Was ist Wahrheit?

Predigt über Joh 18,28-19,16 „Jesus vor Pilatus“

Was ist Wahrheit?

Ich gebe zu, die Frage beschäftigt mich immer mal wieder.

Was stimmt, was nicht.

Wem kann ich vertrauen – glauben?

80 Menschen sterben in der vergangenen Woche in Syrien, weil Giftgas eingesetzt wurde. Keiner war`s. Assad nicht – wozu sollte er – es läuft gerade gut für ihn. Die Rebellen weisen alles von sich, der IS also? Man weiß es nicht. Oder gar Moskau? Trump lässt die Muskeln spielen und startet Luftangriffe – die rote Linie sei überschritten. Aha, denke ich. Jetzt erst?

Viele Versionen von Wahrheit scheint es zu geben. Doch was ist denn wirklich wahr?

Was ist Wahrheit?

Pontius Pilatus sagt das zu Jesus. Auch damals in Jerusalem ging es darum.

Was haben sie sich damals nicht alles erhofft, als Jesus nach Jerusalem kommt! Es ist der Höhepunkt des Passahfestes, die Stadt ist überfüllt mit Menschen, die Stimmung aufgeheizt, die Sicherheitslage unklar.  Einige der Jünger stellten sich einen triumphalen Einzug in die Stadt vor. Jetzt endlich würde die Machtübernahme gelingen, dachten sie. Diesem Mann auf dem Esel scheint nichts unmöglich zu sein. Auf ihn setzen sie all ihre Hoffnungen, sie wollen ihn zum König krönen und feiern ihn als Messias. Sie bauen Jesus ein in ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche und verplanen ihn.

Daneben, am Rande die anderen. Die, die in Jesus den Störenfried sehen, der die altbewährte Ordnung gefährdet. Ein gefährlicher Aufrührer. Sie fühlen sich in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt – und das Volk fällt auch noch auf ihn herein. Siehe, alle Welt läuft ihm nach (Joh 12, 19), sagen sie fassungslos. Für die Pharisäer ist das Maß voll. Dem muss Einhalt geboten werden und zwar schnell. Nicht auszudenken, wie das weitergehen könnte: Revolution, sogar Krieg und das in der Heiligen Stadt am Passahfest. Also: Jesus muss weg.

Was ist da Wahrheit?

In den Tagen danach kippt die Stimmung und wendet sich gegen Jesus. Er hat die Erwartungen der Menschen nicht erfüllt. Wie schnell kann Begeisterung in Enttäuschung umschlagen, Sympathie in Ablehnung, Liebe in Hass! Aus Hosianna wird ganz schnell Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn!

 Wir klinken ein wenig später wieder in die Geschichte ein. Jesus wurde verhaftet und bereits durch die Hohepriester verhört. Ich lese aus dem Johannesevangelium weiter aus Kapitel 18…

28 Da führten sie Jesus von Kaiphas vor das Prätorium; es war aber früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein in das Prätorium, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. 29 Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen? 30 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet. 31 Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Es ist uns nicht erlaubt, jemanden zu töten. 32 So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. 33 Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König? 34 Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt? 35 Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? 36 Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier. 37 Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. 38 Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. 39 Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe? 40 Da schrien sie wiederum: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber.

Liebe Gemeinde, postfaktisch war das Wort des Jahres 2016. Jeder konstruiert sich die Wahrheit nach seinem Interesse zusammen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt dazu: „Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen.“

Russland manipuliert auf diese Weise Wahlen – nicht nur im eigenen Land, auch die Präsidentenwahl war betroffen, die Bundestagswahl wird es auch sein. Erdogan steht Putin in nichts nach und Trump twittert fröhlich drauf los. Auch Parteien wie die AfD nehmen es mit Fakten und Wahrheiten nicht so ernst. Warum auch? Und wer etwas Anderes behauptet, der wird als Lügenpresse abgetan.

Wir leben in einer Informations- und Bilderflut. Doch was ist wahr? Informationen sind schnell, sagt ein Politikwissenschaftler (Peter Glaser), doch Wahrheit braucht Zeit.

Auch damals im Verhör Jesu durch Pilatus war das ein Thema: Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt?, fragt Jesus Pilatus, als der ihn mit dem Vorwurf konfrontiert, er sei der König der Juden. Wirst du dir eine eigene Meinung bilden oder reicht das, was sie sagen? Wahrscheinlich ahnt Jesus die Antwort schon. Und tatsächlich: Bin ich ein Jude? Er will sich in die Wahrheitsfindung gar nicht so sehr verstricken lassen.

Pontius Pilatus war Statthalter des römischen Kaisers Tiberius (26 bis 36 n. Chr.). Allein er durfte ein Todesurteil aussprechen. Das Ansinnen der Hohepriester, die Jesus zu ihm bringen, ist also klar. Pilatus war ein Politiker, ein skrupelloser Mensch, der den eigenen Vorteil sucht. Einmal vergreift er sich auch am Tempelschatz, um Wasserleitungen zu bauen. Respekt vor der Religion des besetzten Landes ist ihm fremd.

Und doch zeichnet der Evangelist Johannes ihn als Zweifler und Zauderer. Szenisch ist der Abschnitt raffiniert aufgebaut. Im Grunde ein Drehbuch für die Aufführung: Die Handlung wechselt ständig zwischen zwei Orten. Einmal dem Platz vor dem Präteritum. Die Juden warten da draußen, um nicht unrein zu werden. Sonst könnten sie am Passamahl nicht teilnehmen. Pilatus muss also jedes Mal wieder nach draußen, um mit den Anklägern zu sprechen. Zum anderen drinnen, im Amtssitz. Dort findet das Gespräch mit Jesus statt. Im Laufe der Szene geht Pilatus x-mal hin- und her. Drinnen geht es um Wahrheitsfindung, draußen wartet der populistisch aufgeheizte Mob.

Trotz seiner Abgebrühtheit scheint er zerrissen zwischen dem, wie er Jesus erlebt und dem, was draußen in aller Deutlichkeit von ihm gefordert wird. Zweimal wird er sagen: Ich finde keine Schuld an ihm. Pilatus ist unsicher, fast hilflos und versucht sich aus der Affäre zu stehlen. Auf den Gesprächsgang, den Jesus ihm anbietet, geht er nicht ein. Er verschließt sich dieser Welt. Was ist Wahrheit?, beschließt er den ersten Gesprächsgang. Für ihn ist sie nicht wichtig. Er lässt sich leiten von eigenen Interessen. Da stört Wahrheit und überhaupt: Was ist das schon…?

 1 Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. 2 Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an 3 und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht. 4 Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. 5 Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!

6 Als ihn die Hohenpriester und die Diener sahen, schrien sie: Kreuzige! Kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm. 7 Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.

8 Als Pilatus das hörte, fürchtete er sich noch mehr 9 und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort. 10 Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen? 11 Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre. Darum hat, der mich dir überantwortet hat, größere Sünde. 12 Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen. Die Juden aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser. 13 Da Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf Hebräisch Gabbata.

Schon im ersten Teil des Gespräches zwischen Pilatus und Jesus ging es ja um das Königtum. Nun wird der Prozess zynisch wie eine Königseinsetzung gestaltet – inkl. Krone und Mantel. Doch im Gespräch wird klar, dass es Jesus nicht um eine weltliche Macht geht. Mein Reich ist nicht von dieser Welt, erklärt Jesus, sonst würden hier ganz andere Dinge passieren. Ihm geht es um Anderes als um politisch-militärische Interessen. Ihm geht es um Wahrheit, die eine ganz eigene Welt eröffnet und die damit jegliche weltliche Macht auch ein Stück weit infrage stellt.

Pilatus scheint zunächst interessiert, doch die Ankläger draußen setzten ihn unter Druck: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser. Pilatus beugt also seine eigene gewonnene faktische Überzeugung (Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen) dem postfaktischen Willen von Volk und jüdischer Oberschicht. Er hat die Wahrheit erahnt, folgt ihr aber nicht. Zu sehr ist er verstrickt in seine weltlichen Gefüge.

Was ist Wahrheit?

Johannes gibt in seinem Evangelium eine ungewöhnliche Antwort, die er Jesus selbst in den Mund legt (Joh 14,6): Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Für uns zeigt sich Wahrheit also in der Person Jesu. Beispielhaft sozusagen als unser Grundmaß. Und das ist unbequem. Sie müssen sich nur einmal die Bergpredigt durchlesen. Fast über jenen Satz stolpere ich. Diese Wahrheit, die Wahrheit von uns Christen, ist unbequem und anstößig. Ganz einfach, weil sie mit mir zu tun hat. Ich kann sie nicht auf einem moralischen Silbertablett vor mir hertragen. Diese Wahrheit verlangt von mir eine Haltung. Und das hat dann unweigerlich Auswirkungen auf das eigene Leben.

Im Konfis haben wir uns kurz über Dietrich Bonhoeffer unterhalten, aber auch über Sophie Scholl. Sie haben ihre Haltung, ihr Einstehen für diese Wahrheit mit ihrem Leben bezahlt.

Maßstab für diese Haltung und Kriterium für christliche Wahrheit ist Freiheit (vgl. auch Joh 8,32). Mathis Taufspruch, der ja auch Leitspruch des Reformationsgedenkens ist, erinnert deutlich daran (2. Kor 3,17): Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.

Jeglicher Gedanke an den eigenen Vorteil oder eigenes Machtstreben ist damit ausgeschlossen. An diesem Freiheitsanspruch müssen wir uns messen lassen. Jeglicher Populismus, jeder noch so kleine Anklang von Menschenfeindlichkeit jeglicher Art und jegliches postfaktische Denken verbietet sich demnach für uns als Christen. Wo unser Glaube nicht befreit und zum Leben verhilft, da ist er verfehlt. Da hilft es dann auch nicht wie Pilatus (bei Matthäus), sich die Hände in Unschuld zu waschen. Wir können unser Leben auch verfehlen – und brauchen ja gerade dann selbst diese Freiheit. „Was nicht befreit, ist auch nicht wahr. Und was nicht wahr ist, kann auch nicht befreien.“[1]

Pilatus schafft es nicht, sich aus dem zu lösen, was ihn gefangen hält. Er entscheidet sich gegen die Wahrheit…

Und sie? Wie entscheiden sie sich?

Jesus steht auch uns gegenüber. Wollen oder können wir seine Wahrheit wahrhaben?

14 Es war aber der Rüsttag für das Passafest, um die sechste Stunde. Und [Pilatus] spricht zu den Juden: Sehet, euer König! 15 Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König außer dem Kaiser. 16 Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber…

[1] E. Jüngel, Die Wahrheit des Christentums, 2002.

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