Un-fassbar!

„Un-fassbar!“
Predigt am Himmelfahrtstag, 25. Mai 2017, über 1. Könige 8, 22-4.26-28
in den Herrenhäuser Gärten
Liebe Gemeinde,
Nichts ist undenkbar in Gottes Haus. Mülltüten unter dem Altar und eine in die Jahre gekommene Pflanze, ein Rabe auf dem Altar und ein Streit um ein Kreuz mit oder ohne Corpus. Wie eine Kirche eingerichtet wird, ob sie wohnlich sein darf und gemütlich, darüber gibt es hin und wieder Streit. Ob Gott sich da wohlfühlen würde? In einer Kirche mit Yucca-Palme? Was wir da eben gesehen haben, ist gar nicht weit weg von der Realität. Manche sagen: es ist unfassbar, wenn eine gehäkelte Decke auf dem Altar liegt, andere finden, eine Kirche müsse auch gemütlich sein, wieder andere brauchen es ganz karg und weiß.
Herrmann van Veen, niederländischer Chansonnier, erzählt in seiner Geschichte von Gott davon, dass Gott nach langem Zögern nach Hause kommt und unten im Tal ein neues Gebäude entdeckt, eine Kirche. Weiter heißt es: „Dieser Raum hing voll mit allerlei merkwürdigen Bildern, viele Mütter mit Kind mit Reifen überm Kopf und ein fast sadistisches Standbild von einem Mann an einem Lattengerüst. Und der Raum wurde erleuchtet von einer Anzahl fettiger, gelblich- weißer, chamoistriefender Substanzen, aus denen Licht leckte. Er sah auch eine höchst unwahrscheinliche Menge kleiner Kerle herumlaufen mit dunkelbraunen und schwarzen Kleidern und dicken Büchern unter müden Achseln, die selbst aus einiger Entfernung leicht modrig rochen. Komm mal her! Was ist das hier – Was ist das hier Das ist eine Kirche, mein Freund. Das ist das Haus Gottes, mein Freund Ah, wenn das hier das Haus Gottes ist, Junge, warum blühen hier dann keine Blumen, warum strömt dann hier kein Wasser
und warum scheint dann hier die Sonne nicht, Bürschchen Das weiß ich nicht.“
Tja, die Vorstellungen über Gottes Haus gehen weit auseinander. Es soll offen sein und hell – sagen die einen. Es muss zur Einkehr auffordern, sagen die anderen. Ein Ort zum Beten oder ein Ort zum Feiern, ein Ort der Stille oder ein Platz, wo ich etwas von Gott erfahre, ein Raum, der meine Sinne anspricht oder ein Ort, der mich ins Innere führt? Keine Kirche kann alles auf einmal sein.
Schon, wenn wir Gottes Haus sagen, ist das nicht eindeutig. Wie könnte Gott ein eigenes Haus haben?
Darauf macht das Gebet des Salomo aufmerksam, der Predigttext für den heutigen Tag. „Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich, Gott, nicht fassen – wie sollte es dann dieses Haus tun, das ich gebaut habe?“ In seinem Gebet erkennt Salomo die Grenzen von Menschen. Und das in dem Moment, wo er den Tempel einweiht, nach dem sich viele so lange gesehnt hatten. Endlich ein Haus für Gott! Im ganz alten Israel gab es keinen Tempel. Gottes Gegenwart war durch die Stiftshütte gekennzeichnet, ein Zelt, das mit den Israeliten mit wanderte. Das war leicht und mobil. Und jetzt: ein Haus, verglichen mit den anderen Häuser der Stadt – ein Palast. Groß muss es sein für Gott. Eine Kathedrale, ein Dom. Denn Gott ist groß, so groß, dass er nicht zu fassen ist. Bei aller Größe aber reicht kein Gebäude der Welt aus, um Gott zu fassen.
Un-fassbar: so haben wir die Überschrift für diesen Gottesdienst gewählt. Bewusst doppeldeutig. Gott ist nicht zu fassen, nicht zu greifen.
Unfassbar ist nicht nur Gott. Unfassbar ist, was uns in diesen Zeiten so häufig begegnet. Nicht in Worte zu fassen. Das Elend der Hungernden und der perverse Reichtum der Reichen. Unfassbar – das politische Gebaren eines amerikanischen Präsidenten oder eines türkischen Alleinherrschers. Unfassbar, was an Nachrichten an unsere Ohren dringt. Diese Welt ist so schwer mit Händen zu greifen. Wer will und kann schon alle Zusammenhänge greifen und deuten. Wie da Wirtschaft und Politik zusammengehören, wie die Erdölpreise und die Waffenindustrie das Weltgeschehen beeinflussen, wie da die Natur mehr und mehr vor die Hunde geht und es so schwer ist, Einhalt zu gebieten. Wie oft ist mir das gerade in den letzten Monaten durch den Kopf gegangen: unfassbar! Die vielen Millionen Menschen auf
der Flucht, die Ertrinkenden im Mittelmeer, gleichzeitig die Zeichen der Abschottung. Die vielen kleinen und großen Kriege, die es nicht einmal in die Nachrichten schaffen. Und dieser elende Terror, der jetzt vielen jungen Menschen das Leben gekostet hat. Mitten in der Feier des Lebens – der Tod. Unfassbar!
Unfassbar im Großen und unfassbar manchmal auch, was ich erlebe. Von Zeit zu Zeit die Meldungen, die uns im engsten Umfeld erreichen. Ein Freund, der krank wird, ein bekanntes Paar, das getrennte Wege geht, Eltern , die kein Wort mehr mit ihrem Kind reden. Manchmal ist unfassbar, was geschieht.
Es wäre so schön, etwas festhalten zu können, zu greifen und zu be-greifen. Doch immer dann, wenn ich glaube, etwas festhalten zu können, entgleitet es mir wieder und bleibt nicht zu fassen.
Und Gott: der ist erst recht nicht zu fassen. Viel zu groß und mächtig, als dass ich ihn mir vorstellen kann.
Trotzdem baut Salomo ein Haus, einen Tempel. Eigentlich geht das gar nicht. Gott ist so groß, dass die Erde ein Schemel für seine Füße ist, wie es in einem Psalm heißt. Das könnte einen ja verzweifeln lassen. Weil ich nie an ihn heranreiche, ihn nicht zu fassen kriege, ihn nicht ansatzweise begreife. Da könnte ich mich gleich abwenden und sagen: es hat keine Zweck mit Gott. Viel zu groß, zu schwer, zu unergründlich, zu abstrakt, zu unnahbar.
Das ist nur die halbe Wahrheit. Es stimmt, dass ich Gott nicht fasse. Doch er lässt mir Raum, damit ich ihm begegne. Gott ist auf Begegnung angelegt. Er sehnt sich nach seinem Geschöpf. Nicht umsonst wird der Mensch in der Bibel als Abbild Gottes bezeichnet. Bei aller Größe und Unfassbarkeit Gottes: er lässt mir Raum für ihn. Lässt die Töne in mir zum Schwingen bringen, die er in diese Welt hinein gibt. Lässt mir die Möglichkeit, dass ich mich ihm in Bildern nähere. Lässt sich erfahren in diesem Leben. Wenn ich mich umsehe und den Blick wage. Auf Menschen um mich herum. In die großartigen Blüten der Kastanie gegenüber von meinem Fenster. Wenn die grünen Blätter im Wind rauschen. Wenn ich höre auf berührende Musik. Wenn ich meinen Alltag gestalte und Raum lasse für ihn. Wenn ich Anteil nehme am Schicksal eines Menschen. Wenn ich zuhöre und jemand mir zuhört: offen und angesehen, wachsam und wahrgenommen. Gott eröffnet mir Räume. Räume der Begegnung mit ihm. Vielleicht nicht ganz zu fassen, aber doch zu ahnen. Wie durch einen Spiegel ein dunkles Bild, sagt Paulus. Ein dunkles Bild ist viel. Viel mehr als nichts. Versuche, sich
Gott zu nähern. Wie jetzt beim Kirchentag in Berlin und Wittenberg. Beim gemeinsamen Gebet, den Diskussionen, der gemeinsamen Feier.
Salomo versucht es, Gott zu fassen in dem Wissen, dass er nicht zu fassen ist. Ein Tempel kann nicht der Ort sein, wo Gott wohnt. Dennoch baut er diesen Tempel, weil es ohne einen solchen Ort nicht geht. Kein Ort, an dem Gott ganz zu fassen ist. Aber vielleicht ein Platz, wo Menschen Gott näher kommen.
Eine Kirche als Gottes Wohnzimmer? Wohl kaum. Aber ein Raum, der Begegnung ermöglicht und Gott ins Spiel bringt. Dafür sind Räume nötig, die keinen Zweck erfüllen müssen. Die nicht praktisch sind oder funktional. Orte, die das Unfassbare fassbar machen. Ohne Anspruch auf Richtigkeit oder Absolutheit.
Kirchen sollen einladende Orte sein. Keine Museen und keine Orte, die nur Ehrfurcht einflößen. Sie sollen helfen, das Unfassbare des Lebens auszudrücken. Dem Unsagbaren Raum geben. Wenn wir eigentlich keine Worte mehr haben. Kirchen können Orte sein, an denen wir einüben, was es heißt, dass Gott Gott ist. Da können wir Texten begegnen, die aus der Welt gefallen zu sein scheinen. Wir können Lieder singen, die uns zurück verweisen auf die Quelle des Lebens. Da können wir zur eigenen Mitte finden und Atem holen. Damit das Unfassbare uns nicht die Luft nimmt.
Diese Orte, unsere Kirchen, müssen wir pflegen. Wie wir sie einrichten, dafür müssen wir sorgen und achtsam sein. Dass keine Mülltüten unter dem Altar deponiert werden, ist doch wichtig. Damit eine Kirche ein Ort bleibt, der nicht ganz von dieser Welt ist. Damit das Unfassbare sich nicht verliert in einer beliebigen Alltagswelt.
Unfassbar – das ist und bleibt Gott. Doch lässt er sich aufspüren, lässt uns ihm nachspüren. Das geht an diesem herrlichen Ort draußen – hier in den Herrenhäuser Gärten. Denn Gott ist bekanntlich überall. Wie gut, dass wir das miteinander heute erleben dürfen. Unsere Kirchen bleiben besondere Orte. Sie lassen uns die Möglichkeit zu trainieren. Sie trainieren den Blick für Gottes Möglichkeiten – mitten in dieser Welt. Ich muss das einüben, Gott für möglich zu halten, ihm zu begegnen. In meiner Wohnung und bei meiner Arbeit, in der Fassungslosigkeit und im Alltagstrott, in der Zeit, die mir entgleitet und im Festhalten an den Menschen, die ich liebe. Im Alltag Unerwartetes und Heiliges zu sehen, das gelingt nicht aus dem Handgelenk heraus. Das muss eingeübt werden. Kirchen sind Orte dafür. Der Versuch, das
Unsagbare auszudrücken, das Unfassbare begreifbar zu machen, auf Gottes Töne zu reagieren. Himmelfahrt – Gott ist nicht festgelegt und gerade deshalb aufzuspüren.
Unfassbar, dieser Gott, der sich nicht entzieht, sondern mit Händen zu greifen sein will. Doch wie eine Seifenblase zerplatzt, wenn ich fest zugreife, so lässt auch Gott sich nicht einfangen. Er ist da und freut mein Herz und spiegelt wie ein Regenbogen das Licht. Schillernd und bunt- und zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht. Unfassbar.
Amen.

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