Freude des Findens

Kennen Sie das Gefühl: Da ist etwas Wertvolles, ein Schmuckstück, vielleicht geerbt von den Großeltern, nicht zu finden. Ich mache das ganze Haus links, hebe Teppiche an und Schränke – und endlich finde ich es im Keller, weil kurz vorm Rasenmähen habe ich es dort abgelegt. Lachen über mich selbst und riesengroße Erleichterung, Freude. Ein Fläschchen Wein könnte ich jetzt aufmachen. Von diesem Gefühl erzählt Jesus in zwei Gleichnissen, die heute Predigttext sind:

1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. 3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: 4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? 5 Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. 6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. 7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. 8 Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? 9 Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. 10 So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

Der Groschen (die griechische Silberdrachme), von dem in der zweiten Geschichte die Rede ist, ist keine Kleinigkeit, es ist ein Zehntel des Vermögens der Frau. Wir erinnern uns an den Groschen (10 Pfennige) mit denen man Kinder losschickte, als es noch Bonbons für einen Groschen gab oder eine Kugel Eis. Der neutestamentliche Groschen ist wertvoll.

Hier geht es um reales Vermögen, ein Zehntel ihres ganzen Geldbesitzes vermisst die Frau. Das lohnt den Aufwand. Und darum wird gefeiert, kein rauschendes Fest, aber ein fröhliches Beisammensein mit dem, was gerade im Hause ist. Alle freuen sich mit ihr, weil sie dieses Gefühl kennen. Zusammen wird gelacht und sich gefreut.

Für den Hirten ist dieses Schaf eine Herzenssache und zugleich eine Existenzfrage. Er ist diesem Schaf verbunden, kennt es und er weiß, dass der Verlust eines Schafes ein großer wirtschaftlicher Schaden wäre. Darum riskiert er viel, lässt 99 Schafe zurück, vielleicht notdürftig eingezäunt – und sucht. Umso froher ist er, nachdem er sein Schaf gefunden hat und mit den zurückgelassenen Schafen ist auch nichts passiert. Er feiert mit Freunden und ist fröhlich.

Jesus erzählt seine Geschichten ja nicht, um uns zu unterhalten oder damit wir Anteil am Schicksal der kleinen Leute in Palästina nehmen. Er will uns etwas von der Größe Gottes erzählen, der immer wieder neu Menschen sucht, sie einlädt in seine Gemeinde und in sein Reich.

Letztendlich geht es Jesus darum, immer neu Beziehungsgeschichten zu erzählen. Geschichten von der Beziehung Gottes zu seinem Volk und zu den Menschen, die er geschaffen hat. Gott kämpft um die Menschen und er feiert, wenn es gelungen ist, eine verlorene Beziehung wiederzufinden.

Es geht hier für meinen Geschmack weniger um die Zöllner und Sünder, mit denen Jeus Tischgemeinschaft hat und auch nicht um die Pharisäer und Schriftgelehrten, die ihn kritisieren, es geht vor Allem um mich. Bin ich bereit, mit diesem Herrn, der sucht, zu suchen und zu feiern. Bin ich bereit mich einzulassen auf diesen Herrn, der Menschen, die sich verdient gemacht haben, links liegen lässt und stattdessen mit den Außenseitern, den Lästerern und Spöttern sich zu Tische setzt? Bin ich bereit auch mich in Frage zu stellen – und bin ich bereit, mich finden zu lassen, weil vielleicht ja auch ich es bin, der auf schlechten Wegen unterwegs ist.

Und wie gestalte ich mein Leben in der Nachfolge Christi? Ist mein Leben einladend und voller Freude über jeden, der sich finden lässt? Oder bin ich doch ein wenig eifersüchtig?

Der gute Hirte ist ja ein uraltes Bild, auf vielen kitschigen Kirchenfenstern und Kitschpostkarten festgehalten. Und auch anders fest gehalten in schönen wertvollen Bildern. Es ist ein kitschig-schönes und ein wertvolles Bild, das mir signalisiert: da ist ein Herr, der niemanden verlorengibt, der mich nicht verloren gibt und auch nicht Menschen, denen ich nichts Gutes zutraue. Das wünsche ich mir doch immer wieder, dass ich akzeptiert werde, einfach weil ich Mensch bin, ohne Verdienst. Und da höre ich: Es gibt den Herrn, der für alle Menschen da sein will und nicht nur für die Besten, für die Streber, für die, die immer schon alles richtig machen. Er will uns alle suchen und will für jeden Einzelnen und jede Einzelne ein Fest feiern.

Es geht – glaube ich – bei beiden Geschichten nicht um die Frage, wie liebevoll oder wie verzweifelt wird gesucht. Es geht um die Freude des Findens. Mit Gottes Freude ist es wie mit einem hart arbeitenden Hirten, der am Abend feststellt, dass ein Tier fehlt, dass Schaden droht und deswegen strengt er sich an, geht ein Risiko ein und empfindet umso tiefere Freude. Und diese Freude feiert er mit den Menschen. Und zu diesem Fest lädt der Herr selber uns ein, wenn er uns an seinen Tisch bittet, um das Mahl zu feiern.

Letztendlich geht es um eine Beziehung. Gott kämpft und feiert, wenn es gelungen ist, die verlorene Beziehung zu uns wiederzufinden.

Gott kann sich freuen und wir dürfen uns freuen und miteinander und mit Gott fröhlich sein. Es geht nicht um die rauschende Fete – so toll wird sie nicht gewesen sein bei der Frau oder bei dem Hirten. Wenn wir den sozialen Status eines Hirten im alten Israel bedenken. Es geht um die überbordende Freude, dass etwas wieder da ist, wie die Freude im Himmel, wenn jemand wieder da ist.

Wie schön, wenn christliche Gemeinden suchen würden, was sie verloren haben an Schwestern und Brüdern, an Zusammenhalt und gemeinsamen Gebet, an gemeinsamem Lesen in der Bibel und leidenschaftlichem Diskutieren von Gottes Wort.

Gott freut sich über alles, was sich wieder findet – und seine Gemeinde?

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