Fürchtet euch nicht – Ich bin es

Liebe Gemeinde,

der für heute vorgesehene Predigttext führt uns in die Anfänge des Christentums zurück. In die Zeitbevor die Evangelien geschrieben waren. Noch war nichts aufgeschrieben. Die Jünger hatten einiges mit Jesus erlebt. Dann war er hingerichtet worden. Wie ein Sturm war der Arm des römischen Reiches über die umherziehende Gruppe weggefegt. Jesus am Kreuz – alles verloren. Verzweifelt und hoffnungslos besannen die Jünger sich auf ihre alten Berufe und landeten gemeinsam auf einem kleinen Fischerboot.

Dann geschahen überraschende Dinge. Der Evangelist Matthäus hat die Geschichte später in sein Evangelium eingebaut. Dadurch bekam sie eine andere Einleitung. Ich lese den für heute vorgesehenen Predigttext aus dem 14. Kapitel des Matthäusevangeliums:

„Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“

Hoffnung und Verzweiflung, Vertrautes und Erschreckendes. Die Erzählung steckt voller Gegensätze. Manches passt nicht in den Kontext, in den Matthäus die Erzählung gestellt hat.

Jesus trennt sich von seinen Jüngern. Er sucht die Einsamkeit das Gebet. Dieses Motiv taucht in den Evangelien häufiger auf. Es beschreibt die Situation der frühchristlichen Gemeinde. Jesus ist nicht bei ihnen, jedenfalls können sie ihn nicht mehr sehen. Jesus geht allein auf den Berg. Er ist Gott näher als den Menschen, so halten diese Bilder fest.

Die Evangelien sind deutlich nach Jesu Wirken geschrieben. Sie beschreiben keine historischen Abläufe, sondern interpretieren die Geschehnisse um Jesus als Erfüllung der Heilsgeschichte.

Ich kann mich gut in die Lage der Jünger versetzen. Jesus am Kreuz und begraben. Nun ist ihr eigenes Leben ebenso in Gefahr. Die Mächtigen haben gezeigt, was sie von neuen Ideen halten.

Wenn ich in unsere Zeit sehe, geht es mir manchmal ähnlich. Bedrohlich drängen die Lasten dieser Zeit auf mich ein. Neu erwachsender Nationalismus, Künstliche Abgrenzungen zwischen Menschen, die doch alle dasselbe Schicksal teilen. Kaum noch aufzuhaltende Veränderungen des Klimas und der Lebensbedingungen – als Kanufahrer kann ich das an vielen Stellen schon deutlich sehen. Viele europäische Flüsse haben im Sommer kaum noch Wasser, auch an Stellen wo ich vor Jahren noch gut paddeln konnte. Und mit dem Machtwechsel in Amerika haben die Leugner des Klimawandels noch einmal Oberwasser, die vielleicht letzte Chance auf einen Wandel könnte vertan sein.

Wie die Jünger sitze ich in einem kleinen Boot auf stürmischem Wasser.

In der Nacht – als alles noch Bedrohlicher wirkt – erscheint ihnen Jesus. Doch die Jünger erkennen ihn nicht. Sie erwarten ihn wohl auch nicht. Auch das ein Zeichen dafür, dass es in der Erzählung zunächst nicht um ein Wunder sondern um eine Auferstehungserzählung ging.

Die Jünger halten ihn für ein Gespenst. Eine weitere Bedrohung. Es ist nicht der Freund, von dem sie sich am Nachmittag am Ufer getrennt haben. Jesus begegnet ihnen mit den Worten, die wir aus den Ostergeschichten kennen: „Fürchtet euch nicht – Ich bin es!“

Sie erinnern sich vielleicht: In allen Ostererzählungen wird Jesus zunächst nicht wiedererkannt. Die Emmausjünger erkennen ihn am Brotbrechen, die Frauen am Grab als sie seine Füße berühren, Thomas als er die Wunden berührt.

Es hat sich vieles verändert. Die Auferstehung ist ein Neuanfang, keine glatte Fortsetzung.

Und nun kommt der zweite Teil der Erzählung: Petrus.

„Herr, wenn du das bist, dann befiehl mir zu dir zu kommen!“

Da liegt er, im Sturm seines Lebens. Und nun keimt die Hoffnung auf. Viel hat Petrus mit Jesus erlebt. Alles hält er für möglich.

„Herr, wenn du das bist, dann wird mein Leben wieder tragfähig. Dann finde ich wieder Halt!“

Und Jesus antwortet: „Komm her!“ Trau dich. Vertraue darauf, dass dein Leben von Gott getragen wird.

Und Petrus schafft es. Er klettert aus dem Schutz des Bootes und geht mutig einige Schritte auf  Jesus zu.

So möchte ich gerne auch sein. Voller Vertrauen das tun, was dran ist. Voller Hoffnung die Schritte tun, die diese Welt braucht, um zu genesen. Das Beispiel des Petrus zeigt: Das ist möglich. Jedenfalls solange ich auf Jesus vor mir sehe. Dann folgt der Blick zur Seite. Terror durch den IS, platte Parolen statt Nächstenliebe. Medienwirksame Propaganda, die Probleme nicht löst sondern schlicht ignoriert.

Und wie Petrus beginne ich zu versinken. Das kann doch nichts werden!

„Komm her!“, sagt Jesus und streckt die Hand aus. „Ich werde dich tragen.“

Ich mag diesen Petrus. Vorlaut und großspurig. Ein Gefühlsmensch, ganz impulsiv. Kein Held. Ich bin dankbar, dass die Verfasser der Bibel ihn nicht als strahlenden Helden präsentieren, sondern als Menschen mit Stärken und Schwächen. Petrus macht mir Mut, meinen eigenen Glauben auszuprobieren, gerade weil Petrus auch schwach wird. Jesus macht ihm auch gar keine Vorhaltungen, sondern bemerkt lediglich: »Du Kleingläubiger«. Auch der, der später zum Felsen wird (Mt 16,18), auf dem die Gemeinde steht, der hat demnach kleinen Glauben.

Mit ihm traue ich mich neue Wege zu gehen. Wenn ein Schiff nur im Hafen festliegt, wird es seinen Zweck verfehlen und schließlich auch auseinanderfallen. Am Ende des Matthäusevangeliums schickt Jesus uns Christinnen und Christen auf den Weg: „Geht hin in alle Welt!“ Nur wenn wir die Sicherheit verlassen, wird unser Glaube zur Kraft, die diese Welt verändert. Mit Petrus will ich mich neu auf den Weg machen, weil ich weiß, dass Jesus vor mir steht und meine Schritte begleitet. Amen.

Thomas Gleitz
Tel.: 05031-3465 
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