Erschüttert und befreit, getroffen und erlöst (Matthäus 28,1-10)

Die Beisetzung war erst wenige Stunden her. Sie hatten nach der Trauerfeier noch eine Weile bei Kaffee und Kuchen zusammengesessen und diese Stimmung zwischen betretener Traurigkeit der engen Familie und geselligem Geplauder all derer, die man schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen hat, ausgehalten. Man sieht sich ja nur noch bei Beerdigungen. Jetzt war sie froh, dass der Sohn und die Tochter noch einmal mit zum Friedhof kamen und zusammen mit ihr am geschlossenen Grab mit den vielen Blumen standen und noch einmal schauten, wer alles dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen hatte.
Sie wusste, ihre Kinder würden nicht so oft das Grab besuchen. Aber sie würde hier viel Zeit verbringen, in Gedanken das gemeinsame Leben Revue passieren lassen, Zwiesprache halten, manchmal auch die anderen aus dem Ort treffen, die ohne Partner oder Partnerin leben müssen. Wobei es mehr die Frauen sind, die überleben und dann auch nach diesem Ort hier suchen.
Gehen Männer, Brüder oder Söhne anders mit dem Tod um?
Trauern sie anders und anderswo?
Frauen sind es, die am ersten Tag der Woche nur wenige Tage, eigentlich nur Stunden nach der Kreuzigung Jesu auf dem Weg zum Grab sind. Ihr Herz wird, wie das so so vieler „Hinterbliebener“ voller Trauer gewesen sein. Immerhin: sie hatten ein Grab und sie konnten sich auf den Weg machen, anders als die, die ihre Männer oder Söhne im Krieg verloren haben oder deren Tod nie geklärt und deren sterbliche Überrest nie beigesetzt werden konnten. Da hört die Trauer vielleicht nie richtig auf, selbst wenn man mit ihr zu leben lernt.
Frauen sind es, die die Sabbatruhe abgewartet haben und gleich mit Sonnenaufgang nach dem Sabbat aufgebrochen sind.
Dachten sie bisher: der Tod hat unsere Herzen erschüttert, unser Leben zerstört, alles ins Wanken gebracht, so ist es nun ein ganz anderes Beben im Leben dieser Frauen, dass der Evangelist nur als Erdbeben deuten kann: die Erde wankt, sie droht aus den Fugen zu geraten, alles wird umgewälzt, der Stein verschließt nicht mehr das Grab.
So hat man sich eigentlich das Ende aller Dinge vorgestellt, wenn es einmal alle, nicht nur einzelne trifft, für die der Tod eines Menschen ja auch das Ende der Welt und eine Erschütterung sondergleichen darstellt. Nur das ihnen dann Todesboten entgegentreten: der Anruf am Telefon, um die Nachricht zu überbringen, die Kinder, die in den Arm nehmen, die Karte im Briefkasten, das Geräusch der Überwachungsinstrumente im Krankenhaus. Nur wenige Tode erscheinen von Engelshand geschenkt, weil sie endloses Leiden beenden und Erlösung und Frieden danach verheißen.
Auch Maria Magdala und Maria traf es wie ein Blitz und erschütterte sie. Das war kein Ergebnis ihrer lebendigen Phantasie oder ihres Wunschdenkens. An so etwas dachten sie überhaupt nicht. Sie wussten und hatten gesehen, was geschehen ist. Aber wer das Grab zum Trauern sucht und es nicht mehr geschlossen findet, sondern leer, vielleicht sogar geplündert, der fühlt sich seines Verstorbenen noch einmal beraubt. Die Störung der Totenruhe ist zurecht ein ungeheurer Tabubruch, ein Straftatbestand und zeugt von wenig Respekt vor den Lebenden und den Toten. Zwanzig Jahre Ruhefrist sind in unserem Land vorgeschrieben und immer mehr können es gar nicht erwarten, die Toten und ihre Gräber auch wieder loszuwerden.
Auch das ist ein Beben, das am Ende unsere Gesellschaft erschüttern und umwälzen wird, wenn es keine Kultur des Sterbens und der Trauer mehr gibt.
Nein, Maria Magdalena und Maria werden nicht an Auferstehung gedacht haben. Furcht wird berichtet. Wer hat schon einen Toten auferstehen sehen?
Manch Todgeweihter oder Todgeglaubter ist uns begegnet und selbst diese Begegnungen, die es nach dem großen letzten Krieg häufig gab, wenn Männer und Väter heimkehrten, hat Menschen aus der Bahn geworfen.
Manchmal überleben auch Todkranke, für die wir nicht mehr zu hoffen gewagt haben und bekommen das Leben noch einmal geschenkt, aber doch auch nur um irgendwann hoffentlich friedlich ihr Leben zu vollenden. Aber wer tot und begraben ist, der hat seinen Platz nur noch in der Erinnerung, im Herzen und im Leben der Familie.
So können die beiden Frauen sich allein gar nicht erklären, was sie erleben. Sie brauchen einen Engel, einen Boten, einen Dritten, der ihnen die Augen öffnet, den anderen Blick ermöglicht, sie aus dem Schrecken herausruft und ihnen das Unfassbare zusagt: auferstanden von den Toten ist er, der Gottes Sohn war. Er ist zwar nicht vom Kreuz herabgestiegen und dem Tod ausgewichen, der doch zum Menschsein für alle dazugehört. Er ist gestorben, wie wir. Aber er ist nicht im Tod nur tot und begraben geblieben, als wäre damit alles aus und vorbei. Er ist auferstanden vorausgegangen, so wie wir es  manchmal von unsren Toten sagen: nicht verloren, nur vorausgegangen.
Und ihr werdet ihn sehen, wiedersehen, so wie ich es mir auch von meinen Toten wünsche, von denen ich mich nicht mehr verabschieden konnte, weil sie so plötzlich und so unvorbereitet für mich gegangen sind, oder weil wir nicht mehr alles klären konnten, was noch zu klären wäre.
Die Täter werden ihre unschuldigen Opfer wiedersehen, die sie um das Leben gebracht haben.
Die, die Bilder der Qualen, des Leidens und der Gewalt auf dem Sterbebett oder den medialen Schauplätzen nicht mehr loswerden, werden das Lächeln der Erlösten sehen und den Frieden spüren, den es jenseits aller Gewalt und allen Hasses in unserer gegenwärtigen Welt gibt. Da werden die Gestrandeten und Gescheiterten, die Gekenterten und die Ertrunkenen, die Hilflosen und die Ratlosen aufgehoben und geborgen sein.
Er ist vorausgegangen und ihr werdet ihn sehen – sagt der Engel zu den Frauen.
Sie sind vorausgegangen und wir werden sie sehen – hoffen wir insgeheim und sagen es auch so, ganz einfältig und aus ehrlichem Herzen. All das ist Auferstehungsglaube und Auferstehungshoffnung.
Da geht es nicht um die Reanimation eines Toten für eine kurze oder längere Zeit, sondern um einen Blick in Gottes Herz und seine Wirklichkeit. Wir verzweifeln ja oft genug an seinem Willen, verstehen den Lauf der Dinge nicht, sondern halten ihm all unser Leid und unser Schicksal vor. Und jetzt hält er uns und damit der ganzen geplagten und gequälten Schöpfung, allen Unversöhnten und vom Hass Verbogenen, allen Opfern von Gewalt und Unterdrückung, allen Kranken und Sterbenden, vor Augen, was sein Herz sagt und will: Fürchtet euch nicht, er ist auferstanden. Denn was der Engel ausspricht, kommt direkt aus Gottes Herz, sind seine Gedanken über uns und für uns.
„Fürchtet euch nicht“ und „auferstanden von den Toten“
Die Frauen damals haben es mit eigenen Augen gesehen, ihr Herz konnte es fassen, ja sie konnten ihn fassen. Aber darum geht es nicht wirklich. Es geht darum zu begreifen, dass Gottes Wirklichkeit und seine Gegenwart voller Leben und voller Frieden sind. Und das die Hoffnung auf Gottes Gegenwart und Wirklichkeit heute schon etwas verändern kann, aber auch heute nicht alles bieten muss, weil das Leben mehr ist, als nur die kurze Zeit zwischen Geborenwerden und Sterben und dass mehr wirklich ist, als nur Leid und Tod. Das Leben und Gottes Liebe zum Leben ist wirklich und wahrhaftig. Darum feiern wir Ostern . Und wenn wir allein oder zu zweit an die Gräber gehen oder die vielen Nachrichten vom Tod um uns hören, dann werden wir wohl erschrecken, müssen uns aber nicht fürchten und an Gott verzweifeln, sondern dürfen auch wieder vom Grab weggehen und‚ mit großer Freude zu denen laufen, mit denen wir das Leben teilen: fürchtet euch nicht. Er ist auferstanden. der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja! Amen

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