O Haupt voll Blut und Wunden?

EG 85,1-3: O Haupt voll Blut und Wunden

Liebe Karfreitagsgemeinde,

ein Bild des Jammers.

Das bekannteste Passionslied, geschrieben von Paul Gerhardt, malt uns das Leiden Christi vor Augen.

Ein Haupt voll Blut und Wunden, erbleichet, schändlich zugericht, blass…

Eindrücklich und irgendwie auch abstoßend.

Dieses Hineinversenken in das Leiden eines Gekreuzigten, eines Folteropfers.

Fast lustvoll kommt mir das vor.

Im Mittelalter war diese Betrachtung der Passion Christi gang und gäbe. Es war der Versuch, dem Geschehen auf Golgatha nahezukommen und die eigene Frömmigkeit ernsthaft zu leben.

Uns modernen Menschen ist das eher fremd.

Leiden verherrlichen – um Gottes Willen!

Und wenn es dann doch Leiden gibt, dann soll es doch bitte nicht so sichtbar sein. Für die Kranken haben wir das Krankenhaus, für die Dementen die Abteilung im Pflegeheim und wer Trauer trägt, soll das bitte nicht durch seine Kleidung nach außen tragen. Das ist unzeitgemäß und berührt peinlich.

 

  1. April 2017 in Wolfsburg. Bei der Auffahrt auf die Braunschweiger Straße gerät ein Rettungswagen, aus Detmerode kommend, in einen Unfall. Der Rettungswagen kippt um mit Rettungssanitätern und Patient.

Soweit, so schlimm.

Dann ereignet sich etwas, worüber in letzter Zeit immer häufiger berichtet wird. Die vorbeifahrenden Fahrzeuge fahren langsam vorbei, viele werden einen kurzen Blick auf das Unfallgeschehen werfen – das finde ich noch normal und nachvollziehbar. Aber nicht nur ein Fahrer zückt sein Handy und fährt extra langsam, um das Geschehene zu filmen. Warum?

Bombenanschlag in St. Petersburg, in Stockholm. Die Nachrichten gleichen sich. Menschen sind ums Leben gekommen, das ist traurig und sinnlos. In der Tagesschau sehen wir die Bilder, hören erste Informationen und Deutungen.

Und dann:

„Im Anschluss an diese Tagesschau senden wir einen Brennpunkt“.

Zu berichten gibt es eigentlich nichts Neues, aber das Geschehen wird noch mal und noch mal durchgekaut. Nichts Neues kommt zutage.

Warum also?

 

Könnte es sein, dass wir modernen Menschen gar nicht solch eine Scheu vor dem Leiden haben. Dass im Gegenteil die LUST am LEIDEN riesengroß ist?

Nur bitte: Zwischen mir und dem Leiden muss ein Bildschirm sind – entweder der große der Flimmerkiste oder wenigsten der kleine Handybildschirm.

EG 85,4+5: O Haupt voll Blut und Wunden

„Nun, was du Herr erduldet, ist alles meine Last“.

Jesus wird zum Opfer, weil ich es verschuldet habe?!?

Ein skandalöser Gedanke für einen modernen und selbstverantwortlichen Menschen. Ich will nicht, dass sich jemand für mich opfert. Und überhaupt: Warum braucht Gott überhaupt ein Opfer?

Auch der Gedanke an den Opfertod Jesu leuchtet uns heute nicht mehr ein. Überhaupt „Opfer“: Das klingt nach alterhergebrachten religiösen Riten, die der Vernunft entgegenstehen. Bestenfalls fällt uns noch der Opfertod für’s teure Vaterland ein – und auch das gehört, zumindest in unseren Breiten – hoffentlich der Vergangenheit an.

Opfer – das ist ein Schimpfwort unter Jugendlichen, nichts was Mitleid oder Respekt weckt.

Nein, mit Opfern wollen wir nichts zu tun haben!

Dabei werden doch täglich Menschen geopfert. Nicht nur im Nahen und Mittleren Osten, wo Menschen sich in die Luft jagen und andere mit sich in den Tod reißen.

Fast 4000 Menschen sterben in Deutschland in jedem Jahr im Straßenverkehr. 4000! Wenn es sich um Terrortote oder um Kriminalitätsopfer handelte, wäre diese Zahl ein Skandal. Für unsere Mobilität nehmen wir sie in Kauf. Das ist eben ein notwendiges Opfer.

Unser Lebensstil fordert tagtäglich Opfer. Vor der Küste Somalias fischen europäische Fischflotten, damit hier alles frisch auf den Tisch kommt. Dass die örtlichen Fischer und ihre Familien dann hungern und sie „umschulen“ auf Pirat – wen kümmert es hier? Die Opfer sehen wir nicht, sie betreffen uns nicht.

Der Lebenswandel in den reichen Industriestaaten treibt den Klimawandel massiv voran. In Kolumbien ersticken die Menschen unter den dadurch verursachten Schlammlawinen. Wen interessieren die Opfer?

 

Ich gebe zu, Karfreitag ist nicht mein Lieblingsfeiertag im Kirchenjahr. Der Gedanke des Sühnetods Christi bleibt mir fremd.

Aber dass da einer ist, der das Leiden der Opfer kennt, das berührt mich. Dass Gott nicht unnahbar und gleichgültig in der Ferne regiert, sondern selbst Schmerz und Tod erleidet, das übersteigt mein Fassungsvermögen.

Soviel Liebe!

Trost liegt für mich nicht in seinem Leiden, aber Protest.

Dieser Jesus steht auf gegen die Verherrlichung des Leidens, indem er die Grausamkeit von Gewalt zeigt. Er steht dagegen auf, dass Menschen zu Opfern werden, auch heute noch. Das ist vielleicht noch nicht Trost, aber es ist Protest. Der Tod Jesu Christi ist nicht erbaulich, aber er trifft uns ins Herz. Das haben Menschen früherer Zeiten besser verstanden.

Ich bin in Frage gestellt, auch in meinem Tun und Nichttun.

Und in meinem ganz persönlichen Leiden?

Da erfahre ich, dass jemand meinen Schmerz kennt und versteht. Und darin liegt nicht nur Protest, sondern auch Trost. Amen.

EG 85,11+12: O Haupt voll Blut und Wunden

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