Im Tod hat Jesus die Welt verändert

Ist Karfreitag noch modern? Hält die Welt inne an diesem Tag? Es scheint eher nicht. Lieber noch ein Skatturnier oder ein Vereinsfest. Karfreitag galt einmal als der höchste evangelische Feiertag. Davon kann keine Rede mehr sein. Für viele ist Karfreitag eher ein lästiger Feiertag, weil er immer noch (relativ) still ist.

Und doch ist Karfreitag der zentrale Feiertag, weil Forscher sich darin einig sind: Ohne Karfreitag, gäbe es die Evangelien nicht, vielleicht auch christlichen Glauben nicht. Die Evangelien waren ursprünglich Passionsgeschichten, die an Golgatha endeten. Erst später erzählte man von Ostern und von dem was vor der Passion geschah. Das hängt damit zusammen, dass die Menschen von Anfang an spürten, was in der Passion geschehen ist, werden wir niemals ganz verstehen. Darum wurde es bald aufgeschrieben, weil man hoffte, es so irgendwann zu verstehen. Und auch weil man spürte: Das hier ist das Zentrum. Auf Vieles an Jesus kann man verzichten. Aber nicht auf die Liebe Jesu, die bereit ist derartiges Leiden auszuhalten.

Und darum hören wir auch heute wieder hin.

33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. 35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. 36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! 38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. 39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. 44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. 47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! 48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. 49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Zu Beginn versammeln sich viele Menschen und schauen. Und sie stellen mich vor die Frage: Wer bin ich eigentlich am Kreuz Christi? Bin ich Zuschauer, der unbeteiligt beobachtet, was abgeht. Gaffer gibt es ja nicht erst seit Erfindung der Autobahnen – bin ich auch so? Bin ich Soldat, der seine Pflicht tut, den es vielleicht auch gar nicht so genau interessiert, was er da tut mit wem, Hauptsache, der Sold stimmt und ein bisschen Kleidung abzustauben nebenher ist ja auch schön. Bin ich bei den Verantwortlichen, denen, die um Recht und Ordnung besorgt sind, dafür auch gerne mal Menschen und Ideale opfern. Hauptsache die Strukturen bleiben und die Macht bleibt erhalten? Oder bin ich bei den Bekannten, den JüngerInnen, die vielleicht heimlich die Faust ballen, die nicht wissen, wie sie mit dem, was da geschieht umgehen sollen? Bin ich bei den Mitgekreuzigten? Bei denen, die das Schicksal Jesu teilen, auch wenn die Gründe andere sind, die trotzdem erst einmal wenig Solidarität verspüren, aber Opportunismus. Hilf dir selbst und dann uns. Könnte ja klappen. Oder bei dem Anderen, der wenigstens Schuldbewusstsein empfindet und deshalb Zuspruch erfährt?

Weiß ich noch, wer ich bin, wenn ich Jesu Kreuz sehe. Oder ist mein ganzes Selbstbewusstsein mit festgenagelt an sein Kreuz? Oder muss ich vielleicht noch meine Rolle finden am Kreuz des Herrn Jesus Christus? Insgesamt ist es eine alte Geschichte, die jedes Jahr wieder eine Rolle spielt, aber deren wesentliche Fragen immer noch nicht ganz klar sind. Warum ist dieser Tod notwendig, warum diese Grausamkeit? Wir suchen gerne Auswege, dass Gott das doch alles nicht nötig habe. Und wir sehen oft nicht, dass Europa es auch nicht nötig hat, dass vor seiner Küste Menschen ertrinken. Daran könnten wir was ändern. An der Grausamkeit der Menschen, die Jesus gefoltert haben, nicht. Da können wir nur staunend anschauen, was der Sohn Gottes bereit ist zu ertragen, wie er bereit ist, an den Menschen zu leiden.

Die offene Frage bleibt: wäre das nötig? Und ich denke, sie muss offen bleiben. Gott hätte sicher auch andere Möglichkeiten zur Versöhnung. Aber wir dürfen erschaudern, wozu Menschen in der Lage sind. Gott stirbt an den Menschen. Golgatha muss auch heute noch die grausame Schädelstätte bleiben, vor der man nur erschüttert stehen bleiben kann. Golgatha darf nicht zum idyllischen Gärtlein unserer Träume von Gott verkommen, der immer lieb sei und alles zum Guten wende.

Für mich besonders beeindruckend bleibt die Liebe Jesu zu den Menschen trotz allem, was er aushält: Jesu Einheit mit dem Vater wird durch die Folter und das Kreuz nicht zerstört. Er ist nicht verflucht, sondern erwählt. Darum verflucht er seinerseits nicht, nicht die Täter, nicht die Spötter, nicht die Mitgekreuzigten. Gerade hier erweist er sich als der Messias, der Gesalbte Gottes.

Seine Kleider werden verteilt und verspielt. Für seine Peiniger hat er aufgehört Person zu sein. Er wird zum Ding, wird entblößt, zur Schau gestellt, Menschen streiten um sein materielles Erbe, während er stirbt. Jesu Fürbitten für seine Schinder und Henker. Das ist Gnade – unverdient und gegen alle Wahrscheinlichkeit. Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun. Der am Kreuz bittet seinen Vater um Vergebung für die Menschen und erntet Spott. Diese Bitte und der Spott der Menschen könnten im Zentrum einer Predigt zum Text stehen. Sie sind fassbar und illustrieren das Unfassbare: Der Sohn Gottes am Kreuz.

Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun. Die hiermit Gemeinten würden vermutlich heftig protestieren. Sie meinen genau zu wissen, was sie tun. Voller Selbstsicherheit jagen sie einen Menschen in den Tod, sie opfern ihn für eigene Machtinteressen. Aber sein Tod spricht eine deutliche Sprache: Auf Erden wir es finster und der Vorhang im Tempel zerreißt. Der Weg ins Allerheiligste steht offen, Allen, die glauben. Die Macht aller Religionsführer ist gebrochen. Im Tod hat Jesus die Welt verändert.

Die unterschiedlichsten Menschen können nicht umhin zu bekennen: Dieser ist wahrlich Gottes Sohn gewesen. Und die christliche Gemeinde bekennt seitdem: Dieser ist wahrlich Gottes Sohn – jetzt und in Ewigkeit. Mit dem Kreuz Christi beginnt die Zukunft, die Gott schenkt.

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