Ganz schön hell

Vier Wochen vor Lauras Konfirmation trommelt der Regen pausenlos gegen das Fenster vor ihrem Schreibtisch. Von Frühling und Sonne keine Spur. Alles ist grau in grau. Und beinahe kommt es Laura so vor, als würde der Regen gar nicht mehr aufhören. Von echter Fröhlichkeit, ist Laura so weit entfernt wie die Erde vom Mars. Sie hat die Mathearbeit verhauen, hat sich wegen irgendeinem Mist mit ihrer besten Freundin Isa gestritten und draußen wird es auch heute nicht mehr richtig hell – und all das drückt auf ihre Stimmung.

Nicht nur auf ihre. Das hat Laura genau beobachtet. Schon morgens sind ihre Eltern ziemlich schlecht gelaunt und Max, ihr kleiner Bruder, nervt sie sowieso ganzjährig. Richtig sauer wird sie aber, wenn sie nicht ins Bad kann, weil Max wieder mal nicht fertig wird.

Das Frühstück nimmt sie schweigend und schnell ein und hofft, dass jetzt bloß niemand ein Gespräch anfangen will. Als Laura aus der Haustür schlüpft, hebt auch das nicht ihre Stimmung. Denn auf dem Weg zur Bushaltestelle sind die Menschen mürrisch, benutzen die aufgespannten Regenschirme wie Prellböcke und bahnen sich gruß- und freudlos ihren Weg.

Und mittendrin in diesem Gewusel steht Laura, sehnt sich nach Sonne, oder wenigstens nach mehr Helligkeit, mindestens aber nach ein bisschen Wärme und denkt sich, dass vielleicht alles besser sein könnte, wenn irgendjemand diesen Leuten, wenn irgendjemand zu ihr mal sagen würde, dass alles gut wird. In ihrer Jackentasche vibriert ihr Handy und als Laura nachschaut, ploppt auf dem Sperrbildschirm eine Nachricht von ihrer Patentante auf.

„Hallo Liebes! Mein Konfirmationsspruch lautete „Gott, tröste uns, lass leuchten dein Angesicht.“ Ich schaffe es zu deiner Konfirmation! Was wünschst du dir? Freue mich, Gruß und Kuss, Monika.“„Einen Abdeckstift!“, denkt Laura, denn seit ein paar Tagen hat sie einen ziemlich dicken Pickel im Gesicht. Im Licht des Badezimmerschranks sieht der fürchterlich aus aber sie hofft, dass das nur am Licht liegt.

Abends steht Laura wieder vor dem Spiegel. „Lass leuchten! Wenn das bedeuten soll, dass sie strahlen soll, dann ist das nicht mein Spruch. Auch weil das kalte Weiß der Halogenstrahler über dem Badezimmerspiegel sie noch blasser aussehen lässt und der Pickel sein Übriges noch dazu tut. Laura spürt bei ihrem Anblick tiefe Verzweiflung, weil sie sich sehnlichst wünscht, dass alles perfekt ist. Denn eigentlich würde sie gerne leuchten und strahlen, und wie gut das aussehen würde in dem neuen Kleid, kann sie sich lebhaft vorstellen! Im selben Moment weiß Laura aber auch, dass sie besser die Tür abgeschlossen hätte, denn Max reißt die Tür auf und ruft: „Was hast du denn da im Gesicht?“ und rennt lachend davon.

Laura schießen die Tränen in die Augen. Nichts ist gut, nichts ist perfekt. Die Konfirmation wird ohne sie ablaufen müssen oder im Dunkeln. Es müsste einfach Tage geben, die nicht so dunkel sind denkt sie noch, bevor sie einschläft. Am nächsten Morgen hat der Regen immer noch nicht aufgehört, aber Laura hat sich vorgenommen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Kurz vor dem Einschlafen war ihr nämlich noch ein Satz aus dem Konfirmandenunterricht eingefallen, in dem es darum ging, dass Gott einen jederzeit freundlich anschauen würde. Ganz egal, wie ich aussehe und wer ich bin? Ganz egal wie du aussiehst und wer du bist, hatte der Pfarrer geantwortet.

Was für ein Satz! Aber so ganz kann Laura sich das nicht vorstellen, denn wenn sie so an sich herunterblickt entdeckt sie schon ein paar Makel, die sie gar nicht so gut findet. Laura kneift sich in die Seite, fühlt die kleinen Röllchen über der Hüfte und denkt daran, dass Oma oft „mein kleiner Wonneproppen“ zu ihr sagt. Laura ärgert das immer auch ein bisschen, aber ungewollt muss Laura jetzt doch grinsen.

Drei Wochen vor der Konfirmation ist Laura in der Schule und steht in einer kleinen Gruppe mit anderen zusammen. Isa steht neben ihr und Laura ist immer noch froh darüber, dass der Streit zwischen ihnen geklärt ist. Vor einer Woche war Isa extra zu ihr gekommen, um mit ihr zu reden. Laura fand das ziemlich beeindruckend und unheimlich tröstend und schön zu wissen, dass es Menschen wie Isa in ihrem Leben gibt, denen sie anscheinend nicht egal ist und die ihre Welt ein bisschen heller machen.

Kurz vor Ende der großen Pause sieht Laura noch, wie ein paar ältere Schüler einen kleineren Jungen ärgern. Der Kleine ist den Tränen nahe, aber es ist auch niemand da der ihm helfen will. Laura wird zornig, hat aber auch nicht den Mut, sich einzumischen. Als der Kleine schließlich heulend auf dem Boden sitzt und die verstreuten Sachen wieder in seine Schultasche packt, geht Laura zu ihm und hilft. Als er sie sieht lächelt er sie schüchtern an und auch sie strahlt, weil sie ihm helfen kann.

Eine Woche vor der Konfirmation sitzt Laura schließlich zum letzten Mal im Gottesdienst. Ist da Wehmut? Wenn ja, ist dieses Gefühl schnell verflogen, denn vor allem die Klamotten der anderen Mädels sind das große Thema an diesem Morgen. Aber an einer Stelle der Predigt hört Laura dann doch zu, denn plötzlich erzählt der Pfarrer da vorne etwas von offenen Augen und das Gott keine Unterwürfigkeit will. Der Pfarrer hackt schon wieder auf Heidi Klum und ihren Topmodels rum, ärgert Laura sich, aber was er sagt, klingt auch angenehm erleichternd: Gott will selbstbewusste und aufrechte Menschenkinder in seiner Herde. Kein Mensch soll sich verstecken müssen, weil er sich nicht perfekt fühlt. Erstaunlicherweise gefällt Laura diese Aussage besonders gut, denn was sie wirklich hört ist, ich bin gut, so wie ich bin. Auch in meinen größten Selbstzweifeln kann ich mir sicher sein, Gott findet mich gut.

In der Nacht vor der Konfirmation hat Laura einen sehr angenehmen Traum. (Orgelmusik) Der dicke Pickel ist längst vergessen, das Kleid sitzt perfekt und auch die Haare sehen toll aus. Laura strahlt hell. Alles ist gut, Laura ist glücklich bis auf die Tatsache, dass sie sehr aufgeregt ist, aber auch die anderen um sie herum, das spürt Laura deutlich, sind ziemlich zappelig. Vor allem Tobias merkt sie an, dass er absolut nervös ist. Er steht etwas abseits, im Schatten des Kirchturms. Um ihn herum ist es dunkel. Also fasst Laura sich ein Herz, geht zu ihm, nimmt seine Hand, wie in so einem amerikanischen Liebesfilm, und sagt, dass alles gut wird. Jetzt lächelt Tobias scheu und sie lächelt zurück und beide strahlen. So stehen die beiden noch ein bisschen nebeneinander und warten darauf, dass es endlich losgeht.

Auch ihre Patentante Monika ist plötzlich da, nimmt Laura nach dem Gottesdienst fest in ihre Arme und hält eine kleine Box in der Hand. Laura hat absolut keine Ahnung, was ihre Patentante ihr da schenken will. Schnell öffnet Laura das kleine Geschenk und da liegt eine kleine Taschenlampe in der Mitte der Schachtel. „Ganz schön helle“ steht auf der Lampe und Laura braucht einen Moment. „Lass leuchten!“, platzt es aus Tante Monika heraus, „so beginnt doch mein Konfirmationsspruch!“ und Laura versteht sofort, es könnte alles noch viel besser sein, wenn wir alle mehr für den anderen leuchten würden. (Orgelmusik endet abrupt)

Als der Wecker klingelt streckt Laura sich und ist glücklich. Alles wird gut, denkt sie sich, als sie ins Bad schlurft. Sie strahlt! Ganz schön hell.

AMEN.

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