In Liebe und mit Eifer

Palmsonntag verbinden wir gerne mit dem Einzug Jesu in Jerusalem, mit viel Hosianna und Jubel – und mit dem versteckten ‚den müssen wir töten‘. Aber nach der Erzählung vom Einzug in Jerusalem berichtet uns der Evangelist Markus eine kleine, feine Szene.

3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Da kommt eine Frau, von der wir nicht einmal den Namen wissen. Sie betritt den Raum, wo Männer zu Tische sitzen und Gespräche führen. Und sie betritt ihn auch nicht um zu dienen, sondern um eigenständig zu handeln. Das ist übergriffig. Das gehört sich nicht in der Männergesellschaft zu Zeiten Jesu. So wie vor 50 oder 60 Jahren Kinder zu schweigen hatten, wenn Erwachsene redeten, so ging es vor 2000 Jahren den Frauen. Sie durften dienen, aber ‚Klappe Halten‘.

Und die Verschwendung dieser Frau ist legendär geworden: Mehr als 300 Denare soll dieses Öl kosten, das entspricht dem Jahreseinkommen eines Arbeiters.

So ist das noch heute im Leben: Die einen leben knapp über dem Mindestlohn und haben 20.000 € im Jahr brutto und die Andere geht mal eben hin, stört die Gemeinschaft der Männer und verschüttet Öl für 20.000 €. Der Protest ist vorprogrammiert. Das Gegrummel über die Übergriffigkeit genauso wie die offene Aggression über die Verschwendung. Da treten Konflikte zu Tage, die es wohl schon zu Lebzeiten Jesu gab. Die armen Jünger und die reichen Mäzeninnen der Jesus-Bewegung. Der konnte man jetzt doch mal so richtig Breitseiten verpassen. Wohl auch in Erwartung, dass Jesus das Verhalten dieser Frau auch tadeln wird. Aber Jesus spielt nicht mit. Er wehrt sich gegen die Verurteilung dieser reichen Frau, weil sie in einem konkreten Moment konkret gehandelt hat.

Und wir dürfen rätseln, was sie denn richtig gemacht hat und auch warum die frühe christliche Gemeinde nicht einmal ihren Namen überliefert hat. Auf die letzte Frage gibt es keine Antwort.
Aber auf die Frage, warum in diesem Fall die reiche Frau und ihre Verschwendung gelobt wird, darauf kann es Antworten geben: Es geht im Kern wohl um die Liebe, die sich selbst verschwendet. Es geht um Liebe in all ihrer Unvernunft – und vielleicht auch darum, dass Geld und soziales Engagement allein noch nicht christliches Leben ist.

Der manchmal heftig ausgetragene Konflikt zwischen verschwenderischer Liebe und einem ‚Barmherzigkeitsmoralismus‘ wird immer Thema christlichen Lebens sein.

Es wird wahrscheinlich eine ewige Streitfrage in der evangelischen Kirche bleiben (und darüber hinaus): Wieviel Aufwand darf betrieben werden für Schönheit und Ausstattung von Gottesdienststätten und ab wann wird es unglaubwürdig für eine Kirche, die sich im Namen ihres Herrn für Benachteiligte einsetzt.

Jesus hat wohl Recht. Über das, was diese Frau tat, werden wir noch lange reden und werden den Konflikt aushalten müssen auf ewig oder bis in eine Zeit, in der wirklich alle alles gemeinsam haben. In der alle genug zu essen haben und keiner mehr als er wirklich braucht. Was wollen wir lieber?

Ihr habt allezeit Arme unter Euch. Zumindest mit der Aussage hatte Jesus bis heute Recht. Beginnen wir das ernst zu nehmen, dann können wir vielleicht auch die Verschwendung ertragen.
Und dann spüren wir vielleicht auch, was das Besondere dieser Tat ist. Zwischen dem Einzug in Jerusalem und Gethsemane und Golgatha hat diese reiche Frau erkannt, wie es wirklich um Jesus steht. Sie hat sich nicht blenden lassen von dem Hosianna und dem Jubel. Sie wusste vielleicht schon um das ‚Kreuzige ihn‘. Auf jeden Fall hat sie Jesus mit seinen Leidensansagen ernst genommen. Darum lässt er sie gewähren. Er lässt sich salben als Messias (’der Gesalbte‘) und er lässt sich salben für seine Beerdigung. Er lässt es geschehen, weil das jetzt der passende Zeitpunkt ist für diese verschwenderische Liebe.

Und vielleicht auch, weil er das Prophetische hinter dieser Tat sah. Prophetisch, was seinen Tod betrifft und prophetisch, weil es wie eine Königssalbung daher kam: ‚Du salbest mein Haupt mit Öl.‘, heißt es im Psalm 23 und so geschieht es hier. Jesus wird gesalbt. Ob zum Sterben oder als König. Beides ist richtig und Beides behält seine Würde. Wichtig bleibt, dass diese Frau Christus (dem ‚Gesalbten‘) die Ehre gibt.

Und man fühlt sich vielleicht an 1. Korinther 13 erinnert: Und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Nur die Liebe kann derart verschwenderisch sein. Und nur die Liebe erkennt, was jetzt dran ist. Das, was da geschah war ein einmaliger Vorgang, weil der Zeitpunkt nur in einem ganz kleinen Zeitraum da war.

Aber dieser Vorgang elektrisiert Kirche bis heute. Sie erhält Geld von ihren Mitgliedern um es auszugeben. Wozu?

Dazu eine kleine Geschichte:
Als eine Consulting-Forma die Nordelbische Kirche auf Rentabilität und Effizienz untersuchte, gab es einen Bereich, der das traurige Schlusslicht bildete: der Gottesdienst. Elend teure Ressourcen, die vorgehalten werden, Fachpersonal wie Pfarrer, Kirchenmusiker und Küster. Ein Gebäude, das nur zu diesem einen Zweck gebaut und unterhalten wurde. Und trotzdem wird christliche Gemeinde ihren Gottesdienst nicht aufgeben wollen, und wenn eine Kirche geschlossen werden soll, gehen selbst die auf die Barrikaden, die sie bis zum Äußersten schonen.
Es gibt immer wieder Dinge da darf oder da muss man auch verschwenderisch sein. Manchmal geht genau das nicht. Über die Grenze muss Kirche immer wieder diskutieren. In Liebe und mit Eifer.

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