Sollte Gott gesagt haben …?

Predigt über Gen 22, 1-13
Judika, Reihe III, 2.4. 2017

Die Gnade Jesu Christi
Und die Liebe Gottes
Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
Sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,
eine schreckliche Geschichte ist das, die wir da als erste Lesung gehört haben und die uns als Predigttext für heute aufgegeben ist. Eine schreckliche Geschichte. Wer tut so etwas – sein Kind – sein einziges, lang ersehntes, geliebtes Kind opfern?

Doch halt – das gibt es ja, daß Kinder geopfert werden – einer Idee, der Macht, einer Religion. Das gibt es.
Es gibt Kindersoldaten, Kanonenfutter. Auch in unserm Land gab es das, und es ist noch nicht so lange her. Einige Überlebende sind noch unter uns, die am Ende des 2. WKs mit 14 Jahren als Flakhelfer den Luftraum verteidigen sollten.
Heute gibt es Kinder, die im Sport auf Leistung trainiert werden.
Kinder, die uns unterhalten sollen in Filmen oder in Konzerten.
Wie oft wollen sie das selbst – und wie oft stehen dahinter Eltern, denen es um Ruhm und Geld geht?
Wie häufig sollen die Kinder „was werden“, damit ihre Eltern stolz auf sie sein können … Daß die Kinder ganz andere Interessen, Ziele und Träume hatten, wird den Interessen, Zielen und Träumen anderer geopfert.

Eine schreckliche Geschichte ist das – Abraham und Isaak auf dem Berg Morija. Gott hatte Abraham aufgefordert, mit Isaak zum Berg Morija zu gehen und dort ein Brandopfer zu bringen. Isaak zum Brandopfer zu bringen – so hatte Abraham verstanden.
Und so machte Abraham sich auf den Weg mit allem, was man braucht, um ein Brandopfer zu beschicken. Und mit Isaak, seinem einzigen, lang ersehnten, geliebten Kind. Seinem einzigen Kind? Nein, halt, Abraham hat noch ein Kind, einen Sohn, Ismael. Den hatte er allerdings mit seiner Mutter Hagar in die Wüste geschickt, wo der Tod so gut wie sicher war. Daß Hagar und Ismael überlebten, war nur Gott zu verdanken (Gen 21).
Schon einmal also hatte Abraham ein Kind geopfert für einen höheren Zweck … für Frieden in der Familie nämlich und das ungeteilte Erbe für Isaak.

Drei Tage lang waren sie unterwegs nach Morija, Abraham und Isaak. Drei Tage hatte Abraham Zeit, nachzudenken über das, was Gott gesagt hatte, über das, was er da tun sollte …
Was hatte Gottes Stimme noch einmal gesagt? „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija …“ – so weit, so klar – „… und führe ihn hinauf, dort, zu einem Brandopfer.“
Was sollte das anders heißen, als daß Isaak geopfert werden sollte für Gott?
Doch was ist das für ein Gott, der solch ein Opfer fordert? Welchen Sinn hat solch ein Opfer – außer absolute Loyalität und blinden Gehorsam zu beweisen? Ein grausamer Gehorsamsbeweis wie in einer Diktatur.
Warum stellt Abraham diese Fragen nicht, auf dem Weg zum Berg Morija, neben Isaak hergehend? Warum fragt er nicht Gott, was das soll? Warum versucht Abraham nicht zu verhandeln – so wie er damals verhandelt hat um Sodom (Gen 18)?
Gott, warum willst du, das ich Isaak opfere, mein geliebtes Kind? Was soll dieses Opfer, Gott? Was für ein Gott bist du überhaupt, daß du das verlangst von mir?

Diese Fragen wären ein Ausweg gewesen.
Ein Frage wie im Paradies: „Sollte Gott gesagt haben …?“
Nicht jedes Wort Gottes kann unhinterfragt bleiben. Es könnte auch in die Irre führen. Auch bei der Versuchung Jesu zitiert der Teufel aus der Bibel. (Mt 4, 5-7 ; Lk 4, 9-12). Er sagt zu Jesus: „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab von der Zinne des Tempels; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«
Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«

„Was sagt Gott? Was bedeutet das? Was meint das? Wie paßt das mit dem zusammen, was ich bislang von Gott erlebt und erfahren habe? Daß Gott das Leben liebt. Daß Gott treu ist?“
Spätestens seit der Reformation stellen wir diese Fragen – sollen wir diese Fragen stellen.

Doch Abraham bleibt stumm und Gott bleibt auch stumm. Keine Frage, keine Antwort.

Und so ziehen sie schweigend dahin , Abraham und Isaak … und Gott. Schließlich fragt der Junge den Vater: „Wir haben Holz und Feuer, aber wo ist das Schaf zum Brandopfer?“
Und Abraham antwortet: „Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ – Eine Lüge, denn das ist nicht, was Abraham plant. Eine Lüge und wieder eine verpaßte Chance. Denn hätte Abraham geantwortet: „Gott will dich zum Opfer haben.“, dann hätte Isaak die nötigen Fragen stellen können: „Wieso ich? Was habe ich denn getan? Was für ein Gott ist das denn, der solche Opfer braucht? Liebst du ihn denn so viel mehr als mich, daß ich deshalb sterben muß?“
Fragen, die Kinder, die heute geopfert werden, vielleicht auch stellen.
Doch Abraham antwortet mit einer Lüge. Einer Lüge, aus der vielleicht seine Hoffnung spricht. Einer Lüge aber, die ihn vor den notwendigen Fragen abhält.
Und so gehen sie dahin, Abraham und Isaak – und vielleicht auch Gott – schweigend, bergan.
Bis sie oben ankommen. Noch immer keine Fragen an Gott. Noch immer tödliches Schweigen.
Abraham baut den Altar, schichtet das Holz, bindet seinen Sohn, legt ihn oben auf den Holzstoß, greift das Messer, reckt es zum Todesstoß auf Isaak.
Da, erst da, spricht Gott durch einen Engel: „Tu dem Jungen nichts.“
Abraham entdeckt einen Widder, der sich im Gebüsch verheddert hat. Den opfert Abraham.
Und Abraham nennt die Stätte „Der Herr sieht“. So heißt dieser Ort wohl bis heute. (V 14)

Isaak ist gerettet und darf leben – doch das Vertrauen zu seinem Vater ist wohl zerstört. Seine Mutter Sarah stirbt bald darauf. Die jüdische Tradition sagt: Sarah stirbt an gebrochenem Herzen darüber, das Abraham so etwas Schreckliches tun konnte.
Diese Geschichte kennt nur Verlierer.

Doch halt, es gibt einen Gewinn, einen Ertrag: Gott will nicht, daß Menschen geopfert werden. Das ist jetzt klar und deutlich.
Und dies: Prüfe, was dir als Gottes Wort und Wille gesagt wird. Prüfe es im Gebet, in der drängenden Frage an Gott und lausche auf eine Antwort. Prüfe es mit der Frage: Was bist du für ein Gott? Ein Gott des Lebens?

Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinnen
in Christus Jesus.
Amen

drucken