Beten, singen und die Fresse halten!

Der Anzug passt noch! Erleichtert binde ich schnell die rote Krawatte, bürste noch kurz über die schwarzen Schuhe und dann geht’s los. In der Kirche angekommen, will ich nicht unbedingt in die erste Reihe. Nicht aus falsch verstandener protestantischer Bescheidenheit; ich mag einfach meinen Platz in der Mitte – und von dort aus warte ich gespannt.

Den Blick schweifen lassend hänge ich meinen Gedanken nach. Pfingsten. Kirchengeburtstag. Leider ohne Torte, aber das liegt bestimmt daran, dass es dieses Fest immer schon schwerer hatte als Weihnachten oder Ostern. Dabei sind das doch gerade die Feste, die auch getrost ohne mich stattfinden könnten. Immerhin ist es Jesu Geburt, die wir an Weihnachten feiern und Ostern ist es Jesus, der aufersteht. Pfingsten gibt es nur Rosen statt Weihnachtspäckchen und schmückt das Fest mit Maien“  statt  „O Tannenbaum“, aber dieses Fest könnte und würde es ja gar nicht geben, geschähe nicht auch etwas an und mit mir. (Vgl.: W. Engemann: PSt, II. Bd.,Stuttgart 1993,S.83). Also lehne ich mich zurück, überlasse dem Heiligen Geist das ganze Feld und lasse mir Mut machen zur Gemeinsamkeit.

Während ich mich noch über diese Erkenntnis freue, lasse ich den Blick weiter durch das Kirchenschiff wandern. Nicke hier, nicke da, sehe den Chor und freue mich immens darüber, dass sich die Frauen und Männer der Kantorei auch auf diesen Tag vorbereitet haben.

Aber so kurz vor Beginn des Gottesdienstes meldet sich auch ein bisschen Wehmut an. Der, um den es heute geht, ist ja gar nicht da. Jesus ist schon weg. Vorausgegangen. Oder ist er doch da? Das Pfingstfenster hinten im Chorraum leuchtet in diesem Moment leider nicht besonders hell und die Sonne bringt die Taube, die über dem ganzen Geschehen thront, nicht besonders zum Leuchten. Die letzten Tage war das anders. Aber er ist trotzdem anwesend, beruhige ich mich und warte darauf, dass die Kantorei zu Singen beginnt.

Vorher wird die Kirche noch voller, das Murmeln der Besucherinnen und Besucher füllt schnell die Kirche aus. Ein bisschen klingt es wie ein leichtes Brausen, dieses leise Stimmengewirr. Ich schnappe einzelne Sprachfetzen auf:

Es war wirklich eine schlimme Woche.

Wie schön Sie hier zu treffen.

Hast du die Herdplatte ausgemacht?

Dieses Bild auf Instagram…!

So viel Verschiedenheit an einem Ort vereint. Ich finde das unglaublich beruhigend. So viele Gedanken, so viele Wünsche, so viele Geschichten und sie alle haben Platz in diesem Raum.

Währenddessen bleibt die Sonne  hinter einigen Wolken verschwunden. Zumindest strahlt das Pfingstbild im Chorraum immer noch nicht hell. Aber das passt jetzt, denn die Farben der Gegenwart sind ja gerade auch nicht allzu bunt und manchmal frage ich mich, ob das Ganze hier überhaupt noch eine Zukunft hat? Und wenn ja, was für eine?

Ich versuche mir vorzustellen, wie es den Jüngerinnen und Jüngern ergangen sein muss, als die erfahren haben, dass Jesus weggehen wird. Die Verzweiflung über diese Ankündigung war sicher grenzenlos. Vielleicht haben einige geweint, sicher waren viele traurig. Was erwartest du auch, denke ich, wenn die Situation um dich herum schon schwer genug ist und dann auch noch einer Abschied nimmt?!

Wahrscheinlich ist Pfingsten gar kein Feiertag im klassischen Sinn. Vielleicht ist Pfingsten einfach nur immer wieder der Versuch jeder Generation die Erfahrung mit der Unmittelbarkeit Gottes je für sich neu zu lernen? In aller Bedrängnis, in aller Not, in all der Traurigkeit trotzdem wissen, dass es da eine Hoffnung gibt? (Vgl.: E. Drewermann: Dass alle eins sein, Düsseldorf 1992, S. 77). Dass gerade Pfingsten dann ein frühsommerliches Freuden-Fest geworden ist, muss darin seinen Grund haben.

Um mich abzulenken, schaue ich mich wieder in der Kirche um, aber es hilft nichts! Auch am Geburtstag muss es die Möglichkeit geben, nachdenklich zu sein. Wieder ein Jahr älter – also auch Zeit für ein Resümee.

Und während ich hier in meiner Bank sitze, die zwar in einem gut gefüllten Kirchenschiff steht, in dem aber alle ausreichend Platz und Luft zum Atmen haben, muss ich an das Anti-Pfingsten denken, dass sich tagtäglich vor den Augen der Öffentlichkeit abspielt:

1500 Menschen fallen mir ein. Alle auf einem Boot, nur wenige Toiletten, die Sanitäreinrichtungen nicht annähernd ausreichend. Das Schiff ankert vor Sizilien, darf nicht in den Hafen, weil dort in Taormina sieben mächtige Frauen und Männer beraten. „Gemeinsam beraten“ denke ich, aber ich korrigiere mich sofort, nach Gemeinsamkeit sahen die Fernsehbilder wirklich nicht aus.

Zwar stehen diese Menschen alle gemeinsam auf einer Terrasse und schauen auf das ruhige Mittelmeer, aber nicht nur bei der Übersetzung der einzelnen Redebeiträge haperte es wohl an Fingerspitzengefühl, auch der Umgang miteinander hat Möglichkeiten zur Verbesserung.

Aber während die Herrschenden aneinander vorbei oder über die Anderen reden und deshalb das Schiff mit den 1500 Menschen unter katastrophalen Bedingungen immer noch auf dem Mittelmeer schwimmt und nicht in den Hafen einlaufen darf, erzählt das biblische Pfingsten endlich mal eine Globalisierungsgeschichte, die gut ausgeht.

In der Pfingstgeschichte sind es die zwölf Apostel, die, zunächst verlassen, jetzt aber ermutigt durch den Heiligen Geist alle Angst fahren lassen, aus ihrem Versteck kommen, hinaus auf die Straßen eilen und erstaunlicherweise von In- und Ausländern gleichermaßen verstanden werden.

Aus dem Nichts heraus werden diese Männer, und sicher auch Frauen, von einer Geistkraft ergriffen, die sie wie ein Sturm überkommt. Und die Menschen, die sich da herauswagen sind Fischer, einfache Männer und Frauen. Keine Avantgarde, keine Künstler, keine Politiker. Diese Menschen sind keine Diplomaten und erst recht keine Sprachgenies.

Und trotzdem sprechen sie alle „zu einer Menschenmenge aus aller Herren Länder; und es geschieht das, was diese Geschichte so wundervoll macht: Jeder hört diese Männer in seiner Sprache reden. Dabei ist es gar nicht so, als hätte der Geist ihnen schnell Fremdsprachen eingetrichtert; sie haben plötzlich vielmehr die Gabe, über alle Sprachbarrieren hinweg Menschen aller Nationen und Kulturen zu erreichen.“ (Vgl.: H. Prantl: Anti-Pfingsten, SZ, 13. Mai 2016)

Dass mag schon damals manchem politischen Zeitgenossen nicht gut gefallen haben, der es damals wie heute lieber gesehen hätte, dass die Kirche sich raus halten soll und ansonsten beten, singen und die Fresse halten.

Genau das Gegenteil ist Pfingsten!, denke ich und lächle dabei. Der Geist Gottes stiftet die Menschen an sich einzumischen. Verleiht ihnen eine Stimme und so Gemeinschaft. Alle behalten ihre Eigenheiten, aber alle verstehen sich. Es war Paulus, der einst den Satz geprägt hat: „Hier sind nicht Juden noch Griechen, hier sind nicht Sklaven noch Freier, hier sind weder Mann noch Frau.“

Alle eins! Aber in der Welt um mich herum sieht das anders aus. Hier und dort erhebt sich allzumal ein Ungeist, der kräftig weht und die Gedanken durcheinander bringt. So schlimm, dass manch einer nach so einem fatalen Brainstorming ernsthaft denkt, nur alleine käme man weiter.

Und nicht nur Menschen auf Inseln; auch die, die mitten in Europa wohnen, möchten gleich am Liebsten ihr ganzes Land mit Stacheldraht einwickeln. Und auch bei uns gibt es wirre Kräfte, die die Spaltung der Gesellschaft vorantreiben, indem sie andere denunzieren oder bewusst falsch zitierten. Es ist ausgesprochen unerhört und regelrecht beschämend wie diese Gruppen und Parteien gerade das christliche Abendland gegen Flüchtlinge und Andere beschwören. Aber die Wahrheit Gottes, nicht nur zu Pfingsten, ist doch eine andere: Was Menschen trennt, spaltet, unterdrückt, erniedrigt, was andere ins Abseits stellt, was Menschen tötet mag den Namen Gottes tragen, aber es führt ihn zu Unrecht!

Der Pfingstgeist verliert dann seine Kraft, wenn das Wir-Gefühl, dass die Apostel einst erlebt haben, und das auch den Jüngerinnen und Jüngern Halt in schweren Zeiten gegeben hat, kritiklos aufgegeben wird.

Und ich denke noch, das Pfingsten Mut bedeutet.

Und das es Mut braucht, um Beziehungen aufzunehmen.

Dass es Mut braucht, sich einzumischen und andere Wege aufzuzeigen.

Eine Stimme zu haben und diese zu nutzen.

Pfingsten, denke ich, ist der Geburtstag der Sehnsucht nach verlässlichen, tragenden Beziehungen in einer unsicheren Welt. Diesem Geist möchte ich den Weg frei machen und mich einmischen. Singen und beten mag ich. Die Fresse halten kann ich nicht. Alles andere wäre auch unpfingstlich.

AMEN.

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