Judas…oder weil es alle schon zu wissen meinten (Markus 14, 10-11 und 17-26)

(EG 488,1+2)
Lesung 1.Teil: Markus 14, 10.11
Das hätte ihm kaum einer zugetraut. Nach den vielen gemeinsamen Jahren, Seite an Seite, quasi Tür an Tür, glaubten alle ihn eigentlich zu kennen. Engagiert und leidenschaftlich hätten sie ihn beschrieben, aber bei allem Temperament auch als einen verlässlichen Weggefährten. Sie dachten alle, sie wären Freunde und Weggefährten, die sich aufeinander verlassen können. Er soll nun ein Verräter, gar ein Krimineller, indirekt ein Mörder sein? Wie kann man sich nur so in einem Menschen täuschen? Er sei doch unscheinbar und unauffällig, ja freundlich und im Umgang mit den Kindern aus der Nachbarschaft liebevoll gewesen. Man könne wirklich nichts schlimmes über ihn sagen. Ein Gewalttätiger, brutal und rücksichtslos, Er?
Aber die öffentliche Meinung kann sich auch schnell ändern und mit einem Mal wussten es alle schon immer: er verhielt sich oft sonderbar, lebte auffällig zurückgezogen, eigentlich hat er nie etwas gesagt, hat keinen an sich herangelassen, wollte wohl auf alle Fälle unscheinbar wirken. Vielleicht was das Absicht? Hatte er etwas zu verbergen? Und so wird dann über den Nachbarn, den Kollegen, den vermeintlichen Freund, den A-, B- oder C-Prominenten geredet, als die ersten Gerüchte die Runde machten.
Ja, eigentlich wussten es alle schon immer: Judas ist ein Verräter. Der Name ist seitdem diskreditiert, jedenfalls in christlichen Kreisen. Wer nennt seinen Sohn unter uns schon Judas. Und bis zur Verallgemeinerung Judas und die Juden ist es nicht weit: Verräter an der Sache Jesu und damit Verräter Gottes.
Welche Abgründe in der menschlichen Seele tun sich da auf. Und ich meine nicht Judas. Es würde sich lohnen, aber geht über das hinaus, was heute möglich ist, einmal zu beobachten, wie diese Radikalisierung der Verurteilung dieses einen Jüngers schon in der Bibel beginnt. Bei Markus, auf den wir heute hören, wird noch relativ zurückhaltend auf Judas geschaut, am Ende bei Johannes ist er dann beinahe schon die Ausgeburt des Hölle.
Erst Walter Jens mit einer leidenschaftlichen Verteidigungsrede hat vor mehr als vierzig Jahren versucht die Ehre Judas spät, vielleicht zu spät zu retten: sein Handeln, sein Verrat, wären heilsnotwendig, weil ohne Judas kein Kreuz, ohne Kreuz keine Auferstehung, ohne Kreuz und Auferstehung kein Heil, ohne Judas also kein Erlösungswerk Gottes…
Was für eine Tragik in der Gestalt des Einen, so wichtig und zugleich so verloren und verurteilt zu sein.
Was für eine Tragik, wie so oft im Leben von Menschen und ihrem leidenschaftlichen Ringen und eben auch Kämpfen mit Gott, dem richtigen Weg und der Bestimmung. Judas taugt durchaus auch zur Identifikation in diesem Ringen und Scheitern. Glaube ist eben nicht so einfach, geradlinig mit stets gutem und tröstlichem Ausgang. Manches Leben endet auch mit diesen Herausforderungen und Provokationen Gottes im Scheitern. Aber ist dann der Glaube, der Mensch, das Leben gescheitert?
Auch wenn alle es immer schon wissen…das Leben ist nicht so eindeutig und auch Gott ist uns nicht immer eindeutig. Auch Judas ist nicht so eindeutig zu verstehen.
Begeben wir uns also für einen Augenblick auf Spurensuche: in der Geschichte, von der wir meinen, dass wir sie kennen, aber auch in uns und unter uns:
Judas will Jesus verraten und sucht nach einer passenden Gelegenheit. Als Gegenleistung wird ihm Geld in Aussicht gestellt. Es wird nicht erzählt, dass er mit dem Bestechungsgeld erst aus dem engen Kreis der Jesusjünger und Anhänger herausgekauft und für den Verrat gewonnen werden musste. Markus zumindest taugt nicht als Kronzeuge für nachgewiesene Korruption. Geld übt Macht unabhängig von Grundüberzeugungen aus, Geld verleiht Menschen Macht und Einfluss und Macht werden oft genug missbraucht, um sich zu bereichern. „Die reichste Regierung in der Geschichte Amerikas“ lautete eine Schlagzeile der letzten Woche. In Rumänien sagte man: ich bin schon reich, ich muss mich nach der Wahl nicht mehr bereichern, um dann zu zeigen, dass Reichtum angenehm, mehr Reichtum aber noch angenehmer ist. Der Wechsel von der Regierungsbank in das Wirtschaftslager hinterlässt immer einen fahlen Beigeschmack, egal ob der Weg vom Kanzleramt zu Gazprom oder zur deutschen Bahn führt.
Ein gestörtes Verhältnis im Umgang mit Geld scheint aber nicht die eigentliche Schwäche des Judas gewesen zu sein. Kurz vor dem Verrat berichtet Markus von der Salbung in Bethanien und von der Diskussion einiger Jünger über den verpassten Nutzen, der mit dem Gegenwert des Salböl hätte erreicht werden können, aber er erwähnt dabei nicht ausdrücklich Judas. Allerdings wird in dieser Geschichte vor allem die unmenschliche Moral bloßgestellt, die statt Richtschnur verantwortlichen Handelns zu sein ganz schnell zu einer Waffe im Einsatz gegen andere werden kann. „Was könnten wir mit dem Geld und dem Vermögen der Kirchen alles Gutes tun, um am Ende zwar vielen geholfen, aber diese Welt doch noch nicht endgültig gerettet zu haben.“ Was machen wir mit den reichlich sprudelnden Einnahmen unsere Landeskirche? „Tarifgehälter und Beamtenbesoldung widersprechen dem Armutsideal“ Und über Kirche und Geld kann sich die Öffentlichkeit leidenschaftlich erregen. Und so bleibt der Verdacht an Judas hängen, dass Geld ihn verdorben habe, und der Vorwurf wird immer wieder neu erhoben, auch wir Christen seien käuflich und lassen uns unsere vermeintliche Staatsnähe fürstlich belohnen und zwar zum Preis der Abhängigkeit und letztlich des Verrates an Jesus. So bleibt Judas zunächst ein Rätsel, denn seine Tat bleibt seine Tat. Ist damit aber schon aller über ihn gesagt? Der Mensch ist und bleibt, was er tut?
EG 488, 3+4
Lesung 2.Teil Markus 14,17-26
Markus ist der erste Evangelist, der vom Abend des Verrates berichtet: Einer von euch…lässt er Jesus sagen und damit den Jüngerkreis im Unklaren. Er kennt den Namen, aber er nennt den Namen nicht. Er will die Aufmerksamkeit darauf lenken, das es nicht selbstverständlich Judas sein muss. Alle fühlen sich angesprochen, alle halten sich für gefährdet: „Bin ich´s?“
Jeder steht jederzeit in der Gefahr ,Jesus zu verraten. Der eine mit einem Kuss, der andere mit einer Verleugnung: Ich kenne ihn nicht. Einige werden einschlafen, wieder ein anderer verrät ihn womöglich durch Rückzug in das alte eigentlich zurückgelassene Leben, wenn es ernst wieder, oder wieder einer, der es gut meint, in dem er mit dem Schwert kämpfen möchte für die Sache Jesu, der doch die Friedfertigen seliggepriesen hat. Deshalb wohl zunächst betretenes und hilfloses Umherblicken. Jeder könnte es sein, jeder ist gefährdet, und über jedem schwebt: weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. Manche werden gleich sagen: deswegen musste es so böse mit Judas ( und mit wem eigentlich noch alles???) enden. Hören wir es gleich als Fluch, der sich bewahrheitet oder sollten wir es nicht lieber als Klage, voller Trauer, über einen Menschen hören, dem gerade seine Bindung, seine Beziehung, sein Leben zerbricht, der mit einem mal nicht mehr ansprechbar und erreichbar ist, der sich buchstäblich verliert? Kann es wirklich auch nur einen Menschen geben, über den man am Ende sagen darf: es wäre für diesen Menschen besser nicht geboren zu sein?
Wie können wir nur Umstände aushalten, zulassen oder gar gutheißen, in denen Menschen für sich am Ende kein anderes Fazit mehr wagen, als ihre eigene Geburt und damit das Geschenk ihres Lebens zu negieren! Vor allem sollten wir die nicht verurteilen, die ihr Leben nicht mehr aushalten und sich nicht mehr abhalten lassen können, zu gehen.
Markus, und es lohnt sich das in Erinnerung zu rufen, lässt das Ende des Jüngers Judas offen. Er lässt Jesus mit seinen Jüngern das Passahmahl feiern. Er lässt ihn das Brotwort und das Kelchwort sprechen: mein Leib und mein Blut des Bundes für viele vergossen…
Und Judas ist selbstverständlich dabei, als das Brot gereicht und aus dem Kelch getrunken wird.
In diesem Augenblick sind unsere Lebensgeschichten, alles Gelingen und Versagen, alle Liebe und der Verrat, ganz gleich gültig. Wir sind alle am Tisch des Herrn und teilen das Brot des Lebens und den Kelch des Heils. Die Geschichte, von der alle meinen, das Ende schon zu kennen, ist mit einem mal wieder offen, jedenfalls aus Gottes Perspektive. Nichts ist entschieden oder soll ich sagen Gott hat alles längst ganz anders als wir zu wissen meinen entschieden?
Ich bin nicht also längst nicht fertig mit Judas, aber auch nicht mit meiner eigenen Geschichte. Aber ich sitze heute mit am Tisch des Herrn. Machen sie sich ruhig auf ihre eigene Spurensuche. Amos Oz hat Judas einen großen Roman gewidmet. Walter Jens hat eine leidenschaftliche Verteidigungsrede gehalten und Eugen Drewermann hat versucht einen Blick in das Seelenleben zu werfen. Aber wahrscheinlich wird es immer so sein, dass wir dabei vor allem uns selbst begegnen.
Kurt Marti hat ein Gedicht über Judas geschrieben, das sie in den Händen halten:
schöner judas / da schwerblütig nun / und masslos / die sonne
ihren untergang feiert / berührst du mein herz / und ich denke dir nach / ach was war / dein EINER verrat / gegen die VIELEN /der christen, der kirchen / die dich verfluchen? / Ich denke dir nach und deiner / tödlichen trauer / die uns beschämt .

Amen

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