Wer aufbricht zu neuen Ufern… (Matthäus 14, 22-33)

Wieviel Hoffnung schwingt in dieser Ankündigung mit: wir brechen auf ans andere Ufer, wir machen uns auf zu neuen Ufern…
Da stehen Hunderte, die es bis nach Bremerhaven geschafft haben, weil sie in die Neue Welt wollen. Sie erwarten hier nichts mehr und dort alles. Sie drängen sich, egal woher sie kommen in der ersten, zweiten oder dritten Klasse, inmitten von Wohlstand und Luxus oder einquetscht unter Deck, wo man nur mit dieser Hoffnung durchhalten kann: dort werden wir es schaffen.
Manche in den Jahrhunderten zuvor sind den Angeboten der Zarin Katharina der Großen gefolgt oder haben sich in Siebenbürgern oder im Banat niedergelassen, um als Siebenbürger Sachsen und Banater Donauschwaben bekannt zu werden. Sie sind zu anderen Ufern aufgebrochen mit der Hoffnung, die sich in jedem Aufbruch verbirgt. Hoffnung, die auch die hatten, die in den dunkelsten Jahren deutscher Geschichte, an die wir am Freitag erinnert haben, aus Deutschland aufgebrochen, geflohen sind. Sie haben oft nicht mehr als das nackte Leben gerettet, weil sie entweder frühzeitig aufgewacht waren, die Zeichen der Zeit verstanden oder das Glück hatten, über persönliche Kontakte nach Amerika oder in die skandinavischen Länder wie Schweden auswandern zu können oder sich auch in Frankreich, Holland und Belgien bis zum Ausbruch des zweiten Krieges in Sicherheit wähnten. Das Elend kam zurück mit Flucht und Vertreibung am Ende des Krieges über die Ostsee, über das Eis, über die Oder, in den Tod oder in eine ungewisse Zukunft.Sie wollten leben, deswegen sind sie alle aufgebrochen, nicht wegen des Zaubers, der nach Hermann Hesse jedem Abschied und damit auch jedem Anfang innewohnt.
Wie viele haben unsere Landstriche in den letzten fünfundzwanzig Jahren verlassen, sind aufgebrochenen, weil sie eine Perspektive suchten und sich aufmachen mussten, weil diese nicht zu ihnen kam.
So geht es heute denen, für die wir die Perspektive, unser Land das andere, das nun wirklich buchstäblich rettende Ufer geworden sind, weil sie unzählige im Mittelmeer haben ertrinken sehen. Wie die Jünger sind sie nicht freiwillig aufgebrochen. Wie die Söhne und Töchter aus unseren Dörfern sind sie den Lebensmöglichkeiten hinterhergezogen, um nicht nur zu überleben, sondern zu leben, um frei zu sein, um für die eigenen Kinder sorgen zu können, um Freude am Leben zu empfinden, um Zukunft zu haben. Das Leben, die Verantwortung und die Sehnsucht haben sie gedrängt.
Wie oft sind wir aufgebrochen, freiwillig, neugierig oder erzwungen: die Chance, beruflich voranzukommen, ein Karrieresprung an anderem Ort; die Liebe, die in eine fremde neue Heimat führte; der Wunsch, den eigenen Kindern im Alter wieder nah zu sein oder den Lebensabend in Ruhe und naturnah nach den Jahren der Stadthektik zu verbringen; nach dem Scheitern der langen Ehe als die Kindern längst aus dem Haus waren; nach dem plötzlichen Tod des Partners?Jeder hat seine eigene Geschichte und da hängen so viele Empfindungen und Erinnerungen an einem einzelnen Satz: wir mussten, wir wollten oder wir sollten zu einem neuen Ufer aufbrechen.
Damit hätte Matthäus wohl nicht gerechnet, dass er all das in uns auslöst mit solch einem Satz, mit dem er eigentlich nur etwas alltägliches im Leben des Wanderpredigers erzählt. Konnte Jesus zum Beispiel am See Genezareth in ein Boot steigen, gelang es ihm, Abstand zwischen sich und die Menschen zu bringen,; er konnte schneller Orte am gegenüberliegenden Ufer erreichen, konnte auch leichter vom Wasser des Sees aus zu den Menschen sprechen. So geschah es wohl häufiger und er drängte seine Jünger weniger wegen ihrer Furcht, als wegen der Zeit. Er drängte sie, vorzufahren, um für sich mit seinem Gott allein sein zu können.
Ich habe manche Fluchtgeschichte gehört und oft wurde dabei erzählt: mein Glaube hat mir geholfen. Wahrscheinlich kann man es nicht anders sagen, als so allgemein. Irgendetwas, nein: Irgendjemand, den wir Gott nennen, hat die Kraft geschenkt, zu überleben, als dies überhaupt nicht mehr selbstverständlich war. Es ist nicht selbstverständlich, dass Glaube Überleben sichert, denn viele sind in ihrem Glauben und mit ihrem Gott oder voller Verzweiflung ohne ihren Gott gestorben. Aber die, die überlebt haben, sagen mir oft, dass dies für sie nur möglich war, weil sie zwar alles verlieren konnten, aber an Gott so festgehalten haben, dass auch er sie nicht loslassen konnte. Sie haben gebetet, sie haben geweint, sie haben gehofft und gebangt, sie haben nichts mehr erwartet, sie waren allein mit ihren Gedanken und Gefühlen und zugleich umgeben von Hunderten und Tausenden, denen es ähnlich ging.
Ich sehe wieder Menschen vor mir, die unterwegs sind, aufgebrochen, um neue, andere Landschaften zu erkunden, ehe sie erholt, gestärkt, angeregt wieder nach Hause zurückkehren. Urlauber, sie kommen in unsere Kirchen, wenn sie offen sind und so einladen. Sie schauen sich um, sie halten inne, sie setzen sich gedankenversunken, still und….: beten (?), beten, ohne Worte zu machen, beten, obwohl sie dachten, es verlernt zu haben oder es nie gewagt haben — Wie gut das vielen tut! Wie wohl der Seele dabei ist!
So muss es Jesus ergangen sein, der immer von Menschen umgeben, immer Menschen zugewandt nur gegenwärtig, aufmerksam und liebevoll dasein konnte für die Nöte anderer, wenn er Zeit für sich und seinen Gott fand. Er lebte seinen Glauben, er lebte seine Beziehung zu Gott, der ihm – egal wie -wirklich Vater war, er lebte diese Beziehung in diesen Augenblicken des Rückzugs und der Stille und fand so Kraft und Liebe zu den Menschen. Und dann war er wieder da , gegenwärtig, tröstend, helfend, rettend, wenn sie ihn brauchten und nach ihm riefen.
Die Stürme des Lebens werfen uns aus der Bahn, wenn wir keinen Halt haben. Wir wissen vorher nicht, aus welcher Richtung der Wind uns entgegenweht. Wir haben oft wenig entgegenzusetzen und sind unserer Angst ausgeliefert, die überhand nimmt, die von uns Besitz ergreift, so dass sie uns und nicht mehr wir sie beherrschen. Ob wir dann auch sagen werden: mein Glaube hat mir geholfen: wenn mein Kind krank wird, wenn wir im Streit den Kontakt zueinander verlieren, wenn mein Partner stirbt, ohne dass ich mich verabschieden kann, wenn die Kündigung mich völlig unvorbereitet trifft und aus der Bahn wirft, wenn ich alle Lebensfreude und allen Lebensmut in einer Depression verliere? Die Wellen schlagen rechts und links neben mir hoch, ich sehe das rettende Ufer nicht mehr, ich lebe nur noch Angst. Ich drohe denen zu erliegen, die mit meiner Angst Schindluder treiben, sie vermehren statt sie mir zu nehmen, ich drohe in Ablehnung, Verzweiflung vielleicht sogar Hass zu versinken, wenn ich mit meiner Angst allein bleibe. Der Glaube kann helfen?
Einer kommt uns im Sturm entgegen, im Aufbruch und im drohenden Untergang und ruft uns aus dem Dunkel, ohne dass wir immer alles klar erkennen können, zu: seid getrost, ich bin es ; fürchtet euch nicht!
Das ist für mich Glaube: wenn das rettende Ufer noch nicht erreicht ist, wenn der Sturm noch tobt, wenn meine Angst noch nicht besiegt ist, eine Hand entgegengestreckt zu bekommen und das Versprechen und die Verheißung darin zu spüren: Sei getrost. Ich bin es.
Wenn ich nichts mehr habe, wenn mich nichts mehr trägt, kann mich das halten. Dann gilt: mein Glaube hat mir geholfen, unterwegs: auf vertrauten Bahnen, im gewohnten Leben, aber auch, wenn ich aufbrechen möchte oder aufbrechen muss an ein anderes, ein neues Ufer. Hoffnung darf dann mitschwingen: darauf, dass ich die Zukunft nicht allein bewältigen muss, nicht wirklich untergehe, sondern die rettende, die helfende Hand finde. Dann hat mir der Glaube geholfen, dann hat auch uns als Gesellschaft der Glaube geholfen, wenn wir der rettende Anker, die helfende Hand für Geängstigte und Ertrinkende sein können. Das schenke uns Gott. Amen

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