Schlechte und gute Globalisierung

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

an Pfingsten feiern wir die Ausgießung des heiligen Geistes- eines Geistes, der verbindet und heilt, der Frieden schafft und Freude ausbreitet. Das Ergebnis der Ausgießung des heiligen Geistes war die Entstehung der Kirche und zwar einer weltweiten Kirche, zu der Menschen aus allen damals bekannten Nationen Zugang hatten. Als Predigttext heute haben wir die Gegengeschichte zur Ausgießung des Heiligen Geistes. Diese Geschichte steht am Anfang der Bibel in der Urgeschichte und es ist die Geschichte von der Verwirrung der Sprachen. Das Ergebnis der Geschichte ist, dass die Menschen über die ganze Erde zerstreut werden und sich nicht mehr verständigen können. Aber hören Sie selbst. Ich lese

Mose 11

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. 5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! 8 So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

Die Geschichte klingt einfach: Menschen bauen eine Stadt und einen Turm, dessen Spitze bis in den Himmel reichen soll. Sie tun das, um Ehre und Ruhm zu erlangen. Gott hat etwas dagegen und verwirrt ihre Sprachen, damit sie das nicht schaffen. Und sie müssen aufhören, weil sie sich nicht mehr verstehen. So klar so einfach. Aber wenn wir näher hinsehen, kommen Fragen auf? Warum hat Gott etwas gegen Städte und Türme und gegen Zusammenarbeit?

Die erste Antwort lautet: Wegen der Arroganz der Städter. Das können wir in Messel glaube ich ganz gut nachvollziehen.

Ein Schüler aus der 12. Klasse, der in einer Band in Darmstadt mitspielte und coole Musik macht, erzählte mir einmal von der Einstellung seiner Mitmusiker ihm gegenüber. Die Aussage war: Der, ich nenne ihn mal Max, kommt aus so einem abgelegenen Dorf, das im dunklen Wald liegt. Erstaunlich, dass er so gut Musik machen kann.

Die Städter fühlen sich als der Hort der Kultur. Sie finden, was sie tun, ist der Mittelpunkt der Welt. Kaum wohnt jemand drei Jahre in Berlin findet er es schon unzumutbar, in der Provinz arbeiten zu müssen. In der Flüchtlingsdebatte gab es etwas Ähnliches. Da fanden Flüchtlingshelfer (aus der Stadt natürlich): Man kann die armen Flüchtlinge doch nicht auf Dörfer verteilen. Das ist unzumutbar. Fragen Sie mal die Flüchtlinge in Messel. Die, die ich kenne finden es hier richtig schön.

Als ich noch in der Ausbildung war habe ich mich in einer politischen Partei engagiert. Ich habe damals in Alzenau gewohnt. Das liegt in der Nähe von Aschaffenburg. Eine andere Frau aus Alzenau und ich hatten uns bereit erkärt, den Kreisverband bei einer Konferenz zu Frauenrechten zu vertreten. Den Aschaffenburgerinnen war das gar nicht recht. Sie hatten Angst dass diese Dorffrauen peinlich sind und nicht feministisch genug und dem Kreisverband Schande machen.

Offensichtlich ist das eine ganz alte Geschichte. Die Arroganz der Städter und das Gefühl der Leute auf dem Land, nicht hipp genug zu sein. Der Stadt- Land- Gegensatz ist keine Erfindung der Neuzeit. Und offensichtlich ist Gott in unserer Geschichte auf der Seite des Landes. Gott hat auch etwas gegen die Arroganz der Städter. Gott sorgt dafür, dass die Menschen sich über das ganze Land zerstreuen. Gott schafft damit Dörfer und behindert die große Stadt. Wie der Gott Israels sich immer für die am Rand einsetzt – für die Witwen und Waisen für die Armen und die Versklavten. Die Rettung der Welt findet ja auch nicht in Rom statt, sondern in einer abgelegenen Provinz des römischen Reiches. Und Jesus kommt nicht aus Jerusalem er kommt aus dem Norden aus Galiläa. Und er beruft keine gut ausgebildeten Schriftgelehrten. Er beruft Fischer. Zentren sind die Sache Gottes nicht. Als Landpfarrerin gefällt mir dieser Teil der Geschichte natürlich ganz gut.

Aber Spaß bei Seite. Die Frage lautet doch: Gibt es noch andere Gründe für die Verwirrung der Sprachen außer dass Gott Arroganz nicht ausstehen kann?

Vers 6 gibt uns einen Hinweis: 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.

Ist Gott hier eifersüchtig? Kommen die Menschen mit ihrem Turm bis in den Himmel ihm zu nahe?

Nein, ich glaube es geht um etwas anderes.

Wenn Menschen alles tun können, was sie sich vorgenommen haben, dann geht es anderen Menschen davon sehr schlecht. Die Erfahrung Israels in der Zeit als dieser Text verfasst wurde, war, dass Babylon eine brutale Großmacht war, die viele ihrer Verwandten erst im Krieg und dann auf dem Weg nach Babylon umgebracht hat. Babylon, das war Exil, das bedeutete fern der Heimat sein zu müssen und kein Land zu haben, das man bebauen konnte. Und als sie in Babylon angekommen waren, sahen sie überall in der Stadt riesige Türme so riesig wie sie noch nie welche gesehen hatte. Diese Türme reichten aber keineswegs bis in den Himmel, sondern sie sahen aus als hätten die Leute unterwegs aufgehört, daran zu bauen. Babylon war ein Vielvölkerstaat. Wenn man durch die Straßen der Hauptstadt ging, hörte man viele unterschiedliche Sprachen. Babylon war ein internationales Zentrum. Und die Israeliten bewahrten sich ihren Glauben, indem sie davon erzählten, dass die Macht ihres Gottes dafür gesorgt hatte, dass die Türme nicht zu Ende gebaut werden konnten. Und sie waren sich sicher, was hier läuft das ist brutal, das ist ungerecht, das führt zu Sklaverei und fordert Menschenleben und unser Gott wird dem ein Ende bereiten.

Aus der Position der Schwächeren, aus der Erfahrung der Besiegten hatten die sich ländlich vorkommenden Israeliten einen guten Blick für die Rückseite der großen mächtigen und ruhmreichen Stadt. Sie erkannten: Wenn Menschen die Macht haben, alles zu tun, was sie sich vorgenommen haben, dann geht es anderen schlecht. Die Macht von Menschen muss begrenzt werden, damit nicht andere Menschen Opfer ihrer Gewalt und ihrer Arroganz werden.

Zentren sind gefährlich und zwar nicht wegen der Arroganz der Städter. Auch weil hier eine Sorte Macht entsteht, die über Leichen geht. In den Zentren der Macht arbeiten Menschen, die die Leiden der anderen weit weg aus dem Blick verloren haben, die Entscheidungen treffen unter denen andere leiden. Diese Entscheidungen haben weitreichende Folgen. Und die die Entscheidungen treffen, können diese Folgen oft nicht abschätzen oder es ist ihnen egal, weil die Folgen so weit weg sind. Gegen diese Sorte unmenschlicher Globalisierung geht der Gott Israels vor. So erzählt diese alte Geschichte, die heute aktueller ist als je zuvor.

Zusammenarbeit und Verständigung ist nicht immer gut. Die Konzentration von Macht an einer Stelle ist immer gefährlich. Gott verhindert in dieser Geschichte Zusammenarbeit und Verständigung, weil sie hier zur Konzentration von Macht und zu Unterdrückung der Schwächeren geführt hat.

Die Gegengeschichte dazu ist die Pfingstgeschichte. Hier geht es um eine gute Art der Globalisierung. Der Heilige Geist wird ausgegossen auf die Jünger Jesu und sie reden in unterschiedlichen Sprachen, so dass alle sie verstehen. Sie sprechen von den großen Taten Gottes. Und dreitausend lassen sich taufen. Hier gibt es eine neue Zusammenarbeit und eine neue Gemeinschaft, die nicht auf Macht und Unterdrückung der Schwächeren und Versklavung und Verschleppung in die große Stadt beruht. Diesmal ist es Gottes Geist, der sich allen verständlich macht und allen selbst die Entscheidung überlässt, ob sie sich taufen lassen wollen oder nicht. In der Pfingstgeschichte entscheidet jeder selbst, ob er dazu kommen will oder ob er lieber finden will, dass die Jünger Jesu besoffen sind und ihm nichts zu sagen haben. Niemand wird zu Zusammenarbeit zu Gunsten des Imperiums gezwungen. Der Geist Gottes garantiert jedem einzelnen die Freiheit, sich selbst zu entscheiden. Das ist eine wichtige Tradition, die wir bewahren werden.

und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

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