Die Befreiung Isaaks

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

die Geschichte über die ich heute predigten möchte ist bekannt als die Opferung Isaaks. In der neuen Lutherbibel steht als Überschrift: Das Opfer Abrahams. Im jüdischen Zusammenhang heißt die Geschichte: Die Bindung Isaaks. Früher kam die Geschichte in jeder Kinderbibel vor. Heute steht sie in keiner Kinderbibel mehr. Ich halte alle diese Überschriften für nicht sachgemäß. Aber hören Sie selbst. Ich lese

1. Mose 22,1-18

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. 2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. 3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. 4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne. 5 Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. 6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. 7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? 8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. 9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz 10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. 11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. 13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt. 14 Und Abraham nannte die Stätte »Der HERR sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sich sehen lässt. 15 Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel her 16 und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, 17 will ich dich segnen und deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; 18 und durch deine Nachkommen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.

Wie grausam! Der Mann will seinen eigenen Sohn umbringen. Das ist unmenschlich. Was ist das für ein Gott, der so etwas befiehlt? Ein grausamer Gott aus alter Vorzeit. Nein, das Verhalten Abrahams kann niemand loben. Diese Geschichte passt zu dem antisemitischen Vorurteil, der Gott des alten Testaments sei ein brutaler Gott, während der Vater Jesu Christi im neuen Testament ein liebender Gott sei. Und wir heute sind so aufgeklärt, dass es uns völlig fern liegt unsere Kinder zu opfern.

Wirklich?

Ich glaube: Das stimmt nicht. Wenn wir uns die Geschichte genauer ansehen, werden wir etwas ganz anderes finden. Und wenn wir unsere Familien heute ansehen, dann finden wir erst recht etwas anderes.

Fangen wir mit den Familien an:

Wir opfern uns für unsere Kinder. Wir opfern nicht unsere Kinder. Welche Mutter, welcher Vater opfert schon sein eigenes Kind?

Ich glaube, jede Mutter und jeder Vater tut das. Wir opfern unsere Kinder nicht dem Gott der Bibel. Aber wir opfern unsere Kinder anderen Göttern. Martin Luther hat gesagt: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Und wir opfern unsere Kinder dem, woran wir unser Herz gehängt haben. Meistens ist das der Erfolg. Manchmal ist es das Glück. Wir bringen unsere Kinder dazu etwas zu tun, was unserem eigenen Selbstwertgefühl gut tut. Oft geht es dabei nicht um das Kind. Häufig geht es einfach um uns, und um das, was wir brauchen. Wir wollen, dass unsere Kinder erfolgreich sind, um eine erfolgreiche Mutter oder ein erfolgreicher Vater zu sein. Wir wollen, dass unsere Kinder glücklich sind, damit wir selbst glücklich werden. Oft gebrauchen wir unsere Kinder, um unsere eigene Seele zu stützen und zu schützen. Das ist auch eine Form, unsere Kinder zu opfern. Denn dann fragen wir nicht mehr: Wer ist das Kind? Was möchte es? Wie kann das Kind sich richtig entfalten? Wie kann ich es unterstützen eigene Entscheidungen zu fällen, die nicht zu mir sondern zu dem Kind passen?

So, und jetzt sehen wir uns die Geschichte an. Als erstes ist mir Vers 5 aufgefallen: 5 Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

Dann in Vers 8 das Gleiche: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.

Offensichtlich rechnet hier niemand mit Toten. Abraham rechnet damit, mit seinem lebendigen Sohn wieder zurück zu kommen.

Und dann leistet Isaak offensichtlich keinen Widerstand als Abraham ihn bindet und auf den Holzstoß legt.

Tiki Küstenmacher in seiner „Drei Minuten Bibel“ vermutet, dass es hier nicht um Abrahams Versuch geht, seinen Sohn umzubringen, sondern um ein Ablöseritual. Mir leuchtet das ein.

Abraham hatte nie die Absicht, seinen Sohn zu ermorden und auch Isaak wusste, dass er lebendig wieder am Fuß des Berges ankommen würde.

Was ist dann der Sinn des Ganzen?

Der Sinn ist: Abraham übergibt Isaak Gott. Abraham löst seine Bindung zu Isaak soweit, dass Isaak frei wird sein eigenes Leben zu leben. Nicht mehr er wird über Isaak bestimmen. Isaak gehört jetzt zu Gott allein. Und Gott wird mit Isaak und an Isaak die Verheißungen erfüllen, die er Abraham gegeben hat. Sie werden viele Nachkommen haben und ein großes und mächtiges Volk werden. Und das geht nur, wenn Abraham Gott nicht dazwischen funkt. Die Geschichte geht mit Gott und Isaak weiter. Und Abraham wird sich raushalten. Und Isaak ein eigenes Leben in der Verheißung leben lassen.

Das hat er mit diesem Opfer deutlich gemacht. Es ging nie darum, Isaak zu töten. Es ging eher darum, dass Abraham seine Ansprüche auf Isaak tötet.

Am Ende wird ein Tier geopfert, um den Bund zu befestigen. Isaak ist als Knabe auf den Berg gestiegen. Als Mann wird er wieder am Fuß des Berges ankommen. Und oben wird er gleichberechtigt mit seinem Vater zusammen von dem Opferfleisch essen.

Liebe Gemeinde, es wäre für uns alle gut, wenn wir unsere Kinder Gott überlassen und irgendwann, wenn sie größer sind, Schritt für Schritt nicht mehr versuchen, das zu bestimmen, wofür sie sich entscheiden. Wir werden es nie schaffen, unsere Bindung an unsere Kinder so zu lösen, dass sie wirklich frei sind. Aber gut wäre es, wenn wir es versuchen. Damit sie selbst herausfinden, wer sie sind und was zu ihnen passt, müssen wir unsere Wünsche und unsere Vorstellungen für ihr Leben zurücknehmen und sie bei dem unterstützen, was sie selbst wollen.

Mir fällt das sehr schwer. Um so älter ich werde, um so mehr merke ich, dass ich meinen Kindern das mit der Ablösung nicht leicht gemacht habe. Aber es ist ja nie zu spät. Wir können alle lernen, unseren Kindern eigenen Raum zu geben, und das zu fördern, was gut für sie ist und nicht das, was gut für uns ist. Für mich ist dazu ein guter Weg, für meine Töchter zu beten. Damit gebe ich sie in die Hand Gottes und nehme meine eigenen Ansprüche zurück. Dazu leitet uns Eltern diese Geschichte an.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

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