Frisch geslamt: Von Muße und Müssen

Martha muss müssen.
Sie muss Marmelade kaufen und zum Bäcker laufen,
Muus einkochen und Liederzettel lochen,
Milch bestellen und die Hunde verbellen,
die sonst Jesus verprellen.
Das darf nicht sein!

Mutter einnorden, Met besorgen und Butter borgen
Musik raussuchen, Kellner buchen, keinesfalls fluchen,
weil die Arbeit so viel.
Malte bitten, die Bilder zu schicken,
die sie Jesus zeigen will.

Die Merkel anrufen,
den Zug umbuchen, in dem Jesus kommt –
denn das schafft sie sonst nie mit diesem Sch… Knie,
das tut immer weh, wenn das Wetter umschlägt.

Martha muss Möbel verrücken, die Kissen aufschütteln,
den Maler bestechen, dass der noch zur rechten
Zeit fertig wird!
Der machtgeile Müller, der ist der Knüller,
der muss unbedingt kommen, zu zeigen den Frommen,
wer Herr ist im Städtchen Neuwerth.
Dem mal das Maul stopfen, statt mit Met und mit Hopfen
mit Liebe und Güte.
Das wär mal so recht was für Marthas Gemüte.

Martha muss müssen.
Maria, die müsste doch
auch mal was tun!
Die kleine Verwöhnte, die mit allen Versöhnte,
die miese Maleuse,
die von Mutter geliebte Kleene, so Schöne!
Schluss jetzt mit Ausruhn!

Maria mag Muße, tut selten Buße
und steht in dem Rufe
das Leben zu lieben und Liebe zu üben –
manchmal zu doll.

Maria mag still sein.
Und faul sein, das auch.
Mag zuhören und achtet
auf leise Töne, die sachte
zwischen den Zeilen
und in den Augen stehen.
Maria denkt und fühlt mit dem Bauch.

Maria mag Mozart, den Wein auch vom Vortag
mag Marokko und München, mag Veilchen und Blümchen.
Sie mag Michel und Malte, sie mag auch die alte
Frau Meier, die keiner erträgt.
Maria mag Mädchen, das Sticken mit Fädchen.
Sie mag auch Männer, die mit lautem Gehämmer
und herbem Rufen ihre Aufmerksamkeit suchen
Maria mag jeden, das ist halt ihr Leben.
Maria, die Süße, setzt sich ihm vor die Füße.
Das muss man wohl mögen, so ist sie nun eben.

Und Jesus mag beide:
Maria, die lacht, und Martha, die macht,
sie sind ihm eine Freude.

Warum er die eine
der anderen vorzieht
wissend, dass keine
so wie die andere liebt?
Die eine mit Händen, die andre mit Worten,
die eine mit Streicheln, die andere mit Torten,
die eine ganz leise, die andre mehr laut,
beide so weise, und beide vertraut.

Ich liebe sie beide, die Schwestern der Bibel
und ich wünschte, dass Jesus bliebe
für beide der Heiland,
der froh und gesund macht.

Sie sind ja Schwestern – zwei Seiten von mir
Maria und Martha, du siehst sie vor dir.
Sie zürnen und streiten,
sie träumen und leiden
sie lachen und meiden
mal dies und das.
Meine Hoffnung bleibt dies, dass Jesus vergibt
den Zwietracht, den Hass
und dass endlich Liebe wird zwischen den beiden.

Das wünsch ich auch dir und der Welt,
weil ich glaube, dass Gott das gefällt
wenn froher Gesang von hier unten erklingt,
und endlich Maria mit Martha singt.

Er gebe Frieden und großes Erbarmen.
So sei es. Nichts andres heißt: Amen.

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