Palmarum Nur aus Hingabe Mk 14

Liebe Gemeinde!

Stille Woche. Heilige Woche. Große Woche. Karwoche. Viele Namen kennen die kirchlichen Traditionen für den Zeitabschnitt, der mit dem heutigen Palmsonntag beginnt. In den katholischen Kirchen werden Palmzweige gesegnet und mit Weihwasser besprengt. In früherer Zeit schrieb man diesen Zweigen besondere Wirkung zu: Menschen verzehrten deren Knospen und Triebe, um Krankheiten vorzubeugen. In Kreuzform wurden die Palmzweige auf die Äcker gesteckt, um damit Blitz und Hagel fernzuhalten. Den alten Brauch, die Zweige im Haus hinter ein Kruzifix zu stecken, den gibt es nach wie vor.

Welche Erkenntnis nehmen wir aus diesen Traditionen mit in unseren Alltag? Man tut gut daran, sich zu wappnen – innerlich und äußerlich. Denn es liegt Bedrohliches in der Luft. Die Karwoche beschreibt ein dramatisches Gefälle: vom umjubelten Einzug Jesu in Jerusalem bis hin zu dessen jämmerlichen Sterben auf der Schädelhöhe. Die Passionsberichte lassen wirklich nichts aus, sie berichten eindringlich von all dem, was die Not menschlichen Lebens ausmachen kann. Mel Gibson hat einmal die Not Jesu in seinem Film ‚Die Passion Christi‘ (2004) drastisch in Szene gesetzt. Mancherorts wurde der Film verboten – weil er zu grausam war. Mich wundert daher, was das damals für Menschen gewesen sind, die bei diesem Martyrium zusehen konnten. Obwohl: wir sehen heute auch Vieles im Fernsehen und schauen bald wieder einen Krimi. Die menschliche Seele ist manchmal ein Abgrund.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Der Ruf des Sterbenden am Kreuz ist irgendwie charakteristisch für unsere Zeit. Gott scheint unendlich weit weg zu sein. Oft hat man das Gefühl, als gäbe es ihn überhaupt nicht, als sei der Glaube nur ein schöner Traum, die der Wirklichkeit nicht standhält. Wo ist Gott denn im Leiden, in der Bedrängnis, bei den Flüchtlingen auf hoher See, in der Angst und Einsamkeit von kranken Menschen? Wie kann Gott all das Elend zulassen – auf der großen, weiten Welt, aber auch im persönlichen Schicksal so vieler Einzelner? Es fällt oft schwer, an Gott zu glauben; es fällt schwer, durchzuhalten und diese quälende Frage jeden Tag aufs Neue auszuhalten.

Vielleicht hält ja der biblische Text des heutigen Palmsonntags einen Hinweis für uns bereit.

Textlesung: Markus 14, 3-9

1 Es war aber nach zwei Tagen das Passah und das Fest der ungesäuerten Brote[A]. Und die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List griffen und töteten; denn sie sagten:  *2 Nicht an dem Feste, damit nicht etwa ein Aufruhr des Volkes entstehe

*3 Und als er in Bethanien war, in dem Hause Simons, des Aussätzigen, kam, während er zu Tische lag, ein Weib, die ein Alabasterfläschchen mit Salbe von echter, kostbarer Narde hatte; und sie zerbrach das Fläschchen und goß es auf sein Haupt.  *4 Es waren aber etliche unwillig bei sich selbst und sprachen: Wozu ist dieser Verlust der Salbe geschehen?  *5 Denn diese Salbe hätte für mehr als dreihundert Denare verkauft und den Armen gegeben werden können. Und sie zürnten mit ihr.  *6 Jesus aber sprach: Lasset sie; was machet ihr ihr Mühe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan;  *7 denn die Armen habt ihr allezeit bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen wohltun; mich aber habt ihr nicht allezeit.  *8 Sie hat getan, was sie vermochte; sie hat zum Voraus meinen Leib zum Begräbnis gesalbt.  *9 Und wahrlich, ich sage euch: Wo irgend dieses Evangelium gepredigt werden wird in der ganzen Welt, wird auch von dem geredet werden, was diese getan hat, zu ihrem Gedächtnis.

 

Mit dieser Geschichte von der Salbung Jesu in Bethanien beginnt der Bericht der Karwoche, die Zeit von Jesu Leiden und Sterben. Es sind nur noch zwei Tage, keine achtundvierzig Stunden – und dann wird alles vorbei sein. Jesus weiß, was da auf ihn zukommt. Und außer ihm wissen es noch einige andere: Der Hohe Priester und Schriftgelehrten, Judas.

Aber noch ist Jesus nicht gefangen. Er hält sich in einem Vorort von Jerusalem auf: dem Dorf Bethanien, im Hause Simons des Aussätzigen. Hat Jesus diesen Simon einmal geheilt? Vielleicht. In vielen Städten und Dörfern hatte Jesus geheime Anhänger, an vielen Orten gab es Häuser, in denen er ein gern gesehener Gast war, so auch hier in Bethanien.

Während in Jerusalem heimtückische Pläne geschmiedet werden für die Ergreifung Jesu, ereignet sich in Bethanien etwas wunderbar Schönes. Deutlicher kann die Spannung dieser letzten Lebenstage Jesu kaum deutlich werden.

Jesu Freunde sitzen am Abend beim Essen zusammen. Wer saß da? Man kann vermuten: Einfache Leute, mit denen Jesus es ja allermeist zu tun hatte: Jesu Jünger, Fischer, Handwerker, Kleinbauern. Und dann kommt eine Frau herein und gießt Jesus, als er gerade bei Tisch sitzt, eine Flasche wertvolles parfürmiertes Öl über den Kopf.

Die Handlung der schönen Frau bleibt in der Gesellschaftsrunde natürlich nicht unbemerkt, der intensive Duft des Öls breitet sich im Raum aus. Das Gefäß war fest verschlossen, das Öl der Nardenpflanze ist wertvoll. Die Narde ist eine Nutz- und Heilpflanze aus dem Himalaya. Wer weiß auf welche geheimnisvolle Weise die Frau an das Öl gelangt ist. Nardenöle wurden aus dem fernen Asien bis in den Mittelmeerraum exportiert und zur Zubereitung kostbarer Öle und Salben verwendet. (wikipedia)

Ich nehme an, das Fläschchen war ein jahrelang gehüteter Schatz. Der Raum füllt sich mit diesem Wohlgeruch. Aber schon rümpfen einige Schlaumeier die Nase: Passt diese Salbung denn jetzt? Zu dieser Stunde? Einige der Freunde Jesu äußern ihre starke Empörung. Sie nehmen den kostbaren Duft wahr und kommen angesichts seiner Intensität ins Nachdenken und fragen: Was soll die Vergeudung des Salböls?

Die Freunde, die so sprechen, haben gegen die Salbung Jesu anscheinend nichts einzuwenden, nur: Man hätte dieses Öl für viel Geld verkaufen können und den Erlös den Armen geben.

Das ist ein vernünftiger Einwand, und im Grunde gibt Jesus ihnen ja auch Recht, wenn er sagt: ‚Arme Leute habt ihr allzeit bei euch; und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen jederzeit Gutes tun. Aber mich habt ihr nicht allezeit bei euch.‘ Und genau das ist der springende Punkt. Jesus weiß, worauf es ankommt. Nicht jedes kostbare Geschenk lässt sich zu Geld machen. Ja, das darf man nicht. Das würde den Spender und dessen Gabe entehren. Jesus nimmt die Frau daher in Schutz. Die Kritik am Handeln der Frau mag eventuell berechtigt sein, aber es gilt, die Zeiten zu unterscheiden. Dieser Frau ging es mit ihrem geschenkt nur um Jesus. Denn ihm Gutes zu tun, das wird nicht mehr lange möglich sein. Seine Tage sind gezählt.

Jesus deutet mit seinem Wort die Gabe der Frau und zugleich auch seine letzte Lebenszeit. Klarer kann er gar nicht sagen, was die anderen vermutlich gar nicht sehen und wahrhaben wollen: Er geht auf seinen Tod zu, und der Weg ist nicht mehr weit. Die Frau hat getan, was sie konnte; sie hat seinen Leib im Voraus gesalbt für sein Begräbnis. Nach altem Brauch in Palästina wurde ein Leichnam gesalbt. Dieses Liebeswerk galt damals als noch wertvoller und wichtiger als das Almosen-Geben an die Armen. Die Armen sind tatsächlich allezeit da und das Almosengeben ist immer und immer wieder gefordert. Wenn aber jemand gestorben war, so wurde er (und wird er auch noch heute) noch am selben Tage beigesetzt. Die Salbung des Leichnams war also unaufschiebbar.

 

Man kann einwenden: Noch ist Jesus nicht tot; aber es sind aber nur noch wenige Stunden. Und man muss ebenfalls bedenken: als einem verurteilten Verbrecher konnte man Jesus nicht mit den üblichen Zeremonien bedenken, sondern man musste damit rechnen, dass einfach nur im Staub der Wüste verscharrt werden würde. Jesus wusste darum. Er wusste, daß ihm die Mächtigen in Jerusalem ihm nach dem Leben trachteten. Daher liegt ein doppelter Hinweis in seinen Worten: Bald wird keine Zeit mehr sein, ihm körperliche Wohltaten zu erweisen. Und vielleicht wird es dann keine Gelegenheit mehr geben zu einer normalen Behandlung und Salbung seines Leichnams.

Jesu Worte geben de, Liebesgeschenk der Frau also eine überraschende Deutung.

Was bleibt, ist der Vorwurf der Verschwendung. So spricht die Vernunft. Doch jeder weiß, daß wir nur nach der Vernunft nicht leben können. Vieles andere bestimmt unser Leben und Handeln. Aus Liebe handeln wir oft unvernünftig, vielleicht auch verschwenderisch. Und dagegen mag die Vernunft reden, wie sie mag. Die Liebe hat ihr eigenes Recht.

Evtl: Einspielen des Liedes: I don’t know how to love him JX Superstar)

Die verschwenderische Salbung in Bethanien – sie war Hilfe für einen bald zum Tode Verurteilten. Das ausgegossene wohlduftende Öl wird zum Sinnbild der verschwenderischen Liebe Gottes. Die Jünger haben das alles erst später verstanden; vielleicht auch diese Frau, die aus dem Herzen heraus Jesus etwas Gutes tun wollte. ‚Ihrer wird man gedenken, wann immer man sich an mich erinnern wird‘, lächelt Jesus seinen Freunden zu. Hätten Jesus und die geheimnisvolle Frau Nena gekannt, hätten sie während der Salbungsgabe vermutlich dieses Lied im Ohr gehabt:

Liebe ist (Nena)

Du guckst mich an, und ich geh mit
Und der ist ewig, dieser Augenblick
Da scheint die Sonne, da lacht das Leben
Da geht mein Herz auf – ich will’s dir geben

Ich will dich tragen, ich will dich lieben
Denn die Liebe ist geblieben
Hab nicht gefragt, ist einfach da
Weglaufen geht nicht – das ist mir klar

Du und ich, das ist ganz sicher
Wie ’n schöner tiefer Rausch
Von der ganz besondren Sorte
Und wir haben ein Recht darauf
Uns immer wieder zu begegnen
Immer wieder anzusehn
Wenn die große weite Welt ruft
Werd ich sicher mit dir gehn
Liebe will nicht
Liebe kämpft nicht
Liebe wird nicht
Liebe ist
Liebe sucht nicht
Liebe fragt nicht
Liebe ist so, wie du bist

Gute Nacht, mein Wunderschöner
Und ich möcht mich noch bedanken
Was du getan hast, was du gesagt hast
Das war ganz sicher nicht leicht für dich

Du denkst an mich in voller Liebe
Und was du siehst, geht nur nach vorne
Du bist mutig, du bist schlau
Und ich werd immer für dich da sein
Das weiß ich ganz genau

Du und ich, wir sind wie Kinder
Die sich lieben, wie sie sind
Die nicht lügen und nicht fragen
Wenn es nichts zu fragen gibt
Wir sind zwei und wir sind eins
Und wir sehn die Dinge klar
Und wenn einer von uns gehn muss
Sind wir trotzdem immer da

Wir sind da
Wir sind da
Wir sind da

Wir sind da
Wir sind da
Wir sind da

Liebe will nicht
Liebe kämpft nicht
Liebe wird nicht
Liebe ist
Liebe sucht nicht
Liebe fragt nicht
Liebe fühlt sich an, wie du bist

 

 

Liebe ist nun einmal verschwenderisch. Betörend. Alles hoffend. Alles gebend.

Die Frau wusste für wen sie getan hat. Wissen wir das auch?

Amen.

 

Matthias Stahlmann, Hilzingen, 2017

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