Vom Hören und Sehen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, ich predige Ihnen den eben gehörten Predigttext in fünf Abschnitten.

I. Das Auge isst mit.
Ein festlich gedeckter Tisch, das weiß jeder, unterstreicht den Wert einer feinen Mahlzeit: Dazu gehört eine hübsche Tischdecke, Kerzen, das gute Geschirr und Omas Kristall-Gläser, die immer nur bei Festessen auf den Tisch kommen, weil sie nicht in die Spülmaschine dürfen. Wenn dann Gäste kommen, dann passen auch die Bestecke zusammen, die Servietten sind hübsch gefaltet, vielleicht ein paar Blütenblätter dezent verstreut. Das Auge isst nun mal mit: Die Stimmung verändert sich, die Augen empfangen das Signal „Hola!“, und sie signalisieren dem Gehirn, dass es wahrscheinlich kein Schwarzbrot mit Griebenschmalz gibt, sondern etwas besonders Feines. Alle Rezeptoren stellen sich drauf ein: Gleich wird es lecker. In der gehobenen Küchenkunst ist jedes Essen zugleich ein Hingucker: ein Salatblättchen links, eine halbe Erdbeere rechts, dazu mit Creme Balsamico ein dezentes Muster am Tellerrand, ein Schnittlauchröllchen zur Zierde obenauf – wenn die Meister am Werke sind, geht es um deutlich mehr als um das bloße Essen, dann entsteht Kunst auf dem Tisch und es lohnt sich, eine Weile zu gucken und zu staunen, bevor man Messer und Gabel zur Hand nimmt.
Warum das so ist? Nun ja, das Auge nimmt eine besondere Stellung unter den menschlichen Sinnesorganen ein. Wenn ich eine Erdbeere mit den Augen sehe, dann entsteht in meinem Gehirn ein Wissen davon, wie sie riecht und wie sie schmeckt. Wenn ich mein Gegenüber sehe, dann bekomme ich zugleich einen Eindruck, wie er oder sie sich anfühlt, ob er es gut mit mir meint oder nicht und ob das jemand ist, den ich kennenlernen möchte. Und wenn jemand mit mir spricht, muss ich nicht jedes Wort verstehen und bekomme doch ein Gefühl dafür, was er sagt. Das Auge fängt gleichsam andere Sinneseindrücke mit ein. 70 Prozent aller für uns wichtigen Informationen nehmen wir über das Sehen wahr. Darum ist das Sehen so wichtig zu sehen, beim Essen und im Leben sowieso.

II. Lass mich deine Herrlichkeit schauen.
Die Bibel weiß das. Gott sah an alles, was er gemacht hatte. Und siehe: Es war sehr gut. So beginnt das Ganze. „Lass mich deine Herrlichkeit schauen“, darum bittet Mose, als er mit seinem Volk in einer Krise ist. Die Israeliten glauben ihm einfach nicht. Sie gießen sich ein Kalb aus Gold. Sie sind wie Schafe, die in die Irre gehen. Lass mich dich sehen, gib mir ein Zeichen, bittet Mose in diesem Moment, wo Glauben einfach nicht mehr ausreicht. Und zuletzt ist es Thomas, der Ungläubige, der Zweifler: Er will die Wundmale Jesu sehen, mehr noch, er will sie anfassen, sonst kann er an die Auferstehung Jesu von den Toten nicht glauben.
Wir sind also, liebe Gemeinde, in guter Gesellschaft, wenn wir mit eigenen Augen sehen wollen, wenn wir von Gott fordern, dass er sich zeigt. Aber wir tun das in der Regel nicht aus einer Laune heraus. Wenn wir Gott um ein Zeichen bitten, dann brennt meistens die Hütte. Dann ist die familiäre Situation so verfahren, dass ein Ausweg nicht in Sicht ist. Dann ist die Bedrohung durch Krankheit so unerträglich, dass der Glaube auf dem Prüfstand steht. Dann ist der Riss, der sich durch die Gemeinde zieht, wie ein Graben, den nur Gott selbst überwinden kann. Wenn es uns gut geht, dann entdecken wir in jedem Krokus die Liebe Gottes. Wenn sich aber die Seele verdunkelt, dann brauchen wir sein Licht. Dann begehren unsere Augen, den Heiland zu sehen.

III Der Mensch sieht, was vor Augen ist.
Warum reagiert Jesus denn so scharf auf die Zeichenforderung der Pharisäer? Sie seien ein böses und ehebrecherisches Geschlecht, sagt er. Sie werden von ihm kein Zeichen bekommen außer den uralten Worten des Propheten Jona. Der saß nämlich drei Tage und drei Nächte in tiefster Umdunklung. Der wusste von Hoffnungslosigkeit ein Lied zu singen. „Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer“, betet Jona aus dem Bauch des Fisches, „Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben. Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.“
Jesus macht deutlich: Ihr Pharisäer seid nicht wie Jona, verzweifelt und am Grund des Meeres. Ihr habt die Tiefen des Lebens auch nicht ansatzweise ausgelotet. Ihr habt nichts, aber auch gar nichts verstanden. Ihr habt es ja nicht einmal versucht. Was ihr zu sehen begehrt, ist nichts als Oberfläche. Ihr werdet nichts anderes als heiligen Schein finden.
Darum reagiert Jesus so scharf auf die Zeichenforderung der Pharisäer. Sie sind schein-heilig. Selbstgerechte Erbsenzähler. Hochmütige Juristen der Chefetage. „Zeig uns, was du kannst, wenn du dich Sohn Gottes nennst“, das ist es, was sie meinen. Sie wollen Jesu Bewerbungsmappe sehen und seine Referenzen prüfen. An uns kommt nicht vorbei, wer über den Glauben in Israel reden möchte, meinen sie. Vergesst es einfach, sagt Jesus. Mach ich nicht. Hat eh keinen Zweck mit euch.

IV Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Die Reise des kleinen Prinzen von Antoine Saint-Exupéry ist eine Reise hinter die Oberfläche der Dinge. Alles, was du siehst, ist mehr als es scheint, sagt der kleine Prinz. Jedes Lebewesen hat eine Geschichte, jedes Bild eine tiefere Ebene. Allen Dingen, allem Leben wohnen weitere Bedeutungen inne. Wer nur sieht, was vor Augen ist, wird den tieferen Grund des Seins nicht erfassen. Darum: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Verstehen kann man das Wesen des Lebendigen nur, wenn man sich ihm mit dem Herzen nähert.
Das haben auch die Menschen in Ninive verstanden. Sie hören die Predigt des Jona und begreifen sofort: Das gilt uns. Jona muss ihnen gar nicht mehr vor Augen führen, was da schief gelaufen ist. All die kleinen Sünden, hier gestohlen, da betrogen – darum geht es gar nicht in Ninive. Ihre Bosheit war vor Gott gekommen, das war das Problem. Und die Menschen aus Ninive verstehen das intuitiv und mit dem Herzen. Und sie tun Buße am selben Tag Darum erbarmt sich Gott über die Stadt. Und Jesus geht noch einen Schritt weiter: Am Ende werden sie über die Pharisäer zu Gericht sitzen, sagt er. Das dürfte gesessen haben.
Man sieht nur mit dem Herzen gut. So deute ich Jesu Antwort auf die Zeichenforderung der Pharisäer. Nur mit dem Herzen versteht ihr die Geschichte von Jona. Nur mit dem Herzen erkennt hier, was sich damals schon anbahnt. Der Menschensohn wird drei Tage und drei Nächte im Schlund des Todes gefangen sein. Wer nur glaubt, was vor Augen ist, wird denken, er sei gestorben. Wer aber mit dem Herzen sieht, der versteht: Das gilt dir, das gilt mir. Da geht jemand durch das Dunkle, damit es in mir hell werde. Da stirbt jemand meinen Tod, damit ich nicht vergehe, wenn die Angst mich streift. Da überwindet jemand, was vor Augen liegt, um mir eine tiefere Dimension des Sehens zu ermöglichen. Da wird jemand lebendig, damit ich ihn mit dem Herzen sehen kann.

V Vom Hören und Sehen, das nicht vergeht.
Das Auge isst mit, so hatte ich angefangen. Das Sehen, es ist für uns so wichtig – nicht nur für die Orientierung, auch für den Genuss, die Freude, für das Verstehen und für den Kontakt. Sehen zu können ist so wichtig, dass Nicht-Sehen gleichsam wie Verdunklung erscheint, wie Seelen-Nacht, wie das große Nichts am Ende des Weges.
Aber das ist es nicht. Gott erkennst du mit geschlossenen Augen, wenn er sich dir zeigt. Was wichtig ist, verstehst du auf einer anderen Ebene. Darauf weist Jesus in unserem Predigttext hin.
Fürchte dich nicht, sagt Jesus. Ich habe so viel mehr für dich, als das, was vor Augen liegt. Ich gebe dir ein Herz, das im Dunkeln sehen kann.
Ich gebe dir einen Glauben, der den Tod überwindet.
Ich gebe dir ein Leben, das nicht an der Oberfläche bleibt.
Ich gebe dir eine Kraft, die dich durch alles Schwere hindurch trägt.
Ich gebe dir eine Hoffnung, die dir niemand nehmen kann.
Ich gebe dir Liebe, die Brücken baut.
Fürchte dich nicht, höre mir zu wie die Königin aus dem Süden. Schließe die Augen und lerne mit dem Herzen zu sehen. Denn ich bin der Anfang und das Ende, sagt Jesus. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ich bin das Licht der Welt. Und am Ende der Zeit sollst du meine Herrlichkeit schauen, weil ich es versprochen habe.
Amen.

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