gesetzen. Meist aber in den Erlebnissen von Menschen, die sich auf Gott eingelassen haben.

Im Kindergarten meiner Bremer Gemeinde war jeden Freitag Mittag Wochenschlussandacht. Die Kinder hörten von Adam und Eva, wie sie taten, was Gott verboten hatte. Vom Turm zu Babel, der unvollendet stehen blieb, als Gott den Hochmut der Menschheit durch die Sprachverwirrung dämpfte.

Von David, der das Kraftpaket Goliath von den Beinen holte. Von Ruth, die auf dem Feld Körner sammeln musste, um nicht zu verhungern.

Sie hörten davon, denn sie konnten noch nicht lesen. Die Bibel ist ein Hörbuch. Noch besser als die Hörbücher, die man kaufen kann. Wo ein farbloser Klassiker auf einmal ungeahnte Leser, sprich Hörer findet, weil Jan Josef Liefers oder Volker Lechtenbrink so spannend lesen.

Die Bibel ist noch viel besser, denn da spricht kein Schauspieler, sondern Gott selbst. Dabei benutzt er fehlbare Menschen. Nicht wie vom Koran erzählt wird, fehlerfreies Diktat vom Engel. Nein, in der Bibel geht Gott das Risiko ein und spricht durch fehlbare Menschen. Und er hat keine Angst, dass die Qualität darunter leidet. Im Gegenteil.

So spricht Gott durch Totschläger wie Mose oder David. Durch Rahab, die Bordsteinschwalbe. Jakob den Erbschleicher. Josef die Petze. Jona den Hasenfuß.

Von ihm erzählte ich im Tierheim beim Tag der offenen Tür. Wie er absichtlich das Schiff in die falsche Richtung bestiegen hatte. Wie ihm erst im Bauch des Fisches, in tiefster Dunkelheit, ein Licht aufging. Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte heißt es da. Das Alte Testament ist ja voll mit Hinweisen auf Jesus.

Hinterher erzählten wir einer Frau aus dem Kirchenchor davon. Sie fragte:“Jona? Von einem Fisch verschlungen? Davon habe ich noch nie gehört.“

Also das gab mir zu denken. Diese Frau sang im Chor. Auch wenn der nicht sang, war sie sehr oft im Gottesdienst. Sie kannte die Geschichte von Jona nicht. Ich dachte: Dann wird sie auch andere herrliche Geschichten aus der Bibel  nicht kennen.

Aber wie kann das angehen, wo sie doch so oft in die Kirche geht? Ein Grund dafür: In der Kirche wird selten über Geschichten aus dem Alten Testament gepredigt. Und wenn, immer über dieselben. Es gibt einen Plan, die Perikopenordnung, mit Vorschlägen was für die Predigt dran ist.

Das meiste davon ist aus dem Neuen Testament. Alle paar Jahre geht es wieder von vorne los. Viele aufregende Geschichten aus dem Alten Testament kommen nie dran. Wer die Männer im Feuerofen waren, wie der kleine König Joasch vor der Königin Atalja jahrelang versteckt wurde, wie die Bundeslade nach Jerusalem kam, wie dem Absalom oder dem Simson ihre langen Haare zum Verhängnis wurden, und und und. Kommt alles nie dran.

Wenn Leute heute durch ein Museum gehen, Gemäldeabteilung, werden sie viele Bilder von bedeutenden Künstlern nicht verstehen. Dann denken sie, das ist vielleicht Mythologie. In Wahrheit ist es eine biblische Geschichte. Aber keiner kennt die Handlung, die Akteure.

Wir verarmen. Und nun kannst du das beklagen und bejammern, wie der Grundwasserspiegel sinkt im christlichen Abendland .

Du kannst dich darüber erhaben dünken und denken: Ich weiß Bescheid, ich kenne die Stoffe, die Helden, die fettgedruckten Stellen aus der Lutherbibel. Und du lehnst dich zurück, stellst die Bibel ins Regal und sagst: Wenn ich mal nicht weiter weiß, bei Bedarf, kann ich ja mal reinschauen.

So lassen die einen aus Hochmut und Besserwisserei die Bibel im Schrank. Andere, du vielleicht, einfach aus Nachlässigkeit. Die einstige gute Gewohnheit ist dir abhanden gekommen über dem vielen, was täglich deine Zeit und Kraft voll beansprucht.

Fang wieder an. Du hast doch ein Losungsbuch. Den Kalender, wo über jedem Tag ein Hoffnungswort aus dem Alten Testament steht.

Nimm dir täglich Zeit und schau hinein. Und dann lies nicht nur die Losung, das mag beim Frühstück reichen. Aber zu einer Zeit, wo du mehr Ruhe hast, nimm dir den vorgeschlagenen Abschnitt vor. Das ist nicht lang, oft nur ein halbes Kapitel. Denke darüber nach. Danach bete, rede darüber mit Gott. Die stille Zeit mit Gott soll ja ein Gespräch sein. Nicht einseitig, Lieber Gott mir fehlt das und das, Amen, Ende. So nicht. Sondern Beginn mit Lesen eines Bibelstücks. Dann Ruhe, darüber nachdenken. Merken, besser notieren, was einem wichtig ist. In das Losungsbuch oder in einen Kalender oder Tagebuch, oder sogar in die Bibel selbst, wie der Kollege in seine XXL-Ausgabe.

Das weckt Begeisterung. Wie bei Sarina. Die wurde getauft zusammen mit ihrer Zwillingsschwester, da war sie 11. Keine Vorkenntnisse. Die beiden bekamen eine Kinderbibel als Taufgeschenk. Mittwoch drauf kommt sie zur Gitarrenstunde. „Das Buch ist geil! Ich habs gleich durchgelesen.!“

Ihr ging es wie vielen anderen, die über Verteilaktionen von Evangelien oder Neuen Testamenten zu Jesus gefunden haben. Später hat sie als Konfirmandin den Glauben festgemacht zusammen mit ihrer Schwester.

Aber was ist mit denen, die es auch probiert haben die Bibel zu verstehen und ha ben nicht zu Jesus gefunden. Wie die Pharisäer hier. Sie haben das richtige Ziel vor Augen. Die richtige Landkarte. Die studieren sie eifrig. Aber den Weg zum Ziel, der überdeutlich eingezeichnet ist, gehen sie nicht und finden sie nicht. Dem Apostel Paulus, selber früher Pharisäer, ist das ein Rätsel. Es ist wie eine Decke vor ihren Augen, sagt er. Man könnte hinzufügen: Vor lauter Gesetzen und Geboten übersehen sie Jesus.

Wie meine Oma. Sie wollte die Bibel von Anfang bis Ende durch lesen. Sie fing bei der Schöpfung an, kämpfte sich durch die ersten 100 Seiten und blieb dann bei Mose hängen und irgendwelchen Gesetzen. Oder war es bei den 20 Seiten Inneneinrichtung der Stiftshütte. Oder bei den Kriegen von Josua. Das konnte nicht klappen. Allein geht man ein.

Leider kannte sie keinen Hauskreis. Wie es hier einige gibt. Wo sich Leute treffen und sich unterhalten über ein Stück Bibel, das sie gemeinsam lesen. Vorteil: Wo man selber vielleicht nichts findet, was mit Jesus zu tun hat in so einem Bibelabschnitt. Andere finden das. Man trägt zusammen, was man gefunden hat, auch was einzelne nicht verstehen. So macht Bibellesen mehr Freude.

Ansonsten: Lies, was dich anspricht. Wenn es dich befremdet oder du merkst, das ist für andere geschrieben, nicht für mich, blätter weiter. Bis Gott zu dir spricht.

Er tut es durch Geschichten, die du erstmals liest. Er tut es durch Geschichten, die du oft gelesen hast. Wo er dir aus etwas Bekanntem Neues zeigen möchte.

Und das ist dann wieder ein Grund, Sonntags hierher zu kommen. Wo du damit rechnen darfst:Ein Gedanke wird entfaltet in der Predigt, hab ich noch nie bedacht habe. Ein Aspekt, noch nie betrachtet. Und ein bekanntes Bibelstück fängt an einer ganz unerwarteten Seite zu leuchten an.

Und wenn du dann im Urlaub wieder mal durch eine Galerie gehst. Und stehst vor einem Bild nach einem dir fremden biblischen Motiv. Merk dir die Stelle, auf die es sich bezieht und lies sie nach. Und du kommst vielleicht auf den Geschmack. Und machst neue Entdeckungen in der Heiligen Schrift.

So wird dann Christus größer. Denn er spricht weiter zu uns. Er hat viele Weisen und viele Möglichkeiten. Aber mit Sicherheit spricht er durch dieses Buch. So haben wir ihn immer ganz nahe bei uns. So sind wir beschenkt. Und können immer wieder schöpfen aus dem Brunnen, der nicht versiegt.

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