Das Geheimnis Christi

Manche Menschen meinen ja, Jesus wäre immerzu verständnisvoll gewesen. Darum müsste Kirche auch heute immer voller Verständnis sein für alles Mögliche. Da lohnt es sich hinzuschauen, ob Liebe und Verständnis Jesu nicht auch Grenzen haben. Von diesen Grenzen erzählt eine kleine Geschichte:

38 Da antworteten ihm einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern und sprachen: Meister, wir wollen ein Zeichen von dir sehen. 39 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen, und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden außer dem Zeichen des Propheten Jona. 40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein. 41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. 42 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Jesus trotzt, Jesus ist sauer. Dir Leute wollen immer neue Wunder, und übersehen das eigentliche Wunder: Gott wird Mensch in ihm.

Es ist – glaube ich – menschlich, immer wieder neue Beweise zu erwarten. Aber es gibt Dinge, für die es keine Beweise gibt. So wenig, wie ich beweisen kann, dass ich wirklich liebe, können Glaubensbeweise erbracht werden.

Ich denke auch, die Religionsführer, die hier Jesus angehen, wollen auch keine Beweise. Sie wollen Jesus provozieren, sie wollen ihn dahin bewegen, dass er ein Wunder nach dem anderen tut und sie werden jedes wieder mit irgendwelchen Gründen ablehnen. So wie heute noch Menschen für alles Beweise bekommen wollen und sie selten erhalten. Liebe lässt sich nicht beweisen und Treue auch nicht. Und ob jemand ehrlich ist, kann ich ihm auch nicht ansehen. Und trotzdem wünsche ich mir manchmal Beweise.

Dass Jesus eine historische Person war, die predigte und von den Römern hingerichtet wurde, das können wir heute, wenn nicht beweisen, dann doch wenigstens sehr wahrscheinlich machen.

Aber was an ihm wesentlich ist, Geburt im Stall, Auferstehung und viele Inhalte seiner Predigten, da gibt es nichts, was zu beweisen ist. Und auch die Belege sind schwach, Zeugnisse von Menschen, die ihm nahegestanden haben, die später in seiner Nachfolge gelebt haben. Das hat nicht viel zu sagen.

Das Eigentliche ist für uns nicht nachweisbar. Das macht uns angreifbar. Aber es muss unserem Selbstbewusstsein, unserem Glauben nicht an die Substanz gehen.

Vielleicht reagiert Jesus auch deswegen trotzig, weil er weiß, dass es zum Geheimnis des Lebens gehört, dass Wesentliches nicht beweisbar ist. Dass ihn hier ausgerechnet Religionsführer, die es besser wissen müssten, drauf ansprechen, das ist eine Provokation, auf die er reagiert.

Er erinnert erst einmal daran, dass gerade innerhalb der Religion es oftmals Zeichen des Unglaubens, des fehlenden Glaubens gegeben hat. Die Juden, die ihn fragen erinnert er an ihre eigene Geschichte an die Treuebrüche (das meint er mit Ehebruch) der Geschichte erinnert, wo Menschen gegen den Willen Gottes ihre Ziele durchsetzen wollten.

Er erinnert damit auch mich, wie oft ich meine ich wüsste, was jetzt Gottes Willen ist, wie oft ich vorgebe, dass es hier um Gottes Gebote geht und nicht um meine eigenen Vorurteile.

Zeichen und Beweise sind das Einzige, was zählt in unserer Welt der Zahlen und Fakten. Da haben Vertrauen und Versprechen nur zweitrangigen Wert. Darum regt Jesus sich auf.

Mit dem Bewusstsein, immerzu Zeichen und Beweise erwarten zu dürfen, erwächst ein räuberisches und ehebrecherisches Geschlecht. Wer immer nur Misstrauen sät, muss sich nicht wundern, wenn er selber dabei verkommt.

Jesus gibt kein Zeichen, aber einen Hinweis. So wie Jona der Tage im Bauch des Fisches ausgehalten hat, so wird er drei Wochen in der Erde liegen und dann auferstehen.

Es gibt also Zeichen, auch in unserem Leben. Wir brauchen nur das Vertrauen, dass wir diese Zeichen nicht nur sehen, sondern auch glauben können.

Auch Thomas brauchte nach Ostern ein Zeichen. Ihm reichte das Zeugnis der Schwestern und Brüder nicht. Ihm wird es gewährt, weil er wirklich auf einem Weg ist, denen in der Sackgasse der Selbstgefälligkeit nicht.

Wir brauchen Zeichen und Hinweise und wir bekommen sie im Wort Gottes und in der lebendigen Existenz seiner Gemeinde, aber wir bekommen sie nicht in dem Sinne, dass das alles handgreiflich und unwiderlegbar ist.

Es geht um das Geheimnis Christi. Es gibt belegbare Fakten, aber die bringen nicht entscheidend weiter. Aber dass Jesus Gottes Sohn ist, bleibt unvorstellbar und ist auch nicht wirklich zu verstehen und darum auch nicht zu beweisen. Es ist eine Glaubens- und eine Vertrauenssache.

Es gibt den Glauben an Christus, an den Sohn Gottes, der Mensch geworden ist für uns, der gestorben und auferstanden ist – für uns. Daran kann und darf ich glauben.

Die Geschichte des Jona mag daran erinnern, dass Gott die Macht hat auch im Tod Menschen zu bewahren, aber sie vermag keinen Glauben zu schaffen. Jesus lässt sich da auf keine Kompromisse ein. Es gibt kein Zeichen außer denen, die es schon gibt. Und zum Wissen muss der Glaube dazu kommen.

Es gibt die Königin von Saba, die Vieles auf sich nimmt um Salomo kennenzulernen und von seinem Gott zu erfahren. Glauben bedeutet das nicht.

Und es gibt den Glauben, den ich erfahren kann, wenn Schwestern und Brüder miteinander Gottesdienst feiern, wenn sie Brot und Wein teilen, wenn sie Kinder taufen und für Ihre Mitmenschen beten.

Das ist der wahre Glaubensgrund, wie es einer mal formuliert hat: Christus als Gemeinde existierend. In seiner Gemeinde hat Gott sich an die Menschen gebunden, in seinem Sohn will er ihnen begegnen. Unsere Gemeinde ist der wahre Glaubensgrund. Wir können einander bezeugen, dass unser Leben geliebtes Leben ist. Und das ist auch gut so.

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