Gespenst – Rettung – Zweifel

  1. Es ist ein Gespenst!“

Es ist ein Gespenst“(Mt 1426), haben die Jünger gesagt, als Jesus über das Wasser kam.

Ein Gespenst. Ein Geist. Eine Ausgeburt unserer Phantasie – oder eine Ausgeburt unserer Angst?

a) Angst – wozu gibt es die eigentlich?

Ich könnte gut darauf verzichten. Sie nimmt mir den Schlaf und manchmal sogar den Atem. Sie lenkt mich von anderen Dingen ab, zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie versetzt mich in Unruhe. Sie stört, reibt mich auf, nervt und ist einfach entsetzlich unangenehm. Kann ich die Angst nicht einfach abschalten?

Kann ich natürlich nicht. Und die Biologen und Anthropologen würden jetzt sagen: „Angst ist sehr wichtig für uns Menschen.“ Und ich weiß ja, dass sie recht haben. Denn Angst verhindert, dass ich zu nahe an den Abgrund gehe oder mich zu weit über das Geländer lehne. Sie sorgt dafür dass ich im Bahnhof durch die Unterführung oder den Bahnübergang gehe, statt einfach über die Gleise zu laufen. Sie sorgt dafür, dass ich mein Gehirn einschalte, bevor ich handle, rede, tue – naja, nicht immer, aber immer öfter.

Trotzdem Angst ist anstrengend und kann einem das Leben echt schwer machen. Und manchmal nimmt sie einfach allzu bizarre Wege und Formen:

Stephen King, Schriftsteller und Meister des brutalen Horrors, hat in einem Vorwort zu seinem Buch „Nachtschicht“ sinngemäß geschrieben: „Ich weiß natürlich, dass es das Monster unter meinem Bett nicht gibt. Aber ich weiß auch, dass es mich nicht kriegen kann, wenn ich meinen Fuß immer schön unter der Bettdecke halte.“ So komisch kann Angst sein.

b) Angst kann viele Auslöser haben

Krankheiten und Tod verbreiten Angst und Schrecken. Natürlich auch Kriege. Sorgen vor der Zukunft können in Angst umschlagen. Und weil wir Menschen uns rein körperlich und genetisch seit der Steinzeit nicht wesentlich verändert haben, machen uns auch immer noch die Dinge Angst, die schon unsere Vorfahren in den Höhlen fürchteten: Dunkelheit, manche Tiere und alles Fremde und Unbekannte. Trotz 7000 Jahren Zivilisation sind gewisse Urängste immer noch tief im Menschen verankert, obwohl wir eigentlich wissen müssten wie unsinnig sie sind.

Und die Jünger haben Angst und sehen Gespenster, weil etwas unerwartetes passiert: Einer, den sie doch kennen, scheint auf einmal ganz fremd und damit bedrohlich: Jesus auf dem Wasser: „Es ist ein Gespenst.“ Das schien die sinnvollste Erklärung.

  1. Herr, rette mich!“

a) Gegen die Angst hilft nur eins: Mut

Davon hätte ich gerne mehr: Weniger Angst, mehr Mut! Aber der fällt nicht gerade vom Himmel.

Oder eben doch: Gerade wenn es darum geht, mehr Mut zu bekommen, dann hilft beten ungemein. Wirklich: Beten macht Mut! Ich bin auch kein großer Beter, aber das habe ich doch immer wieder gemerkt. Wenn ich um Mut und Hoffnung gebetet habe, dann hat der Mut in meinem Herzen fast augenblicklich zugenommen.

Natürlich war da nicht plötzlich grenzenloser Mut, der dafür gesorgt hat, dass ich alles tun kann, denn grenzenloser Mut ist fast gleichbedeutend mit Wagemut und der überwindet die Angst nicht, sondern ignoriert sie – mit zuweilen verheerenden und mitunter sogar tödlichen Folgen.

Aber Beten macht wirklich Mut, mehr Mut als vorher jedenfalls. Und das ist auch schon mal was.

b) Petrus hat Mut

Wenn man in der Lutherbibel diesen Text von Jesus und Petrus und den anderen Jüngern auf dem See aufschlägt, dann steht da drüber: „Der sinkende Petrus.“

Schade eigentlich: Das interessante an der Sache ist doch nicht, dass Petrus im See Genezareth versinkt. Das ist ja eigentlich normal und wäre nicht berichtenswert.

Das tolle ist, dass Petrus Mut hat und etwas versucht, was eigentlich nicht funktionieren kann:

Auf dem Wasser gehen, so’n Quatsch, geht nicht, funktioniert nicht, kann keiner. Das wissen wir. Es sei denn man weiß, wo die Steine zum Drauftreten sind – wenn denn welche da sind.“

Petrus hat Mut und versucht das Unmögliche. Ja, Petrus hat Mut und ist – zugegebenermaßen – auch ziemlich verrückt, ja, das Ganze bewegt sich nach gängigen Maßstäben schon an der Grenze zum Wahnsinn.

Aber der Witz ist ja: Es funktioniert!

Gut, nicht lange, aber immerhin. Das ist das wunderbare an dieser Geschichte: Er schafft ein paar Schritte, bevor ihn dann doch der Mut verlässt. Obwohl er doch eigentlich hätte merken müssen, dass das Wasser und die Kraft seines Glaubens ihn tragen, kommt dann doch die Angst durch: Denn was nicht sein kann…

Herr, rette mich!“ (Mt 1430), ruft er und Jesus muss ihn rausziehen. Schade.

c) Mit wäre es ganz genauso gegangen

Das bin ich mir ganz sicher. Da habe ich gerade gemerkt, dass etwas geht, was noch nie zuvor gegangen ist und während mit noch die Freude über den Erfolgs packt und erfüllt, kommt doch schon der Unglaube durch und die Angst, dass das alles nur ein schöner Traum ist: Und, bums, schon liege auf der Nase. Oder versinke in den Alltäglichkeiten des Lebens.

d) Vieles hat so angefangen

Es muss ja nicht „auf dem Wasser gehen“ sein. Aber wie wäre es mit Fliegen. Das war vor 150 Jahren noch ein verrückter Traum. Und diejenigen Menschen, die sich daran gemacht haben, diesen Traum wahr werden zu lassen, dürften sich nicht anders als Petrus gefühlt haben. Begeistert wenn sie sich in die Luft erhoben und doch erschrocken, dass es wirklich möglich war und dass sie eine Grenze überschritten hatten.

Verrückt, wagemutig, größenwahnsinnig – die, die gescheitert sind.

Helden, Pioniere, mutige Männer (und Frauen) – die, die Erfolg hatten.

e) …und ich?

Als Christenmensch sollte ich eigentlich wissen, dass mein Glaube auch so etwas kann. Dass ich Grenzen überwinden kann. Das ich mit der Kraft des Glaubens Dinge tun kann, die es noch nie gab – vor allem im Miteinander zwischen Menschen. Das haben wir vom Glauben geleiteten Menschen eigentlich(!) unsere Stärken. Ich kann Grenzen überwinden und auf Menschen zu gehen, Nähe suchen und fördern. Manchmal muss ich dazu auch verrückt sein.

Manchmal aber scheitere ich auch.

  1. Warum hast du gezweifelt?“

Warum hast du gezweifelt? (Mt 1431), fragt Jesus Petrus, nachdem er ihm aus dem Wasser gezogen hat.

Ich höre in dieser Frage keine echte Kritik. Sondern schon eine Spur Stolz. Und ein bisschen eben auch Enttäuschung.

Warum hast du gezweifelt?“ – das hätte auch ein Vater zu seinem Kind sagen können, das auf dem Baumstamm balancieren wollte. Und das Kind war losgelaufen. Auf dem schmal Stamm. Und der Vater hatte es losgelassen. Das Kind war ganz allein losgetappt. Hatte sich vorsichtig über den Baum bewegt. Hatte mit den Armen gerudert und sich doch wieder gefangen. Hatte sich begonnen auf dem Stamm sicher zu fühlen und sich umgekuckt.

Und da war es passiert. Kurz vor dem Ende, als der Vater gerade schon den Jubel anstimmen wollte, da wurde dem Kind plötzlich klar, dass es ja hoch oben auf dem Baumstamm war und es auch herunterfallen könnte und dass der Vater ja wirklich losgelassen hatte und das Kind ja ganz allein war. Wie ein Gespenst war dieses Gefühl der Angst plötzlich da – die Angst vor dem Neuen und Fremden und Unbekannten. Das hat’s noch nie gegeben. Und die Angst hatte den Mut überrumpelt und das Gleichgewicht war dahin. „Vater, rette mich“, dachte das Kind noch, bevor es vom Stamm fiel.

Aber der Vater fing es natürlich auf, wie er jedes seiner Kinder bisher aufgefangen hat, wenn es gefallen war, wenn es seine Grenzen überschreiten wollte.

Und eigentlich wollte er die Frage gar nicht stellen. Sie war über seine Lippen gekommen, bevor er sich bremsen konnte. „Warum hast du gezweifelt?“ Obwohl er doch eigentlich „Toll gemacht, ich bin stolz auf dich sagen wollte.“

Warum hast du dir gezweifelt? Du hast es doch geschaft. Und es konnte doch gar nichts passieren. Ich war doch immer neben dir, um dich aufzufangen. Auch als ich dir losgelassen habe, damit du selbst gehen konntest.
Oder hast du an mir gezweifelt? Befürchtet, dass ich nicht da bin?
Keine Angst.
Ich fange dich auf, wenn du fällst.
Ich hole dich raus, wenn du sinkst.“

Amen.

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