Was ist für Sie das Paradies?

Liebe Gemeinde,

was ist für sie das Paradies?

Die Antworten auf diese Frage werden so unterschiedlich beantwortet werden, wie wir Menschen sind:

  • Für den Jugendlichen ist es der 18. Geburtstag mit Auto und Führerschein.
  • Für den, der viel arbeitet, der Urlaub mit all inclusive.
  • Für den 60jährigen die Hoffnung auf den bevorstehenden Ruhestand.
  • Für den, der lange im Krankenbett liegt, endlich wieder nach draußen gehen zu können.
  • Für den Flüchtling das Land, das ihn aufnimmt und Schutz gibt.
  • Für das sudanesische Kind ein Stück Brot.
  • Für den an Giftgas gestorbenen syrischen Jungen das Leben.
  • Für das afghanische Mädchen ein Tag ohne Angst vor Gewalt.
  • Für den Verbrecher neben Jesus am Kreuz Hoffnung.

Was ist für sie das Paradies?

Einer der Männer, die mit Jesus gekreuzigt werden, sagt: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Und Jesus antwortet: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Paradies, ein Wort aus der persischen Sprache, bezeichnet einen umwallten Park, einen geschützten Garten, fern von jeder Unruhe und Dissonanz. Ein Ort des Aufatmens und des Friedens.

Jesus hängt am Kreuz und spricht mit einem der beiden Verbrecher über das Paradies; über die Hoffnung, die nicht stirbt, auch wenn der Tod vor Augen steht.

Das ist unglaublich, was er tut. Er hängt dort, wird bespuckt, begafft, verspottet, leidet unter unbeschreiblichen Schmerzen. Die Jünger und alle seine Bekannten stehen in sicherer Distanz. Kein gutes Wort mehr zu dem Verurteilten. Nur noch einer, ein Verbrecher, beschimpft ihn nicht und erkennt Gott in ihm.

Und Jesus, er tut, was er immer tat: Er schaut den mit ihm Leidenden an und gibt ihm Hoffnung. Jesus bleibt sich, seinem Leben und seinem Auftrag treu: „Ich bin gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“: die Frau, die ausgeschlossen wird, weil sie krank ist; der Zöllner, weil er sich politisch unkorrekt verhält; der Blinde, der übersehen wird; selbst für die Soldaten und anderen, die ihm das jetzt antun, bittet Jesus: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Und dem Verbrecher neben ihm spricht er die Vergebung, sogar das Paradies zu: einen umwallten Raum, der ihn vor weiteren Qualen, Bespeiungen und Erniedrigungen schützt.

Jesus gibt auch am Kreuz einen Menschen nicht auf. Auch seine letzten Worte sind Trost und Hoffnung. Sie spiegeln sein ganzes Leben. Selbst dort angenagelt denkt er nicht an sich, sondern an den, der ihn braucht. Noch einmal  wird die Größe Gottes – für alle hoch erhoben –  sichtbar.

Das Kreuz ist „nur“ der Höhepunkt dessen, was Jesus gelebt hat: Gott gibt zu keinem Zeitpunkt einen Menschen auf. Auch an den Tiefpunkten des Lebens spricht er zu: Du sollst mit mir im Paradies sein. Über die Bedeutung des Kreuzes mag viel gesagt werden und gesagt worden sein. Aber vielleicht ist das die schönste: Du bist nie verloren. Das sind die eigentlichen Worte, die am Kreuz zu lesen sind.

Was ist für sie das Paradies?

Diese Frage wird so unterschiedlich beant­wortet werden, wie wir Menschen sind. Für den einen wird es der Ort sein, an dem man noch einmal mehr hat, als man schon besitzt. Für das hungrige Kind ein Stück Brot.

Das Paradies, von dem Jesus spricht, ist etwas anderes: Es ist die Hoffnung, die nicht stirbt. Es ist der Ort, an dem Gott mir ein gutes Wort zuspricht; ein Ort, an dem ich Vergebung erfahre; ein umwallter Raum, an dem Gott mich schützt und mir Frieden schenkt; ein Ort, an dem Gott mir nahe ist.

Karfreitag – ein merkwürdiger Tag. Ein Tag der Gewalt, an dem Gott ernst macht mit dem Paradies. Amen.

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