Die eigenen Schattenseiten erkennen und nicht mehr Schuld auf andere schieben

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

((Der Text ist sehr lang, ich bitte eine Kirchenvorsteherin, ihn als Lesung vorher zu lesen.)

1 Mose 3

1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?

2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;

3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!

4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,

5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.

7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten.

9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?

10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.

11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?

12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.

13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

14 Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.

15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.

16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.

17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.

18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.

19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.

20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.

21 Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.

22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!

23 Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.

24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens. )

 

wer ist schuld? Oft ist es schwer diese Frage eindeutig zu klären. Auch in der Urgeschichte, in der es um Schuld geht, ist das schwer zu sagen:

Ist die Schlange schuld, weil sie Eva verführt hat? Ist Eva schuld, weil sie Adam die Frucht gegeben hat? Ist Adam schuld, weil er die Frucht genommen hat und davon gegessen hat. Oder ist ganz und gar Gott schuld, weil er durch sein Verbot, das Übertreten des Verbots ermöglicht hat?

Jedenfalls ist in unserer Geschichte niemand bereit, die Schuld auf sich zu nehmen. Alle beschuldigen jemand anderen und versuchen sich selbst reinzuwaschen. Adam beschuldigt Eva und Gott. Eva beschuldigt die Schlange. Nur die arme Schlange hat niemanden mehr, auf den sie die Schuld abschieben kann.

Und dann erzählt die Geschichte, was passiert, wenn Menschen unvorsichtig sind und nicht auf die Warnungen Gottes hören. Sie müssen den Garten verlassen, in dem alles gut war, man abends mit Gott spazieren ging, und es genug Früchte gab von denen man sich ernähren konnte.

Das Leben wird härter. Die Schlange muss auf dem Bauch kriechen und bekommt gefährliche Feinde, die Frau wird Schmerzen haben beim Kinder gebären und keine gleichberechtigte Beziehung mehr zu ihrem Mann haben. Und der Mann muss mühsam das Feld bestellen. Auch für ihn wird das Leben anstrengend.

Und warum das alles? Weil sie einen Fehler gemacht haben? Ich weiß nicht. Es gibt viele spannende Interpretationen dieser Geschichte. Alle sind sich einig, dass es nicht um einen Fehler geht. Es geht um die Art des Fehlers. Sie Menschen haben vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen gegessen. Jetzt wissen sie was gut und böse ist. Und jetzt sind sie selbst verantwortlich dafür, sich richtig zu entscheiden. Sie müssen den Garten verlassen, um das zu lernen, was sie offensichtlich in dem Gespräch nach dem Früchteessen noch nicht konnten, nämlich Verantwortung für das zu übernehmen, was sie tun. Sie können jetzt einschätzen, dass das falsch war, was sie getan haben. Eva hat verstanden, dass sie betrogen wurde. Jetzt muss sie noch verstehen, dass sie entschieden hat, das falsche zu tun, auch wenn sie betrogen wurde. Adam fand das ok, zu tun, was seine Frau sagt. Jetzt in der neuen Welt draußen vor den Toren des Gartens, wird er lernen, selbst zu entscheiden und seine Entscheidungen selbst zu vertreten und sich nicht bequem zurück zu lehnen und zu sagen: Sie wird das schon regeln.

Draußen außerhalb des Gartens ist das Leben hart. Und die Verantwortung schwer.

Warum erspart Gott den Menschen nicht die Folgen ihres Handelns?

Das kann Gott nicht. Seine Menschen haben sich entschieden erwachsen zu werden. Sie haben angefangen, gut und böse zu unterscheiden. Sie haben angefangen zu lernen. Das heißt, sie sind aus der selbstverständlichen Gemeinschaft mit Gott heraus getreten und müssen nun ihren eigenen Weg suchen und für sich selbst sorgen. Und das geht nicht im Garten. Das geht nur in der rauen Wirklichkeit draußen. Gott kann sie nicht mehr bei sich im Garten behalten.

Und dann kommt diese rührende Szene: Gott macht für seine Menschen Röcke von Fellen. Er gibt ihnen Kleider, damit sie nicht mehr nackt sind. Er möchte, dass sie draußen geschützt sind, draußen wo sie nun auf sich selbst gestellt sein werden. Ich finde das ist ein mütterlicher Akt der Zärtlichkeit. Gott weiß, dass sie die Kinder loslassen muss und sie nun in ihr gefährliches Abenteuer der Selbständigkeit gehen und Gott gibt ihnen noch etwas mit.

Und jetzt stehen wir da in unserem rauen Leben und versuchen unsere Felder zu bestellen und unsere Kinder groß zu ziehen und zu lernen, was wir für ein selbständiges Leben brauchen.

Aber zu Hause im Schrank sind noch unsere Fellröcke, die uns daran erinnern, dass wir nicht immer alleine waren. Sie erinnern uns daran, dass wir aus dem Garten kommen, in dem wir geborgen waren und versorgt und Gott mit uns geredet hat abends in der lauen Brise im Garten als die Hitze nachgelassen hat.

Und jetzt stehen wir hier draußen mit unserem Wissen um gut und böse und müssen unsere Aufgabe erfüllen. Und ein wichtiger Teil unserer Aufgabe in diesem Leben ist es, zu lernen unsere Fehler zu sehen, Verantwortung für sie zu übernehmen, und damit aufzuhören, sie anderen in die Schuhe zu schieben.

Das ist hart. Denn es ruiniert unser Bild von uns selbst. Denn bekanntlich sind wir ja die Guten. Die Bösen, das sind die anderen, die Verbrecher und Betrüger, die Unordentlichen, die Unfreundlichen und die Arbeitsscheuen.

Wir hingegen sind ordentlich, und fleißig und freundlich und ehrlich. Und wenn wir mal wütend werden und uns ärgern, dann haben wir Recht. Denn wir machen alles richtig.

Mit diesem Bild von uns selbst, können wir normalerweise ganz gut leben.

Aber merkwürdigerweise gehen dann doch Dinge schief. Und ich weiß gar nicht wie das passieren konnte. Die Nachbarin grüßt nicht mehr. Der Ehemann ist schlecht gelaunt. Und ich fühle mich in letzter Zeit so müde. Vielleicht ist doch nicht alles gut. Und vielleicht gehöre ich selbst gar nicht immer zu den Guten. Vielleicht habe ich doch nicht immer alles richtig gemacht. Vielleicht kommt ein winzig kleiner Teil meiner Probleme doch daher, dass ich nicht perfekt bin. Und vielleicht sind doch nicht an allem die anderen schuld.

Die Sache mit der Selbsterkenntnis ist ein langer und schwieriger Weg. Denn die Fehler, die ich selbst mache, sehe ich normalerweise nicht. Ich sehe sie nur an den Reaktionen der anderen. Und  dann ist es schwer zu sagen, ist das deren Fehler oder ist das meiner. Das ist gar nicht so einfach auseinander zu halten.

Und dann kommt noch dazu, dass ich es ja immer gut meine, aber gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht.

Oder vielleicht meine ich es gar nicht immer gut. Manchmal bin ich echt rachsüchtig und schadenfroh und gönne jemandem, der mich geärgert hat, seine Probleme aus tiefstem Herzen.

Das ist dann eigentlich doch ganz gut. Denn dabei merke ich dann schon, dass ich in diesem Fall nicht zu den Guten gehöre. Gut, jetzt habe ich einen kurzen Blick auf meine nicht so ordentliche und nicht so schöne Seite getan. Und das ist wichtig. Ich bin meiner rachsüchtigen Seite begegnet. Das ist der erste Schritt, sie im Zaum zu halten und nicht ständig auszuleben.

Haben Sie auch nicht so schöne, nicht so ordentliche Schattenseiten?

Nein? Glauben Sie mir, sie haben die. Jeder hat die. Der einzige Unterschied besteht darin, ob man sie kennt oder nicht. Wenn Sie denken, Sie gehören immer zu den Guten und haben keine Schattenseite, dann haben Sie Ihre Schattenseiten nur noch nicht kennengelernt.

Jetzt können Sie sagen: Die spinnt. Naja in der Kirche da versuchen sie einem immer einzureden, man wäre sündig, damit sie dann ankommen können und die Vergebung der Sünden anbieten können.

Ja, ich kenne diese Kritik an der Kirche und ich halte sie für völlig unsinnig. Wir Pfarrerinnen und Pfarrer trauen uns doch gar nicht mehr, die Menschen auf ihre Schattenseiten anzusprechen. Wir machen doch schon lange mit bei dem allgemeinen: Wir sind so gut, wir sind so nett, wir machen doch nicht wirklich etwas falsch.

Aber es stimmt nicht. Die Wahrheit ist, wir alle haben eine dunkle Seite, die wir nicht wahrnehmen. Und unsere Aufgabe ist es, uns dieser Seite zu stellen. Sonst wird sie unser Handeln bestimmen, ohne dass wir das merken. Wir müssen für unsere Handlungen die Verantwortung übernehmen. Und das können wir nur, wenn wir wahrnehmen, was wir tun.

Also, auch Sie machen Fehler, auch Sie tun Dinge, die sie lieber nicht wahrhaben möchten. Auch Sie können böse sein. Böse!

Und wenn Sie nicht wissen, wie Ihre Rückseite aussieht, fragen Sie?

Fragen Sie ihren Ehepartner! Der weiß es bestimmt. Fragen Sie Menschen mit denen Sie zusammen arbeiten! Die wissen es auch.

Leider wissen andere Menschen manches von uns, was wir selbst nicht wahrnehmen können. Wenn Sie es wissen wollen, fragen Sie.

Das ist ein steiniger Weg. Aber seit der Vertreibung aus dem Garten ist es unsere Aufgabe, diesen steinigen Weg zu gehen und so gut wie möglich herauszufinden, was wir falsch machen und dann die Verantwortung dafür zu übernehmen. Das heißt nicht, dass wir dann alles richtig machen. Das können wir überhaupt nicht. Aber zu merken, was wir falsch machen, das macht uns zu Erwachsenen und zu Menschen, die auch mal fünf gerade sein lassen können.

Wenn ich etwas falsch mache, dann darf der andere das auch mal. Ich verstehe ihn und wie es dazu gekommen ist. Er ist eben genauso wenig immer nur gut wie ich.

und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

drucken