Hautundknochenzeiten (Herta Müller) (Hesekiel 34, 1.2.10-16.31)

„Stille Jahre in Gertrauden“ nennt Marianne Peyinghaus ihre Erinnerungen an die Zeit in Ostpreußen. Sie kam 1941 als junge Lehrerin aus Köln an die Kurische Nehrung, dort hinter Königsberg, und erlebte Kriegsjahre still und in stehengebliebener Zeit, während ihre Familie in Briefen klagte, wie die Heimatstadt seit 1942 in Schutt und Trümmer gelegt wurde. Bald würde der Krieg auch über sie hinwegfegen, Menschen von heute auf morgen vor der Gewalt und Angst fliehen, von Armeen und Schlachten vertrieben und aus Häusern gejagt. Es kam, wie sie es lange nicht wahrhaben wollte. Für Unzählige war Heimat von da an nur noch ein unerreichbarer Sehnsuchtsort. Die Familien in unseren Dörfern und Städten kennen viele solche Flucht- und Vertreibungsgeschichten und sie sind nicht einfach vergangen, sondern in die Familien eingeschrieben.

„Man lebt, man lebt nur einmal“ schreibt die Literaturnobelpreisträgerin Helga Müller in ihrem Roman „Atemschaukel“, mit dem sie die Geschichte der Sachsen Rumäniens an Ende des zweiten Weltkrieges in der Geschichte eines jungen Mannes nacherzählt: Aus dem Lager, in das er wie viele andere deportiert wurde, wird er berichten: „In der Hautundknochenzeit hatte ich nichts mehr im Hirn außer dem ewig sirrenden Leierkasten, der Tag und Nacht wiederholte: Kälte schneidet, Hunger betrügt, Müdigkeit lastet, Heimweh zehrt, Wanzen und Läuse beißen. Ich wollte einen Tausch aushandeln mit den Dingen, die ohne zu leben, tot sind. Ich wollte einen Rettungstausch vereinbaren zwischen meinem Körper und der Horizontlinie in der Luft oben und den Staubstraßen auf der Erde unten. Ich wollte mir ihre Ausdauer leihen und ohne meinen Körper existieren, und wenn das Gröbste vorbei ist, wider in meinen Körper schlüpfen und im Watteanzug erscheinen. Es hatte nichts zu tun mit Sterben, es war das Gegenteil“

Einige Generationen später werden unzählige Nachkommen dieser Generation das Land, in dem sie über Jahrhunderte zu Hause waren verlassen, vielleicht im Sommer im Urlaub zurückkehren, Bräuche und Traditionen auch in der Ferne pflegen, aber ausgezogen sein, zunächst freigekauft, später dem Wohlstand entgegengezogen.

Nach der Wende wollten viele endlich reisen, die weite Welt sehen. Aber irgendwann zogen sie nicht mehr nur aus, um die Welt anzuschauen, eine Weltanschauung zu gewinnen, sie wollten auch leben, sie wollten arbeiten, unabhängig sein, auf eigenen Füssen stehen. Sie wollten nicht mehr auf ein morgen warten, sie lebten heute. Wie sagte Herta Müller: „man lebt, man lebt nur einmal.“ Und so sind sie in Scharen gegangen, gut ausgebildet, oft weiblich, und kehren nur einzeln zurück zu denen ,die Geblieben sind. Sicher sind das alles nur Ausschnitte, Schlaglichter, aber eben auch vom Leben gebliebene Erinnerung.

Alle und alles verloren und verirrt, damals und heute, hier und im Osten Deutschlands? Grund tiefer Trauer und nicht enden wollenden Schmerzes? Es hat alles seine Ursachen. Und wer die Geschichten der Familien wachruft, wer von Flucht, Vertreibung, Verbannung, Auswanderung oder einfach nur Abwanderung erzählt, wird sich nicht nur an die politischen Umbrüche erinnern, sondern auch an die Verfehlungen und Verbrechen, die dem Krieg von deutschen Boden aus vorausgingen und mit dem Krieg über Europa und weite Teile der Welt hereinbrachen. Erinnerung ist eine Gestalt von Verantwortung und diese Erinnerungsgemeinschaft, zu der wir miteinander als Christen verbunden sind, ist eine Verantwortungsgemeinschaft für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Die Erfahrungen von Flucht, Vertreibung und Verbannung, die Lebendigkeit der Sehnsuchtsorte in den Erinnerungen, Träumen und damit den Herzen vieler Menschen sind nicht neu. Schon die Bibel erinnert solche Zeiten und solche Schicksale. Ezechiel ist eine bedeutende, prophetische Stimme aus dem Land der Vertriebenen und der Träumenden. Und er ist schonungslos und erbarmungslos, wenn es darum geht vor und neben aller Sehnsucht und Hoffnung die Verantwortung und die Verantwortlichen zu benennen: „Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden“.
Er rechnet im Namen Gottes ab mit den politisch Handelnden und Führenden seines Volkes, prangert ihre Selbstherrlichkeit, ihre Korruptheit, ihren Egoismus, ihre soziale Kälte und Ungerechtigkeit an. Wir ahnen, welche Provokation in seinem Auftreten und in seiner Botschaft Auftrag liegen, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie empfindsam die Herrschenden bis heute auf solche Kritik reagieren. Da werden Oppositionelle kriminalisiert, als Terroristen gebrandmarkt, ihre Medien zensiert und führende Köpfe inhaftiert und das nicht nur in den Diktaturen Afrikas, sondern auch in Europa und vor seinen Toren, wie in der Türkei.
Die Kirchen in Köln haben gegen Rechtspopulismus zum politischen Nachtgebet unter dem Motto „Mein Kreuz hat keine Haken“ eingeladen und die gemeinten Parteivertreter der AfD, die sich in Köln versammeln, wettern gereizt: „O Herr, schenk Hirn, denn sie haben eine Schraube locker.“ Einer antwortete darauf witzig spontan: gerade da ist ja das Einfallstor für den Heiligen Geist!
Gemeinden in Deutschland, die Flüchtlingen Asyl gewähren, werden unlautere Absichten unterstellt, sie geraten erstmals in manchen Teilen Deutschlands ins Visier der Strafermittler.
Aber es ist prophetisches Amt Finger in die offenen Wunden einer Gesellschaft zu legen und den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft, in Kultur und Bildung, in Wirtschaft und Justiz (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) einen Spiegel vorzuhalten: „Das Schwache stärkt ihr nicht, das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, das Verlorene sucht ihr nicht, das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.“ (V. 4)
Sicher war Ezechiel ein Kind seiner Zeit und Teil des Gottesvolkes, das sich in besonderer Verantwortung vor und in der Obhut Gottes sah. Aber seine Maßstäbe, orientiert an den Schwachen, und seine Kritik an der Selbstgerechtigkeit der Mächtigen leuchten jedem sofort auch über die zeitliche Abständigkeit hinweg ein. Man mag in einer Demokratie, in der die Macht vom Volke ausgeht, allenfalls neben die Hirtenschelte die kritische Wählerbetrachtung stellen: warum, Volk, wählst du, was dir am Ende nicht gut tut? Übersiehst du die Folgen der Wahlentscheidungen, selbst wenn sie demokratisch legitimiert sind? Oder: was müssen wir aushalten und ab wann müssen wir die Stimmen erheben?

Immer dann, wenn die Schwachen, die Andersdenkenden, die Leidenden keine eigene Stimme mehr haben, wenn die Freiheit des Andersdenkenden nicht mehr zählt, immer dann, wenn sich deshalb in uns kraftvoll die Hoffnungsbilder und die Verheißungen Gottes zu Wort melden, ohne die wir nicht glauben und leben können, dann ist es an der Zeit aufzustehen.

Ostern ist der Aufstand des Lebens.
Und der Osterglaube steht für das Leben ein und für Gerechtigkeit auf, weil das Kreuz als Sinnbild der Niederlage und als Zeichen für alle Opfer zu einem SiegesZeichen des Lebens wurde: weil Gott sich auf die Fahnen geschrieben hat: „ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und was fett und stark ist, behüten. Ich will sie weiden, wie es recht ist:“ so spricht der Herr. Dietrich Bonhoeffer bekennt: „Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“ Wir sollten die Vergangenheit nicht nur als Schicksal beklagen, sondern als Herausforderung der Gegenwart erinnern:
– Wie können wir die, die aus unseren Landstrichen aus wirtschaftlichen und manchmal auch aus politisch Gründen ausgezogen sind ohne Vorwürfe wiedergewinnen?
– Wo können wir auf die Menschen warten, die aus unseren Kirchen ausgezogen sind?
– Gelingt es uns dabei nicht nur in Kategorien von innen und außen zu denken, sondern von suchen und finden, verbinden und heilen, das Schwache stärken und das Starke behüten?
– Wo müssen wir dem Rad in die Speichen greifen, damit nicht noch mehr Menschen an Leib und Seele verwundet werden?
– Wo sind die aufrichtigen Gebete und klärende Worte an der Zeit, die die mutigen Taten bestärken?
– Wo feiern wir miteinander glaubwürdig und einladend unsere Hoffnung, die sich in den Bildern von grünen und fetten Weiden oder guten Auen auf den Bergen widerspiegelt?
Wir stellen uns der Vergangenheit. Von Gott aber erwarten, erhoffen und erbitten wir alle Zukunft. So verändert sich die Wahrnehmung und das Lebensgefühl grundlegend.
Wir sind eine große Erinnerungsgemeinschaft, im Glauben über große räumliche Entfernung verbunden, wir sind eine Hoffnungsgemeinschaft, eingeladen zur Feier und zu Taten der Hoffnung auch im Wandel. Denn das Gesicht unserer Gesellschaften und die Gestalt unserer Kirchen wandeln sich. Aber Gott ist und bleibt der gute Hirte, der sein Volk führt, leitet und wiederbringt. Nicht einen Deut kleiner ist unsere Hoffnung und unser Glaube.     Amen

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