Ganz erfüllt (Jesaja 6, 1-13)

Würde man man mich fragen, welche Träume ich in meinem Leben noch verwirklichen möchte, dann käme spontan die Antwort, ein Stück des Jakobsweges nach Santiago de Compostela zu pilgern, ganz nach dem Motto: Ich bin dann mal weg…
Das hat sicher etwas mit meiner Wanderleidenschaft zu tun. Unterwegs, wenn man einfach nur läuft und die Umwelt um sich herum wahrnimmt, Land und Leute bei dieser aktiven Form der Fortbewegung auf sich wirken lässt, seinen Gedanken konzentriert oder aber einfach mal absichtslos nachgehen kann, klärt, verändert und relativiert sich vieles. Pilgertagebücher erzählen davon und auch nicht religiöse Menschen wissen von beeindruckenden spirituellen Erfahrungen auf solchen Wegen zu berichten, die sie vielleicht nicht spirituell nennen würden, die es aber nach meiner Wahrnehmung sind. Gott meldet sich eben auch einmal unangemeldet und ungefragt zu Wort und verschafft sich Gehör und wer so unterwegs ist, kann eben nicht einfach auf Durchzug schalten, sondern ist auf Empfang gestellt. Dazu ist er oder sie unterwegs.
Mein Wunsch einmal in Santiago Compostela, in der Kirche zu stehen, die der Überlieferung nach über dem Grab des Apostels Jakobus erbaut wurde, zuerst im 8.Jahrhundert, die heutige Kathedrale dann im 11.Jahrhundert erbaut, dort, wo man lange Zeit das Ende der Welt vermutete, hat aber auch etwas mit dem beeindruckenden Spektakel zu tun, dass dort stattfindet. Wer die Kirche betritt nimmt das riesige Weihrauchgefäß wahr, Botafumeiro genannt, dass zu besonderen Anlässen bedient und benutzt wird. Es ist 1, 60 m hoch und 54 Kg schwer, es hängt an einem 66 m langen Seil. Über den Einsatz kann man lesen: „Am Ende des Hochamtes von acht Männern in Schwung gesetzt, schwingt er mit ca. 65 km/h durch das Querschiff. Am Tiefpunkt der Kreisbahn berührt er beinahe den Boden. Um dem Weihrauchfass nach und nach die notwendige Energie zu geben, verkürzen die Männer das Seil durch Ziehen beim Durchgang durch den Tiefpunkt etwas nach oben, und lassen es bei der maximalen Auslenkung an den Wendepunkten wieder um die gleiche Strecke los, wodurch die tatsächliche Bewegung von einer Kreisbahn geringfügig abweicht und zu einer Ellipsenflanke wird. Da bei der Benutzung des Botafumeiro Kosten entstehen, wird er nicht bei jeder Messe gebraucht, sondern lediglich zu besonderen Anlässen sowie gegen Kostenübernahme durch Sponsoren oder Einzelpersonen.“
Ich gebe zu, dass ich nicht genau weiß, wie ich auf so viel Weihrauch reagieren würde und schmunzeln musste ich, als ich las, dass der Weihrauch auch wegen des Geruches der Pilger eingesetzt wurde, die vor dem Hochamt jeweils eine ganze Nacht in der Kathedrale verbracht haben. Aber dieses Schauspiel, diese Inszenierung, hat etwas beeindruckendes. Das ganze Haus wird erfüllt, von den Gesängen der Pilger, den Gebeten, der Musik, dem Rauch, dem Duft. Da ist eine Dynamik, eine Kraft, eine Bewegung, die keinen unberührt lässt – so stelle ich es mir jedenfalls vor. Und ich wäre gerne einmal Teil des Ganzen, wenn ich mir Wünsche erfüllen dürfte…oder erfüllen sollte….. Vielleicht ist es auch die Sehnsucht, einmal dem Propheten Jesaja nachzuspüren. Seine Tempelvision ist ebenso beeindruckend und ganz ähnlich. Besonders eindrücklich ist, wie mit vielen starken Worten erzählt wird, dass er eigentlich in seiner Vision von Gott nur wenig mehr als Nichts sieht. Wie sollte er auch… Man muss sich die Szene von hinten her erschließen: die Schwellen bebten von den Rufen der Serafim und das ganze Haus war voll Rauch. Was will ich da sehen? Ich kann eigentlich nur fühlen, das Beben in mir spüren, mich in den Rauch eingehüllt wahrnehmen. „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.“ Genau diese Fülle erlebt der Prophet: der Gesang, der Rauch, das Lob Gottes erfüllt das ganze Haus. Es ist ein musikalische Beben, wir würden vielleicht sagen „Gänsehaut pur“, das ihn berührt. Die Seraphim bedecken Gesicht und Unterleib, liebevoll und etwas beschämt ist von den Füßen die Rede, eigentlich sind sie nackt. Und der Saum des göttlichen Gewandes erfüllt den ganzen Tempel, da ist kein Platz für nichts mehr.
Was also sieht der Prophet: bedeckte Serafim , die er nicht wirklich sieht, ein wallendes Gewand, hinter dem er auch nicht wirklich etwas sieht und vor allem Rauch, durch den hindurch er eigentlich gar nichts sehen kann. Aber er nimmt dennoch Gott in seiner ganzen Größe und Herrlichkeit wahr und hat das Gefühl ihm leibhaftig begegnet zu sein. So ist das nämlich mit den Begegnungen mit dem Heiligen. Wer es nicht selbst erlebt hat, wer da rein rational an die Sache herangeht, wird für alles eine sogenannte vernünftige Erklärung haben, wer das Unbegreifliche erlebt hat, wird erschüttert sein in den Grundfesten und Grundüberzeugungen seines Lebens. Wem Gott begegnet, der kann nicht unverändert aus so einer Begegnung hervorgehen, auch wenn er nicht genau beschreiben kann, was er gesehen hat, was mit ihm geschehen ist Und wer sich auf solch einen (Pilger)weg macht z.B. in den Tempel oder in die Kathedrale, der hofft natürlich auf Begegnungen mit Gott, mit dem Göttlichen, der sucht die Veränderung,, vielleicht ja in diesem ehrwürdige Haus am Ende der Welt, das ganz erfüllt ist von Weihrauch, Gebeten und Hoffnungen der Pilger – jedenfalls wenn gerade ein Hochamt gefeiert wird.
Natürlich sieht er auch dort Gott nicht und bei aller tiefen Berührung ist Gott greifbarer als sonst. Auch die Gebildeten unter seinen Verächtern werde ich so nicht von seiner Existenz, seiner Größe und Herrlichkeit überzeugen können. Aber der Lobgesang seiner Herrlichkeit, der Klang, den der versammelte Glaube der Pilger annehmen kann, mit dem er Gestalt gewinnt, erreicht vielleicht dennoch das Herz und überwindet manche Einwände, auch wenn sie heute andere wären als beim Propheten im alten Israel. Heilige Orte muss ich nicht verstehen, sondern erleben. Den Lobgesang darf ich an mein Herz lassen und werde so erst Teil des Gesanges.
Von daher ist es gut, dass wir am Trinitatissonntag in dieses alte Gotteslob mit hineingenommen werden. Kaum noch einer weiß, was für ein Hochfest Trinitatis einmal war. Vielleicht erahnen wir es, wenn wir uns an einen großen Hymnus, der Jesaja 6 aufnimmt, erinnern: Großer Gott, wir loben dich…
Für uns wird Trinitatis heute eher zu einer intellektuellen Herausforderung als zu einem sinnlichen Erlebnis. Wir fühlen uns gezwungen, zu erklären, was der Glaube an den dreieinigen Gott bedeutet, versuchen den Widerspruch eines drei-einen Gottes zu überwinden, und fallen dabei aus der Anbetung der Geheimnisse Gottes in die Erklärung des Unergründlichen. Aber ich kann Gott nicht besser erklären als Jesaja beschreiben kann, was er alles sieht oder besser : nicht sieht. Ich kann nur den Lobgesang anstimmen. Mein Lob der Herrlichkeit und Gegenwart Gottes hat verschiedene Strophen, vielleicht nicht wie bei Paul Gerhard 15, aber mindestens drei.
Ich lobe den Schöpfer, dessen Phantasie und Schöpferkraft gerade in dieser Jahreszeit so wunderbare Bilder malt, solche Landschaften gezaubert hat. Paul Gerhard hat das begriffen und wunderbar in Worte gefasst. Es gilt diese Schöpfung zu erleben, sie als Geschenk und Gabe feiern, sie zu bewahren und so Gott zu loben und ihn groß zu machen. Das ist Glaube an den Schöpfer. Und Einsatz für Umwelt- und Klimaschutz ist dann nicht mehr nur Realpolitik, sondern ebenso gelebte Verantwortung vor diesem Gott. Wenn ich darüber verzweifle und frage: wo ist denn nun Gott, weil die Schöpfung entzaubert und als Wirtschaftsgut zum Ausbeuten freigegeben ist, wenn ich neben den Schönheiten die Grausamkeiten nicht nur der Menschen, sondern auch der Naturgewalten erlebe, dann halte ich mich an Jesus von Nazareth,. Er hat den Menschen Gottes Nähe vorgelebt hat, Gott erfahrbar gemacht, hat ihm ein menschenfreundliches Gesicht gegeben und einen tiefen Blick in Gottes Herz mit seinen Worten und Taten ermöglicht. Ich kann nicht länger von Gott reden ohne den Namen Jesu zu nennen. Frage ich nach Gottes Willen, dann kann ich fragen: was würde Jesus dazu sagen; verstehe ich Gott nicht mehr in den Abgründen meines Lebens, dann bete ich: meinen Jesum lass ich nicht…Denn ich glaube an Jesus Christus.
Manchmal bin ich ganz erfüllt davon, dann spüre ich die ganze Kraft des Evangeliums, bin ganz unruhig und voller Tatendrang, ganz gewiss und zuversichtlich, im besten Sinne des Wortes begeistert. Gottes Kraft hat mich berührt, sein Atem belebt, sein Geist erfüllt, mein Herz brennt und die Erinnerung der Taten Gottes wird meine Gegenwart und trägt mich heute. Ja, ich glaube an den Heiligen Geist.
Darum versammeln, feiern und beten wir gemeinsam im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Da ist nicht nur der Intellekt gefragt, sondern die Wahrnehmung des Herzens, seine Augen, mit denen man wahrhaft gut sieht. Das ist auch keine Frage des Alters, sondern der Offenheit und Neugierde des Herzens, das erfüllt und berührt sein will. Da kann ich eigentlich nur singen und anbeten:
Heilig , heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.
So ist es, Amen!

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