Von allen guten Geistern verlassen? (Genesis 11, 1-9)

Die Welt ist klein geworden“ dachte er bei sich. Es braucht nicht mehr 80 Tage, um einmal um die ganze Welt zu reisen. In wenigen Stunden kann ich von einem Ende der Welt zum andern gelangen, kann heute hier und morgen dort sein. „Ich habe schon so viel gesehen“ „bin Weltbürger, überall zu Hause und irgendwie auch nirgends…“ Er war gerne unterwegs, wäre aber auch gerne einmal irgendwo wirklich angekommen, um zu wissen, wo er hingehört. Der Mensch braucht ein Zuhause.
Weltanschauung heißt heute wahrhaftig die Welt mit eigenen Augen anzuschauen und dabei zu sehen, welche Wunder die Natur bereit hält, wie unterschiedlich Kulturen Städte und Landschaften geprägt und verändert haben, wie vielfältig und unterschiedlich Menschen in ihrem Aussehen und in ihrem Leben sein können. Eigentlich bräuchte man Zeit, viel Zeit, um sich wirklich darauf einlassen zu können. Heidi Hetzer hat sich mit fast 80 Jahre alt zwei Jahre Zeit mit ihrem 90 Jahre altem Oldtimer gelassen, um alle Kontinente einmal zu durchqueren. Grenzen, unterschiedliche politische Systeme, technische Probleme, gesundheitliche Schwierigkeiten, nichts konnte sie von dieser verrückten Idee wirklich abhalten und so beendete sie im März ihre Weltreise dort, wo sie begonnen hatte: in Berlin.
Gerade verlassen viele Jugendliche nach bestandenem Abitur die Schule. Und auf die Frage, was sie machen wollen, antworten nicht alle, dass sie jetzt zum Studium in eine der begehrten großen oder mit Bedacht in eine der kleinen überschaubaren Universitätsstädte gehen, um zu studieren. Viele nehmen sich erst einmal ein Jahr Zeit, um zu reisen. Ein Jahr in Amerika, Kanada, Australien oder Neuseeland: „work and travel“ heißt das Stichwort und verspricht: “Es ist dein Traum, einmal nicht nur Tourist zu sein, sondern wahrlich einzutauchen in die Kultur und das Lebensgefühl eines Landes? Dann wage den Sprung ins Abenteuer und erlebe ein Auslandsjahr! Sei mittendrin statt nur dabei – ganz gleich, ob als Schüler oder Erwachsener, ein Auslandsjahr wird dich begeistern und bereichern.“
Die Sprache ist für die meisten jungen Leute kein Problem. Schon im Kindergarten haben sie angefangen spielerisch Englisch zu lernen. Später kam vielleicht ein Ferienkurs in England oder ein Austauschjahr dazu und außerdem: im weltweiten Netz ist man eh englisch unterwegs und kann gar nicht anders kommunizieren, wenn man wirklich weltweit vernetzt sein will. Es fällt also leicht von der Muttersprache ins Englische zur wechseln.Und selbst mir passiert es im Ausland, dass ich wie von allein versuche, mich mit meinem gebrochenen Englisch verständlich zu machen.Es gibt längst die eine globale Sprache, die Menschen verbindet, Brücken schlägt, zusammenführt, Verständigung möglich macht….
Eigentlich beste Voraussetzung für die Völkerverständigung. Wenn Menschen sich untereinander verständigen können, kann das Verstehen doch nicht mehr so schwer, Konflikte vermeidbar und der Frieden viel leichter möglich sein. Damit haben sich die Verhältnisse seit der Urzeit, von der der biblische Erzähler berichtet buchstäblich umgekehrt: die über die ganze Welt verstreuten Völker sind zusammengerückt und haben in ihrem Sprachwirrwarr zusammengefunden. Wir begegnen einander und verstehen einander, trotz unserer vielen Muttersprachen.
Szenenwechsel: die Reise muss ja nicht immer ins Ausland führen. Heut soll es mit der Bahn nur einige wenige hundert Kilometer weit gehen. Es ist kalt und zugig auf dem Bahnhof, die Ansagen unklar und undeutlich und die Verbindungen haben sich kurzfristig geändert. Aus den Lautsprechern klingt schwer verständlich die Aufforderung zum „Servicepoint“ zu gehen. Gegen die zugige Kälte auf dem Bahnsteig hilft vielleicht die geheizte „Lounge“, die Kunden der ersten Klasse, mit „Bahncard“ oder mit den entsprechenden Bonuspunkten nutzen können. Das „Handy“ meldet neue Nachrichten im „Messenger“, es werden eben noch einmal die News im Ticker gecheckt. Am Flughafen würde es dann irgendwann heißen: Boarding time, bitte zum Gate 9. Es geht los, also ab zum Bahnsteig neuen und in den Zug einsteigen und hoffen dass das „Serviceteam“ einem weiter hilft.
Manche beklagen den Verlust der eigenen Sprache, eine Gleichmacherei durch das sogenannte Denglisch, weil es die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten einschränkt. jede Sprache für sich kennt ganz eigene Ausdrucksmöglichkeiten, die man nicht ein zu eins in eine andere Sprache übersetzen kann und mit jeder menschlichen Sprache, die verschwindet, mit jedem Direkt der ausstirbt, schwindet auch kulturelle Vielfalt und kultureller Reichtum. Seit vielen Jahren wird als Ausdruck dieser Vielfalt in Berlin der Karneval der Kulturellen gefeiert. Da wird Pfingsten zum Fest der Vielfalt und der Neugierde auf das Andere, Unbekannte und Fremde.
Ich bin froh, dass wir in einer so bunten und vielfältigen Welt leben dürfen. Ich bin froh, dass die Welt unserer Kinder nicht eng und klein ist, so eng, dass sie nie herauskommen aus dem, was ihnen schon in die Wiege gelegt wurde. Ich bin froh, dass Bildungsmöglichkeiten Entwicklungschancen sind und Grenzen sprengen können. Ich hoffe, darauf das wirkliches Weltanschauung Welt- und Völkerverstehen mit sich bringt.
Ich bin froh, dass es so viele Bemühungen gibt, auch in Fragen des Glaubens aufeinander zu hören statt gleich mit dem Anspruch der eigenen uneingeschränkten Wahrheit andere auszuschließen. Religiöser Fundamentalismus schlägt so leicht in religiös begründete Gewalt um. Die christlichen Konfessionen haben es mittlerweile gelernt, nach beinahe 500 Jahren Spaltung seit der Reformation, sich gegenseitig als Bereicherung mit den je eigenen Traditionen wahrzunehmen statt zu verdammen. In Rumänien sprach ein orthodoxer Geehrter von den verschiedenen Schätzen, die die Konfessionen in ihrer je eigenen Tradition haben, die man nicht gleichmachen sollte, die gleich gültig sein, aber nicht zu Gleichgültigkeit verleiten dürfen. Wir haben gelernt, unsere jüdischen Wurzeln wiederzuentdecken und können uns vielleicht auch von unseren muslimischen Nachbarn zu größerer Ernsthaftigkeit des Glaubens im Alltag verleiten lassen. Dazu braucht es nicht eine Sprache, aber gegenseitigen Respekt und gegenseitiges Interesse bzw. Neugierde. Der diesjährige Kirchentag in Berlin und Wittenberg mag in den Medien ja ganz unterschiedlich bewertet werden. Man kann darüber streiten, ob solche Treffen zeitgemäß sind. Aber er hat diesen Respekt, die Neugierde und den Reichtum in aller Verschiedenheit gelebt. Von daher ist er Nahrung für den Traum von einem friedlichen Miteinander, das wir allen Menschen wünschen. Auch er ist damit ein Gegenentwurf zu dem, was die Bibel von Anfang an von den Menschen erzählt: ihr Problem von allem Anfang an ist das Miteinander in Respekt und Achtung. Ihre Sünde ist der nur mühsam unterdrückte Versuch zu herrschen, andere zu beherrschen und damit zu unterdrücken.
Der Wunsch, sich einen Namen zu machen, einen Turm zu bauen, der den Himmel berührt, den Himmel zu stürmen und Gottes Platz einzunehmen, ist ein maßloser Machtanspruch, der nur in den Abgrund führen kann. Und er ist immer nur der Anfang allen Tuns. Es wird nie genug sein. Reichtum ist gut, mehr Reichtum ist besser; Macht ist gut, mehr Macht ist noch besser…wer will da Einhalt geboten, begrenzen, bescheiden?
Die Einsicht ist doch eigentlich längst da, dass wir Zukunft nicht gegeneinander und nicht mit Herrschaft übereinander gewinnen: es gibt kein „Deutschland zuerst“ oder „Amerika zuerst“, kein „die Christen zuerst“ , dann käme als nächstes „die Jungen zuerst“, „die Gesunden zuerst“, „die Reichen zuerst“ und alle/alles andere blieb auf der Strecke.
Das ist immer nur der Anfang. Und das Ende?
Die biblische Erzählung lässt es offen und berichtet ironisch, wie Gott, um sich den Herrschaftsanspruch, die Machtphantasien der Menschen anzuschauen, erst einmal näher herankommen muss, um überhaupt etwas zu erkennen. Wie lächerlich, will der Erzähler sagen, wie gefährlich weiß er aber auch, nicht für Gott, sondern für uns!
Diesem Geist will Gott wehren. Sonst ist der Mensch für alle Zeit von allen guten Geistern verlassen, besessen von seinen Allmachtsphantasien und dem Verderben ausgeliefert.
Aber Pfingsten ist das Fest des guten Geistes. Gottes Geist spricht eine andere Sprache, diesen Geist verheißt uns Gott und an diesen Geist erinnert das Wasser der Taufe oder mit einem Gedanken/Gebet von Wilhelm Willms gesagt:
Wir möchten nicht
dass unser kind
mit allen wassern gewaschen wird
wir möchten
dass es
mit dem wasser der gerechtigkeit
mit dem wasser der barmherzigkeit
mit dem wasser der liebe und des friedens
reingewaschen wird
wir möchten
dass unser kind
mit dem wasser christlichen geistes
gewaschen
übergossen
beeinflusst
getauft wird
wir möchten selbst das klare
lebendige wasser für unser kind
werden und sein
jeden tag
wir möchten auch dass seine paten
klares kostbares lebendiges wasser
für unser kind werden
wir hoffen und glauben
dass auch unsere gemeinde
in der wir leben und dass die kirche
zu der wir gehören
für unser kind das klare kostbare
lebendige wasser der gerechtigkeit
der barmherzigkeit der liebe
und des friedens ist
wir möchten und hoffen
dass unser kind das klima
des evangeliums findet
wir möchten nicht dass unser kind
mit allen wassern gewaschen wird
deshalb in diesem bewusstsein
in dieser hoffnung
in diesem glauben
tragen wir unser kind zur kirche
um es der kirche
der gemeinde zu sagen
was wir erwarten für unser kind
was wir hoffen für unser kind
wir erwarten viel
wir hoffen viel

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