Und das Volk stand da und sah zu (Lukas 23, 33-49)

Die Rettungsfahrzeuge hatten Mühe sich einen Weg zur Unfallstelle zu bahnen. Auf der Gegenfahrbahn schoben sich die Autos im Schritttempo vorbei, in der Hoffnung einen Blick erhaschen zu können: was kann man wohl von dem Unfall erkennen? Am nächsten Tag wird man in der Zeitung lesen, dass ein 30-jähriger Fahrer mit überhöhter Geschwindigkeit die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und einen Unfall verursacht hat, in den auch das Fahrzeug einer Familie auf der Fahrt in den Urlaub verwickelt wurde. Tote und Verletzte sind zu beklagen… „und das Volk stand da und sah zu“
In den Nachrichten gibt es  den ganzen Tag die gleichen Bilder: Der Giftgasangriff in Syrien hat weltweit Erschütterung, Hilflosigkeit, Wut und Verzweiflung ausgelöst. Warum schaut die Weltgemeinschaft tatenlos zu und nimmt den Tod von Jung und Alt, Männern,Frauen und Kindern in Kauf. Ihn hätten die Bilder der toten Kinder erschüttert, wird der amerikanische Präsident twittern, um seinen Militärschlag zu erklären. Wieder Tote und Verletzte und die Ohnmacht, der Lösung des Konfliktes auch damit nicht näher gekommen zu sein. Bilder, Nachrichten, Meldungen, Diskussionen im Fernsehen Tag für Tag und Woche für Woche wenn nicht über die Situation in der Türkei, dann über den Bürgerkrieg in Syrien. „Und das (Fernseh-)Volk stand da und sah zu“
Betroffen, ungläubig und entsetzt haben alle die Todesnachricht aufgenommen, Eben hatte man voneinander erzählt, Erinnerungen ausgetauscht, sich Hoffnung auf Genesung und ein Wiedersehen gemacht, mitgelitten, aber nie mit der Ausweglosigkeit letzter Verzweiflung gerechnet. Wenn die Kraft zum Weiterleben nicht mehr reicht und der Glaube an das Licht am Ende des Tunnels verloren gegangen ist, die Kräfte , die nach unten ziehen, alle Energie kosten, und. stärker sind als alles Aufbäumen, als aller Glaube, alle Liebe, alle Hoffnung, dann scheint der Tod, auch der selbst gewählte, der einzige Ausweg, die einzige Antwort, die einzige Hoffnung zu sein, zur Ruhe zu kommen, um wenigstens nichts mehr spüren und aushalten zu müssen. Es ist die Hilflosigkeit, die alle innehalten und jedes Gespräch verstummen lässt. Worte verbieten sich dann. Innehalten, in den Arm nehmen, miteinander schweigen oder weinen kann vielmehr sagen als alle tröstend vertröstenden Worte, die dem Leben und der Wirklichkeit nicht standhalten können. Tränen sind tröstlicher als die Worte, denen ich selbst nicht traue..
Manchmal versammeln sich Menschen bei großem Schrecken, bei Terror in den Kirchen oder an den Plätzen des Schreckens, um der Opfer von Gewalt und Terror zu gedenken, um der eigenen Trauer Ausdruck zu verleihen, um das Leid, die Wirklichkeit des Kreuzes nicht länger auszublenden, als gäbe es das alles nicht wirklich. So schnell kann es mich oder mir Bekannte treffen in Berlin, Stockholm, Paris, Istanbul. Mitten im Leben sind wir umfangen von Leid und Tod, Sterben und Trauer. Wer, wenn nicht wir, die sich ängsten sollen oder die in den Grundfesten ihres Lebensvertrauens erschüttert werden, weil sich das Leben derer, die wir lieben, egal ob alt oder jung, nicht festhalten lässt, könnte mit einem Aufstand des Lebens dagegen protestieren. Auch so: „Und das Volk stand da und sah zu…“ Neugierde, Verzweiflung, Ohnmacht und Wut und grenzenlose Trauer: „und das Volk stand da und sah zu…“ So war es auch an dem Ort, der den Schrecken schon in seinem Namen trägt: Golgatha – Schädelstätte.
Hier fokussiert sich alles menschliche Leid, alle Gewalt und alle Ohnmacht, alle Hilflosigkeit und alle Todeswirklichkeit: an diesem einen Ort in dem Leiden dieses einen Menschen- und Gottessohnes. Heute stehen wir da und sehen zu, halten inne, der Lärm um uns herum verebbt, der Alltag und Lauf der Dinge wird unterbrochen, um die wirklich wichtigen Fragen des Lebens zu stellen.
Spielt das Leben nur einfach mit uns, ist die Welt dem Spiel von Macht und Unterdrückung, Hass und Gewalt ausgeliefert? Ist das Leben, das ich so gerne kontrolliert in den Händen behalten möchte, vom Schicksal ausgewürfelt oder ist ein Gott, der, vormals gnädig seinem Volk, auch meine Not, meine Verzweiflung und meine Sehnsucht sieht?
Ich stehe da und sehe das Kreuz vor mir aufgerichtet. Ich stehe mitten unter den Leuten und mir ist nicht fremd, was da in der Menge passiert. Da sind die einen, die versuchen ihren Nutzen aus dem Leid, dem Tod des anderen zu ziehen. Sie würfeln über sein Gewand, sie teilen auf, was übrig bleibt, noch ehe der Verurteilte verstorben ist. Auch so kann ich mich von dem ablenken, was mich eigentlich aus der Bahn werfen müsste. Auch so kann ich verhindern, dass das Schicksal eines Unschuldigen meinen Panzer der Abwehr durchbricht und sein Leid, mich anrührt, ich also mit-leide, mit-fühle, mit-sterbe. Lieber suche ich schnell meinen Vorteil. Kinder streiten sich schon vor dem Tod der Eltern über das Erbe. Getrennte Paare können sich nicht einigen über das, was einmal für ihr gemeinsames Glück und ihre gemeinsame Liebe stand. Und auch wenn sie nicht würfeln, sondern anders miteinander ringen, geht es doch eigentlich nicht um das gerechte Teilen des ehemals gemeinsamen Lebens, sondern um Sieg und Überlegenheit
Der Spott und der Hohn ist die andere Möglichkeit mit dem Leid umzugehen: „Selber schuld, hätte er doch wissen können“; „Wer mit dem Feuer spielt, verbrennt sich die Finger!“ „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Der Volksmund kennt viele solcher Redensarten. Aber eigentlich spricht Angst aus den Mündern so vieler, dass es ihnen ähnlich ergehen könnte. Angst ist die stärkste Triebfeder, wenn es wieder heißt: wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen. Der Spott kann mich schnell zum Täter werden lassen und ob mir dann einer beisteht, wenn ich das Opfer des Lebens und des Schicksals bin? Denn ganz schnell kann sich das Blatt wenden und die, die eben noch unter dem Kreuz als als die Davongekommenen, als die Verschonten, als die Lebenden oder als die Guten stehen, finden sich als die Geschlagenen, Verzweifelten, Getroffenen, Sterbenden wieder.
Schon heute bin ich Opfer und Täter. Ich bin geprägt von dem, was mir im Leben geschenkt und zugemutet wird, ich bin, was ich mir erarbeitet habe und was andere in mich investiert, mir zugemutet oder versäumt haben. Ich bin um Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit bemüht, und auch verstrickt in Ausflüchte und inkonsequente Verhaltensweisen. Ich kann die Welt nicht retten und bin doch durch mein lokales Verhalten mitverantwortlich für die globalen Verhältnisse. Es wäre zu einfach, den Stab über die zu brechen, die mit Jesus hingerichtet werden. Sicher darf man die Opfer von Verbrechen nicht vergessen, wie es in einer Täterverfolgenden und den Opfern nicht helfen könnenden Justiz oft geschieht oder wie es in einer Medienlandschaft geschieht, die vor allem der Faszination des Bösen und Dunklen erliegt. Aber die Täter sind eben nicht immer nur die anderen. Der Zwiespalt ist Teil meines Lebens, selbst wenn ich nicht zum Mörder werde. Jeder kennt die eignen Abgründe, verdrängt, laut geleugnet, aber ebenso real, wie die Schönheit und Liebenswürdigkeit, die jeder in sich trägt. Aus Liebe zu ihr, also aus Liebe zu mir hat Jesus den Weg des Leidens und des Todes gewählt. Liebe hat er dem einen Verurteilten noch zu verheißen gewagt: im Paradies wirst du sein, heute und mit mir.
Darin löst sich am Ende alles auf: Unter dem Kreuz versammelt sich die die Hilflosigkeit der Menschen:
– neugierig angezogen von allem Leid, so lange sie unberührt bleiben;
– sprachlos und ohnmächtig aber, wo sie den ganzen Menschen trifft;
– der die einen mit Spott, die anderen mit Streit begegnen;
– die Schuld und Versagen aufzeigt, aber auch die Grenzen und Endlichkeit dieses schönen, kleinen bisschen Lebens.
Aber in einem Augenblick der Ehrlichkeit und der Offenheit, wird ein kurzer Blick ins Paradies möglich.
Das Kreuz ist Brennpunkt von Leid, Schmerz, Trauer, Verzweiflung und Tod und wird zugleich für einen kurzen Augenblick für alle, die dort festgenagelt stehen und nicht fliehen können, zu einem Lichtstrahl aus Gottes Welt und Wirklichkeit: heute wirst du mit im Paradies sein.
So stirbt Jesus und sein letzter Atemzug ist wie ein Hauch der Ewigkeit und ein Trost in unserer schmerzhaft begrenzten Endlichkeit. Lassen wir uns anrühren: denn das Volk steht da und schaut zu. Amen

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